Titel
Artus-Lexikon
Untertitel
Mythos und Geschichte, Werke und Personen der europäischen Artusdichtung
Rezension

Kaum eine – literarische – Gestalt des Mittelalters erfreut sich einer so breiten und in den unterschiedlichsten Facetten auch heute noch aktuellen Beliebtheit wie der legendäre König Artus, der trotz oder womöglich gerade wegen seiner die späteren Lebens- bzw. Überliefe­rungsjahre kennzeichnenden Passivität als Typus des idealen Herrschers gilt.

Die anhaltende Rezeption, die mit schwer faßbaren bzw. datierbaren Anfängen in der insel­keltischen Überlieferungstradition anhebt und über Chrétien de Troyes Adaptionen bzw. deren Umdichtungen in der mittelhochdeutschen höfischen Epik gewissermaßen europäisches Traditionsgut geworden ist, wird auch in der Gegenwart fortgesetzt. Neben Neu-Dichtungen vor allem im Kinder- bzw. Jugendbuchsektor sind es Adaptionen im Kontext audiovisueller Medien, deren Spannbreite von mehr oder minder seriösen Dokumentationen bis zu ambitionierten Kino-Verfilmungen bzw. qualitativ recht unterschiedlichen Fernsehserien reicht.

Angesichts dieses gewissermaßen „hypergravitativen“ Interesses erschien eine Handreichung in lexikalisch aufbereiteter Form im deutschen Sprachraum längst überfällig. Dieses Desiderat ist durch das vorliegende Artus-Lexikon Rudolf Simeks beseitigt, das in umfangreicher und an­regender Weise für die jeweiligen Artus-Dichtungen relevante Personen, topographische Details und mittelalterliche Verfasser auflistet.

Um mit einem Wermutstropfen für alle diejenige zu beginnen, die sich eine lexikalische Aufarbeitung des Artus-Themas bis in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart unter Einschluß der oben angesprochenen auch audioviusellen Formate gewünscht hätten – eine solche findet nicht statt. Der Autor deutet diesen Umstand auch in seiner Einleitung an und begründet dies mit den einem realisierbaren Umfang geschuldeten Sachzwängen; allerdings erscheint es mir, und das mag wohl nicht zuletzt mit der Kenntnis verschiedener Veröffentlichungen Rudolf Simeks zusammenhängen, daß in diesen Zeilen mehr als nur ein Unterton des Bedauerns mitschwingt.

Allerdings kann diese Einschränkung den Wert der vorliegenden Veröffentlichung nicht wirklich schmälern, denn obgleich Rudolf Simek sich auf den Aspekt mittelalterlicher Stoffbearbeitung und damit verbunden mittelalterlicher Rezeptionsgeschichte beschränkt, ist diese so breit an­gelegt, daß eine Erweiterung in spätere Zeiten und außerliterarische Medien sicherlich unor­ganisch und damit stören wirken würden.

So liefert Rudolf Simek „lediglich“ Informationen über die mittelalterliche Adaption und literarische Rezeption einer der populärsten Gestalten der europäischen (Geistes-)Geschichte, über die es auf dem Bucheinbandtext heißt: „Ein gewisser Artus, Warlord aus den britischen Dark Ages, mehr Gerücht als historisches Faktum, brachte es im Hochmittelalter zu atem­beraubender Popularität. Man erzählt, dass Mönche, die in der Messe vor Langeweile einge­schlafen waren, sofort hellwach aufmerkten, wenn der Prediger nur trickreich den Namen „Artus!“ einfließen ließ.“

Das Aufmerken mittelalterlicher Mönche mag zwar einesteils nur bedingt auf die heutigen Lese- bzw. allgemeinen Rezeptionsverhältnisse zu übertragen sein, gleichwohl ist die Faszination an dieser literarisch-mythischen Gestalt wie bereits angedeutet wohl immer noch ungebrochen. Und so läßt sich auch das vorliegende Artus-Lexikon als ein hilfreiches und geradezu notwendiges Vademecum ansehen, das sich bei einer sowohl ersten als auch vertiefenden Lektüre der ver­schiedenen Artus-Adaptionen fürderhin als unentbehrlich erweisen dürfte.

Und so werden nicht nur die sattsam bekannten Hauptpersonen – Artus selbst sind knapp drei Seiten gewidmet – zum Thema eines Artikels, sondern auch Figuren wie etwa „Neauton von Moncazin“, der als Tafelritter an einem Turnier im „Wigamur“ teilnimmt. Selbstverständlich ist auch diese anonyme Dichtung, entstanden um 1250, im Lexikon aufgenommen. Und so liest sich das Ganze fast so spannend, wie die thematisierten Dichtungen selbst, denn auch bei weniger exotischen Figuren und Dichtungen werden Querverbindungen aufgezeigt, die ansonsten oft nicht in dieser Deutlichkeit präsent sind.

Neben den in welcher Weise auch immer mit dem Artus-Kreis bzw. den Artus-Kreisen verbundenen Gestalten werden auch – wie eben angesprochen – die verschiedenen mittelalter­lichen Werke dezidiert, d.h. mit durchaus umfangreichen Verweisen auf Quellen und Sekun­därliteratur versehen, belegt und darüber hinaus eben auch geographische Artikel bereitgestellt, anhand derer sich auch eine Artus-Geographie bzw. -Topographie erstellen ließe. Schade nur, daß ein entsprechendes Kartenwerk etwa im Anhang nicht aufgenommen wurde.

Bedauerlich ist auch, wenngleich sich der Verfasser dieser Zeilen der Ästhetik von Schwarz-Weiß-Abbildungen keineswegs verschließt, daß die insgesamt 32 Abbildungen nicht zumindest zum Teil farbig gehalten sind. Denn in der jüngeren Vergangenheit hat sich, und das ist meines Erachtens wirklich zu bemängeln, die Tendenz durchgesetzt, weniger „schwarz auf weiß“ denn „grau auf weiß“ zu drucken. Was hinsichtlich von Textpassagen noch läßlich sein mag, ist bei Abbildungen insofern deutlich unangenehmer, als diese dann – und das gilt eben auch für das „Artus-Lexikon“ wie im Verblassen begriffene Resultate aus der Frühzeit der Thermokopierer wirken. Hier wäre – wenn schon „farblos“ – ein intensiveres Druckbild angebrachter gewesen. Nun ist ein literarisches Lexikon selbstverständlich nicht in erster Linie als eine Art „Bilderbuch“ anzusehen, so daß der obige Einwand der positiven Würdigung des Werkes als Ganzen nicht abträglich sein soll. Dies gilt umso mehr, als die meisten der Darstellungen an anderer Stelle auch farbig zugänglich gemacht sind.

So bleibt der letztlich sehr positive Eindruck, daß Autor und Verlag im Interesse gegenwärtiger Rezipienten endlich eine Lücke geschlossen haben und sowohl für den Einstieg in die „Artus-Welt“ als auch für die weitergehende und intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Artus ein grundlegendes „Tool“ – oder altmodisch ausgedrückt Handwerkszeug – geliefert haben, dessen Wert sich auch nicht in einmaligem Gebrauch erschöpfen dürfte.

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