Titel
Illustrierte Geschichte der Antike
Rezension

Geschichte war für Spengler Beschreibung für gesetzmäßiges Aufblühen und Hinwelken von Kulturen, für Toynbee eine Sphinx, die stets neue Rätselfragen stellt. An Publikationen zum Alten Ägypten, zu Griechen und Römern, Ramses, Alexander und Kleopatra fehlt es nicht, unser Buchmarkt liefert. Nicht zuletzt auch dank des Althistorikers Holger Sonnabend vom Historischen Institut der Universität Stuttgart. Seiner Reihe von Veröffentlichungen zur Geschichte und Kultur der Antike hat er nun ein weiteres Werk folgen lassen, eine Illustrierte Geschichte der Antike.

Warum ist die Antike 'alt'? Sonnabend kommt in knapper Einführung (S. 6-7) auf den Punkt: alt ist sie für die Neuzeit und sie ist Anfang der Geschichte. Antike ist Wiege europäischer Kultur und erklärt Perspektiven, Zivilisationen und Mächte, weit über den europäischen Kontinent hinaus. Antike als Studienobjekt regt daher zu intensiver Suchbewegung an: „Wie entstanden Staaten und andere politische Gemeinschaften? Wie konnte man große Reiche regieren? Wie bildeten sich wirtschaftliche Abläufe heraus?“ (S. 6). Antworten liefern 175 Seiten Text in Kombination mit zahlreichen, fast durchweg farbigen, zum Teil ganzseitigen Abbildungen.

Bevor das Werk startet, kommen zwei wesentliche Anliegen zur Sprache: Sonnabend verweist auf Modernität und Aktualität alter Geschichte – der Leser soll wissen, warum Ordnungsmuster, Philosophien und Lebensvollzüge ferner Weltzeiten Gegenwartsbezug haben (S. 7). Zum anderen verrät das Buch bereits auf dem Rückseitendeckel ein wesentliches Gestaltungsmoment: „Ein besonderer Akzent liegt auf prominenten, gestaltenden Persönlichkeiten“. Zwar liegt es Sonnabend fern, griechische und römische Geschichte (um die es hauptsächlich geht) allein als Narrativ der 'Großen der Geschichte' abzuarbeiten, doch verweist er nicht zufällig auf Johann Gustav Droysen, der hier freilich mehr als „Protagonist der modernen Quellenkritik“ (S.13) auftritt.

Eingeführt wird mit kurzem Abriss zu „außereuropäischen Hochkulturen“, in dem Sonnabend altes Ägypten, Sumerer, Assyrer, Babylonier, Hethiter und schließlich auch noch das Großreich der Achämeniden in Persien aufleben lässt (S. 14-21).

Bei Griechen erfolgt die Gliederung in Frühzeit, archaisches und klassisches Griechenland und Zeitalter des Hellenismus. Die Frühzeit wartet mit Minoern auf Kreta auf als „die erste europäische Hochkultur“ (S. 23), zu der es Sagenumwobenes aus dem reichen Fundus griechischer Mythologie zu berichten gibt (S. 22-25). Sonnabend tut dies zusätzlich in „Infokästen“, kreisrunden, optisch hervorgehobenen Textfeldern, die sich durch das gesamte Buch ziehen und als Eyecatcher dem Leser Zusatzinformationen zum jeweiligen Thema liefern sollen.

In der Zeit des archaischen Griechenlands, die „das Ende der Grauzone zwischen Mythos und Realität bedeutete“ (S. 34), sind dem Stuttgarter Historiker die Entstehung der Polis, die große Kolonisation (Homers Ilias und Odyssee werden gebührend berücksichtigt), die Einführung des Münzgeldes und – natürlich – Olympia als Entwicklungssprünge bedeutsam (S. 35-46), ebenso Spartas Aufstieg und die Aristokraten- und Tyrannenherrschaft (S. 46-49).

