Titel
Die Ptolemäer
Untertitel
Im Reich der Kleopatra
Rezension

Vor fast einem Vierteljahrhundert hat Günther Hölbl seine viel beachtete Geschichte des Ptolemäerreiches vorgelegt, die heute als maßgebliches Einstiegswerk in die Epoche der makedonischen Herrschaft über Ägypten gelten kann. Rund 300 Jahre währte diese Epoche der ptolemäischen, einer griechisch-makedonischen Dynastie, bis im Jahre 30 v. Chr. Octavian, der spätere Kaiser Augustus, das Land am Nil dem entstehenden Römischen Imperium einverleibte. Bedeutende Persönlichkeiten wie die filmisch von Elizabeth Taylor verkörperte Kleopatra VII. mit ihren römischen Lebenspartnern Gaius Julius Caesar und Mark Anton sowie sowohl innovative technische Entwicklungen als auch allgemein eine hohe Bildung, für die die Stadt Alexandria sinnbildlich steht, kennzeichnen die Ptolemäerherrschaft. Ihre Rezeption in der frühen Neuzeit schuf eine der Grundlagen für die Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften des alten Ägyptens allgemein, aus der letztlich die Wissenschaft der Ägyptologie hervorgegangen ist.

Mit Die Ptolemäer bietet Stefan Pfeiffer nun ein neues, konzis geschriebenes Grundlagenwerk an, das dem inzwischen gewonnenen Forschungsstand Rechnung trägt und die thematischen Schwerpunkte gegenüber Hölbls Überblicksband maßgeblich erweitert. Irritierend ist der Untertitel „Im Reich der Kleopatra“, der suggeriert, eine Einzeluntersuchung zur Herrschaft der Ptolemäer des letzten vorchristlichen Jahrhunderts vor sich zu haben. Faktisch veranschaulicht der Autor ausgehend vom Tode Alexanders des Großen bis zur römischen Herrschaft über Ägypten Politik- und Sozialgeschichte, Aspekte des Alltags- und Wirtschaftslebens sowie die Religionspraktiken der multiethnischen Bevölkerung. Pfeiffers Übersicht folgt der chronologischen Reihung der Könige von Ptolemaios I. bis Ptolemaios XII.; als zehntes Kapitel bildet die bereits mehrfach erwähnte Kleopatra den Abschluss seiner Zusammenstellung („Der letzte Kampf um das Ptolemäerreich“, S. 231-214), bevor er in einem Epilog die Dynastie noch einmal Revue passieren lässt und in den überregionalen Kontext setzt (S. 215-219).

Pfeiffers historische Darstellung wird immer wieder von Einzelthemen erläuternd unterbrochen. Es sind dies vor allem Diskussionen um die königliche Selbstdarstellung und religiöse Anknüpfungspunkte der Makedonen an ägyptische Gebräuche (die ägyptische Göttin Arsinoë, die Nachfolgeproblematik, der Serapiskult, Weissagungstexte, die Juden Ägyptens, lokale Elite u.a.m.). Immer wieder verweist Pfeiffer auf die unterschiedlich ausdeutbare Überlieferungslage und erläutert deutlich nachvollziehbar seine Interpretationsansätze mithilfe zahlreicher übersetzter Überlieferungen. Es gelingt ihm zudem, die einzelnen Regentschaften ohne eine erkennbare Bevorzugung eines bestimmten Ptolemäers im Umfang nahezu ausgeglichen zu präsentieren (nur das achte Kapitel zu Ptolemaios IX., X. und XI., S. 168-182, weicht – bedingt durch das auswertbare Quellenmaterial – hiervon ab). Ein Stemma des Herrschergeschlechts und zwei Karten, ein umfangreicher Anmerkungsapparat sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis nebst Personen-, Orts- und Sachregister sind dem Band zusätzlich beigegeben (S. 220-289).

Eine aktualisierte Darstellung der Geschichte der ptolemäischen Dynastie in Ägypten drängte sich durch die neueren Forschungen der letzten Jahrzehnte nahezu auf. Mit Stefan Pfeiffer ist es dem Verlag Kohlhammer gelungen, einen der gegenwärtig besten Kenner der Materie für das Vorhaben zu gewinnen. Der erweiterte thematische Rahmen wie auch die Einbeziehung aller relevanten Neuerscheinungen im Forschungsgebiet seit Hölbl, machen diese komprimierte Gesamtschau zu einem idealen Einstiegsband für Studierende und Interessierte aller historischer Fachdisziplinen.

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