Titel
Palmyra
Untertitel
Biographie einer verlorenen Stadt
Rezension

Die heute syrische Ruinenstätte Palmyra – nahe der modernen Ortschaft Tadmor – gehört im Netz der Karawanenstraßen Dank ihrer zwei Oasen zu den in römischer Zeit reichsten orientalischen Städten. Bereits in der Seleukidenzeit bedeutend, erlebte Palmyra (übersetzt etwa die „Palmenstadt“) im 1.-3. Jahrhundert ihre Blütezeit, wurde dann aber 273 nach einer gescheiterten Rebellion von römischen Truppen weitestgehend zerstört. Im 4. und 5. Jahrhundert ist die sehr viel kleiner gewordene Ortschaft dann Bischofssitz. Nach der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert wird die Siedlung von ihren Bewohnern nach und nach aufgegeben. Erst die Neuzeit, inspiriert von antiken Texten, interessiert sich erneut für Palmyra. Aufgrund der architektonischen und anderer künstlerischer Hinterlassenschaften, wurde die Stätte 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. In den Wirren des syrischen Bürgerkriegs nahmen im Mai 2015 Einheiten des terroristischen „Islamischen Staats“ die antiken Ruinen ein, plünderten und zerstörten in der Folgezeit die zumeist römerzeitlichen Objekte.

Michael Sommers „Biographie einer verlorenen Stadt“ (Untertitel) fasst die historischen Quellen und die materiellen Hinterlassenschaften zusammen, um ein möglichst geschlossenes Gesamtbild entwerfen zu können. Als ausgewiesener Kenner der Region und besonders Palmyras selbst, gelingt ihm – wie auf dem Rückencover des Buches versprochen – ein Porträt, „hochgelehrt und brillant geschrieben“. Als Einstieg hat er die Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte der Ruinenstätte gewählt, dem er die Vorgeschichte der Stadt folgen lässt. Anhand der syrischen Geschichte nimmt er seine Leserschaft in die Zeit des hellenistischen Ausbaus der Siedlung mit und leitet von dort in deren römische Eroberung über. Nach thematischen Kurzbetrachtungen zu römischer Herrschaftsarchitektur im Osten und zu Einzelfragen der politischen Geschichte des römischen Ostreiches, skizziert er die Unabhängigkeitsbestrebungen Palmyras gegenüber dem Römischen Imperium, die mit ihrer Zerstörung ein jähes Ende finden. Dass die Stadt aufgrund ihrer Lage und Institutionen weiter existiert, wird im nachfolgenden Abschnitt thematisiert. Mit dem Verschwinden der Siedlungsstrukturen bleibt Palmyra als Teil von Legendenbildungen lebendig.

Die Darstellungen des Althistorikers Michael Sommer sind durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die die antike Stätte durch ihre Zerstörung in der Moderne erfahren hat, initiiert und begünstigt. Ein Interesse an dem Thema ist demnach durch das tragische Tagesgeschehen gegeben. Der Verfasser nutzt seine profunden Kenntnisse und seine klaren, gut nachvollziehbaren Ableitungen, in faszinierenden Beschreibungen das mehrfach zerstörte Palmyra im Buch wieder auferstehen zu lassen. Sommer zeigt, wie eine moderne Altertumswissenschaft auf Zerstörung von Kulturgütern reagieren kann: mit der Mahnung, dass als eine Folge des tragischen Kriegs „eine ergiebige Fundgrube des Wissens“ (S. 253) verloren gegangen ist. Die Weltgeschichte der Menschheit ist damit (wieder) um ein Kapitel ärmer geworden.

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