Es folgt das klassische Griechenland mit Perserkriegen zwischen Achämeniden-Königen und griechischen Feldherren nebst Erwähnung Herodots als 'Vater der Geschichtsschreibung' (S. 50-57), bevor die Zeit der Demokratie in Athen angeschnitten wird. Hier werden u.a. Demokratie-Entwicklung, Reformen des Solon und Scherbengericht präsentiert (S. 57-61), um sodann die „Blütezeit von Kunst und Kultur“ zu streifen (S. 62-65). Etwas ausführlicher wird Sonnabend erst wieder bei der „Auseinandersetzung zweier antiker Supermächte“ (S. 66), beim Peloponnesischen Krieg (S. 65-70), an dessen Ende der Aufstieg Makedoniens steht (S. 70-73). Damit ist die Überleitung zum Zeitalter des Hellenismus gefunden, in dem nun ein veritabler 'Großer' der Geschichte seinen Auftritt hat: Alexander, „ausgestattet mit einem ausgeprägten Sinn für politische Propaganda“ (S. 75). Vorgestellt wird das kurze Leben des Makedonenkönigs und die Abfolge seiner Schlachten (S. 74-80). Die Dynamik der auflebenden Diadochenkriege bringt Sonnabend prägnant auf den Punkt: „Wer zu viel Macht gewann, geriet ins Visier der anderen, die sich gegen den jeweils aktuell Stärksten zusammentaten, um danach wieder einzeln um die Macht zu kämpfen“ (S. 82). Die anschließende Darstellung der hellenistischen Königreiche, die in der „Ära eines labilen Gleichgewichts“ (S. 83) existierten, wird auf Metropolen fokussiert und geht über in kurze Streifzüge durch die Reiche der Antigoniden, Seleukiden und Ptolemäer mit Kurzporträts ihrer wichtigsten Herrscher-Protagonisten (S. 84-88). Die durch den Hellenismus begünstigte neue Weltkultur, die sich für Sonnabend hauptsächlich durch Bildung, Philosophie und Religion bemerkbar macht (S. 89-93), war weder Garant für Dauerhaftigkeit noch war ihr rascher Verfall alleinige Folge äußerer Bedrohung, denn „an der Unterwerfung des Ostens durch die Römer hatten die hellenistischen Machthaber zu einem großen Teil selbst Schuld“ (S. 95).

Auch in der römischen Geschichte, die in frühes Rom, Republik, Kaiserzeit und Spätantike eingeteilt wird, stellt Sonnabend mit Romulus-und-Remus-Mythos Legendäres voran, zu dem die Erwähnung der Aeneis des Vergil selbstredend nicht fehlen darf (S. 96-101). Für das frühe Rom zeichnet er die Geschichte und Kultur der Etrusker nach (S. 102-108), um am Ende ihrer Königsherrschaft mit Lucius Iunius Brutus Platz zu machen für die „erste Lichtgestalt der römischen Geschichte“ (S. 109). Standeskämpfe und Plebejer-Aufstieg sind sodann Auftakt für die Phase der Republik, die durch Hilfe der sogenannten Nobilität „in den folgenden Jahrzehnten zu einer Großmacht in der Mittelmeerwelt aufstieg“ (S. 112). Aus den Siegen des Pyrrhos (S. 115-116) konnten Römer „die Raffinessen hellenistischer Diplomatie und Propaganda“ (S. 116) kennenlernen. Dies half „Rom auf dem Weg zur Weltmacht“ (S. 117), womit Sonnabend bei den Punischen Kriegen, Hannibal und Roms Entwicklung zum Imperium Romanum angekommen ist (S. 118-124). Aber gerade ein so überdimensioniertes Reich implizierte zugleich auch seinen Untergang, der sich in inneren Auseinandersetzungen und Bürgerkriegen zeigte, die den Übergang zur Monarchie einleiteten (S. 124-131).

