Titel
Städte der Klassischen Welt
Untertitel
120 Zentren der Antike von Alexandria bis Xanten
Rezension

Städte bilden nicht erst seit moderner Zeit ökonomische, politische, religiöse oder kulturelle Zentren; in vielen Fällen, so weit es sich heute rekonstruieren lässt, waren ihre Gründungen unmittelbar verknüpft mit Repräsentationsanspruch, Konzentration von Macht, Wissen, Reichtum und Rechtsprechung sowie Abwehr von Übergriffen anderer. Noch immer zeugen Städtebau und Architektur von geschichtlicher Größe ihrer Auftraggeber: Schulen und Akademien rühmen die Orte, an denen sie entstanden oder beheimatet sind oder waren. Straßen und andere Handelswege dokumentieren ihre Funktion als Rückgrat von Regionen und Staaten. Der Facettenreichtum von Städten kann leicht erweitert werden, im Positiven im laus urbis, im Negativen als Sodom und Gomorrha.

120 Zentren der Antike hat Colin McEvedy in seinem posthum erschienenen Lexikon aufgenommen und will den Leser zu den kulturellen und historischen Ereignissen mitnehmen, für die die Städte stehen. Das Buch selbst verrät nicht, was seine Zielsetzung ist, darum muss der Kladdentext des Verlags bemüht werden: „wie sich die wichtigsten antiken Städte entwickelten und welche strategische Bedeutung ihnen zukam“, heißt es dort. Und dass der Autor „anhand der 120 selbst gezeichneten Stadtkarten ein Panorama der klassischen Welt entstehen“ lassen wollte. Die eigens für den Atlas (so die Intention McEvedys) erstellten Pläne gehen auf dessen Arbeiten als Demograph zurück, um anhand der bewohnten Stadtfläche Rückschlüsse auf die Einwohnerzahl zu ziehen.

Als studierter und praktizierender Psychoanalytiker war Alte Geschichte MvEvedys große Leidenschaft, hierbei vor allem – nach Ausweis der Einleitung, die Douglas Stuart Oles verfasst hat (S. 9-15) – die Bevölkerungsentwicklung. Dies spiegelt auch vorliegender Band wider, denn jedem Ortseintrag ist immer eine kurze Einschätzung über Einwohnerzahlen und Populationsentwicklung beigegeben. Ebenfalls der Einleitung zu entnehmen ist, dass ursprünglich lediglich antike Großstädte, die „zu irgendeinem Zeitpunkt die 10 000er-Marke“ überschritten hatten (S. 10), in den Atlas Aufnahme hätten finden sollen. Von diesem Konzept ist McEvedy aber insofern abgerückt, da er auch Orte berücksichtigt hat, „von denen er annahm, dass sie die Leser ebenfalls interessieren könnten“ (S. 10). Eine Einführung in das Thema „Stadt“ fehlt dem Band.

In der geografischen Übersichtsskizze mit Orten fallen größere Lücken auf dem Gebiet der Iberischen Halbinsel, der nordwestafrikanischen Küste sowie des Südwestens Frankreichs auf. Lediglich Athen, Piräus, Korinth und Thessaloniki wurden als Städte in Griechenland berücksichtigt, dem römischen Italien hingegen wurden mehr als zwei Dutzend Ortschaften zugestanden. McEvedy hat 120 Zentren ausgewählt; warum gerade diese Anzahl, verrät der Text nicht.

Geschichte, Topografie und Bevölkerung sind permanente Untereinträge, die mit jedem Ortsnamen abgehandelt werden. Die Trennungen sind jedoch nicht besonders scharf: Geschichte vermischt sich oft mit Topografischem, siehe etwa Seite 257, s. v. „Memphis“: Der Überschrift „Geschichte“ folgt unmittelbar: „Memphis liegt wie Kairo am Übergang von Oberägypten […] nach Unterägypten“, eine Aussage, die klar topografischen Bezug hat. Die Angaben zur Bevölkerung fußen z. B. im Falle von Jerusalem auch schon einmal auf Werten des 16. Jahrhunderts, wie generell erwähnt werden muss, dass „Antike“ oft bedeutet, ihren zeitlichen Kernbereich um 500 Jahre früher oder später (und dies im Buch über mehrere Seiten durchgängig hinweg) zu betrachten.

Seite 13 der Einleitung verweist explizit darauf, dass „für diejenigen, die sich speziell für einen bestimmten Ort interessieren, eine nützliche Liste weiterführender Literatur“ enthalten ist, die an „wenigen Stellen“ „durch Veröffentlichungen ergänzt“ worden sei, die nach dem Tod McEvedys erscheinen sind. Vielerorts sind dies Einträge bestehend lediglich aus einem Artikel order sogar nur aus einem Lexikoneintrag – oder völlig ungenügend wie s. v. „Rom“, wo die Literatur aus David Gilman Romano (so der korrekte Namenseintrag, nicht David R. Gilman wie bei McEvedy; korrekt wäre ohnehin Lothar Haselberger als Herausgeber anzugeben), Mapping Augustan Rome (und der dazugehörigen Website) besteht. Filippo Coarellis archäologischer Romführer wäre der Standardverweis. Deutsche Übersetzungen teilweise hier angeführter fremdsprachiger Titel sind von der Übersetzerin bzw. von dem Verlag Klett-Cotta nicht vermerkt worden, sodass die Quellen für einen deutschsprachig ausgerichteten Leser nur bedingt nutzbar sind.

Hiervon einmal abgesehen offenbart die Bibliografie den größten Schwachpunkt des gesamten Buches: Auch wenn Colin McEvedy als „Universalgelehrter“ (S. 9) angesprochen wird, verraten die Anmerkungen zur Literatur fehlende Sprachkenntnisse. Des Deutschen war er wenn überhaupt nur mäßig mächtig, denn etwa die Untersuchungen von Günter Grimm zu Alexandria, die sich im Besonderen mit der Lokalisierung von Vierteln und Gebäuden beschäftigten und in aussagekräftigem Kartenmaterial Niederschlag gefunden haben, werden im entsprechenden Eintrag in keinerlei Weise gewürdigt. In gleiche Richtung dürfte wohl auch der Eintrag auf Seite 505 zu Beginn der Quellen zu Pergamon zu deuten sein, der einerseits die „entsetzlich“ akademische Ausdrucksweise, andererseits die Deutschsprachigkeit der Bibliografien beklagt. Ferner gilt es zu bemängeln, dass auch die antiken Quellen stets nur in sehr begrenzter Auswahl aufgelistet wurden. Daher sind auch die handwerklich hervorragend hergestellten und von diesem Standpunkt her überzeugenden Stadtkarten nur bedingt brauchbar. Sich hauptsächlich auf in englischer Sprache erschienene Werke, bevorzugt populärwissenschaftliche, bei einer Zusammenstellung antiker Zentren vom heutigen England ausgehend bis in das Zweistromland hinein stützen zu wollen, führt zu Missverständnissen des Autors in seiner Darstellung und gibt nicht den wirklichen Kenntnisstand des heutigen Wissens über die Antike und ihre Städte wieder. Das auf der Kladde aufgedruckte Versprechen eines „Panorama[s] der klassischen Welt“ kann so nicht eingelöst werden. Vorliegendes Buch ist die Fleißarbeit eines – sehr guten – Demographen, der jedoch mit den Stadtbeschreibungen intentional, strukturell und inhaltlich nicht hinreichend genug zurechtgekommen ist.

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