Die Kaiserzeit bis zur Reichskrise wird zweigeteilt in Kaiser der julisch-claudischen Dynastie und die Zeit von den Flaviern bis zu den Severern, begleitet von weiteren Infokästen, in denen Ovid, Tacitus, Seneca und Plinius d.J. vorgestellt werden (S. 132-151). Bis auf Augustus, der Kriege führte, „weniger weil sie notwendig waren, sondern vielmehr weil sie dazu beitragen sollten, seine Herrschaft zu sichern“ (S. 134), werden hier die Herrschergestalten nur mit kurzen Umschreibungen versehen. Zuletzt wird die Reichskrise des 3. Jahrhunderts behandelt, die Zeit der Soldatenkaiser und der massiven Christenverfolgung, aus der Diokletian „die richtigen Konsequenzen zog“ (S. 153).

Als „wesentlichen Einschnitt in der Geschichte des Römischen Reiches“ (S. 154) sieht Sonnabend im Spätantike-Kapitel zwei Entwicklungen: Siegeszug des Christentums und Reichsteilung. Damit verbunden die Tetrarchie Diokletians und Kaiser Konstantin, der erkannte, „dass die Christen mit ihrer reichsweiten Organisation ein wichtiger Partner im Kampf um die Macht sein konnten“ (S. 158). Die „vielfältigen Probleme“ (S. 159) des Imperiums und die Gründe für die Reichsteilung von 395 n. Chr. werden nicht weiter vertieft. Das Ende des weströmischen Reichs wird mit hohem Steuerdruck und nachlassender Produktivität in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe auf den Punkt gebracht (S. 162). Zuletzt hat Sonnabend mit Byzanz noch einen weiteren Teil an seine Geschichte angehängt, in der Justinian kurz erwähnt wird (S. 164-165). Sogar die Zeit der arabischen Expansion bis zur Eroberung von Konstantinopel findet noch Einlass (S. 166-169), womit sich Sonnabend allerdings vom Zeitraum der Antike weit entfernt. Das Buch geht über in Zeittafeln, die in acht Spalten insgesamt 4500 Jahre antike Geschichte im Telegrammstil zusammenfassen (S. 170-173) und endet mit Literaturempfehlungen (S. 174-175).

Sonnabends Neuerscheinung ist ein Kompromiss. Es wird kein textlastiges, schwer verdauliches Werk, aber auch kein kurz kommentierter, überschwerer Bildband geliefert. Sonnabend erzählt Verlauf und Wechselfälle von Geschichte, die sich an Fotografien von Gebäuden, Statuen, archäologischen Funden und Kunstgegenständen entlang hangelt. Für ein Geschichtsbuch erfrischend und lobenswert, zumal Sonnabend verständlich schreibt, treffend zusammenfasst und, wenn nötig, Irrtümer aufklärt. Gleichwohl greift das Buch zu weit aus und überhebt sich am Koloss Antike. Weniger wäre mehr gewesen: Eine Geschichte der Griechen und Römer hätte es auch getan, frei vom Ballast außereuropäischer Kulturen und der arabischen Eroberung. Weniger lobenswert sind auch die vielen übergroßen Stiche und Gemäldedarstellungen zwischen 16. und 19. Jahrhundert, die das Buch immer wieder durchziehen. Auch die modernen Aquarelle eines Peter Connolly (S. 76, 94-95 und 117) interessieren überhaupt nicht, und warum ein phantasievolles, verfälschtes Alexandermosaik zeigen (S. 78), wenn sich auch das Original aus Pompeji abbilden ließe? Manch ausladendes Monumentalgemälde weniger hätte notabene Platz für historisches Kartenmaterial gelassen. Darauf hat Sonnabend leider gänzlich verzichtet.

Die Illustrierte Geschichte der Antike richtet sich an ein interessiertes Laienpublikum, liefert aber auch Brauchbares für den Leser mit althistorischem Hintergrundwissen. Darüber hinaus ist das Buch als Einstiegsliteratur für den Schulunterricht empfehlenswert.

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