Titel
Von Rom nach Las Vegas
Untertitel
Rekonstruktionen antiker römischer Architektur. 1800 bis heute
Rezension

Versunkene oder verfallene Bodendenkmäler wieder aus der Erde zu holen und somit sichtbar zu machen, beginnt nicht erst mit dem Historismus oder endet gar mit ihm. Ebenso wenig ist es ein lokal begrenzbares Phänomen, sollte man etwa vermuten, dass dies nur an den originalen Fundorten im Kontext archäologischer Grabungen praktiziert würde. Rekonstruktionen antiker – vor allem römischer – Architektur finden sich seit 1800 und bezieht man aktuelle Projekte mit ein auf allen Kontinenten, die einstmals zum Römischen Imperium gehörten und darüber hinaus etwa in Nordamerika. Weitete man den Blick auf die digitale Welt, kann man ferner von einer Omnipräsenz römischer Bauten in der heutigen Zeit sprechen.

Die Verfasserin des anzuzeigenden Bandes „Von Rom nach Las Vegas“ Anita Rieche hat exemplarisch bedeutende und unser gegenwärtiges Bild von römischer Architektur prägende Rekonstruktionen vornehmlich aus dem europäischen Kulturkreis zusammengetragen und in einer reich bebilderten (131 Farb- und 5 Schwarzweiß-Abbildungen) Monografie vorgestellt. In ihrer lesenswerten Zusammenschau der an pompejianischen Häusern, an den Katakomben oder beispielsweise an Militärlagern orientierten Nachbauten römisch-antiker Vorbilder stellt sie dem Leser einerseits zahlreiche Fallbeispiele vor, ordnet diese aber andererseits gut nachvollziehbar verschiedenen theoretischen Ansätzen zu. Es gelingt ihr so z. B. eine Art – wie sie es selbst nennt – „Stammbaum“ (S. 17) unterschiedlicher archäologischer Rekonstruktionen aufzuzeigen, welche antike Vorlage etwa eine bestimmte Form eines Nachbaus evozierte oder welche nachempfundenen Gebäude sich gegenseitig beeinflussten.

Zu Beginn ihres Buches nimmt Rieche den Leser auf eine Entdeckungsreise auf der Suche nach eigener bzw. am eigenen Ort vorhandener Geschichte und ihrer Wiederentdeckung mit. Der Landschaftsgarten in Eulbach mit seinen römischen Ruinen markiert hierbei ihren Ausgangspunkt. Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts ist es der Adel, der sich mit römischen Überresten auf seinen Gütern auseinandersetzt. Das Interesse für Altertumskunde (S. 19) wird – wie die Autorin überzeugend ausführt – verbunden mit der Erkenntnis, dass das Auffinden originaler antiker Artefakte (S. 23) einem Geschlecht oder Volk an dem Fundort alte Rechte zuschreibt. Fiktive Traditionslinien lassen sich so bis in die Anfänge römisch-germanischer Zivilisation zurückführen und konstruieren eine eigene Geschichte der Bauherren wie auch der Bauwerke selbst.

Mit dem Pompejanum in Aschaffenburg widmet sich Rieche anschließend einer ersten Rekonstruktion im engeren Sinne, wenngleich diese idealisiert und aus verschiedenen Vorlagen heraus komponiert ist. Dieser 1850 fertiggestellte Nachbau der Casa dei Dioscuri (Haus der Dioskuren) (S. 27) wurde von König Ludwig I. von Bayern in Auftrag gegeben; seine eigens hierzu verfassten Gedichte lassen Rezensenten vermuten, mit dem Bauwerk auf die schöpferische künstlerische Kraft der römischen Dichtkunst zu verweisen. In jedem Falle steht das Bauwerk in einer Zeitströmung, die die Antike vorbildhaft überhöhte (verschiedene Romane wie auch die großen Geschichtswerke von Mommsen und Dahn fallen in diese Epoche). Daher diese Antike aus ihrem ursprünglichen Kontext herauszulösen und sowohl topografisch wie inhaltlich neu zu verorten, lässt sich nicht nur am Pompejanum, sondern auch in Sydenham, Saratoga Springs (NY) (s. ausführlich dann S. 169-176) oder in Paris nachverfolgen. Die Rekonstruktionen entwickeln durch Verfall, Restaurierung, Zerstörung und Wiederaufbau eine ganz eigene Baugeschichte, die sie über die Rolle bloßer Nachbauten erhebt und selbst zu Zeitzeugen des 19. Jahrhunderts werden lässt.

Christlicher Glaube in römischer Zeit wird in den Katakomben in Valkenburg nachempfunden. Im strengen Kontrast zur Kirchenmalerei entsteht hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Nachbau der römischen Santi XII Apostoli, weniger aber historisch-archäologisch denn religiös motiviert. Die Nachbildung hier soll „die Originale ersetzen können“ (S. 38) und umreißt damit eine erweiterte Funktion in der Auseinandersetzung mit Bauten der römischen Antike (s. ergänzend dazu das Heilige Land bei Nijmegen S. 163-168).

Nachdem Rieche mit Hilfe dieser drei Fallbeispiele in den Gegenstand ihrer Untersuchung eingeführt hat, lässt sie verschiedene definitorische Ansätze zu „Nachbildungen“, „Kopien“, Wiederholungen“ bzw. „Rekonstruktionen“ folgen. Hierunter fallen Zitate (S. 43-50), die stark der Sehnsuchtslandschaft Italien geschuldet sind, Natur (S. 51-57), in der ein Nachbau eingebunden wird, die selbst aber auch den Nachbau repräsentieren kann, wenn sie etwa in Form einer Hecke eine Mauer nachbildet, bzw. sogar Naturphänomene wie den Ausbruch des Vesuvs nachstellt und Modelle (S. 59-65) im 1:1-Format wie auch in Verkleinerung. Relativ kurz und nur sehr kursorisch streift Rieche die Aspekte Ort, Raum und Zeit (S. 67-71), worunter Translozierung, archäologische „Rekonstruktionen auf den alten Fundamenten oder deren Standspuren“ (S. 67) und Ungleichzeitigkeiten von Ensembles archäologischer Kopien einschließlich Re-Enactmentgruppen (s. ausführlich dann S. 183-188) fallen. Die hier umrissenen Problembereiche werden in den nachfolgenden Kapiteln nochmals aufgenommen und präzisiert, doch hätte an dieser Stelle ein Blick auf Finanzierung der Projekte, Probleme der baulichen Umsetzung durch bereits erfolgte Überbauung und politische bzw. gesellschaftliche Unterstützung archäologischer Rekonstruktionen dem Abschnitt zusätzliche Impulse gegeben. Mit den Begriffsdefinitionen der Anastilosis (S. 73-80) und Denkmal (S. 81-86) schließt Rieche den Mittelteil ihres Werkes gelungen ab; ein Exkurs zur Religion (S. 87-93) geht zum einen auf die Wirkung der Rezeption „zur Vergegenwärtigung christlichen Heilsgeschehens“ (S. 87) bei Nachbildungen etwa des Heiligen Grabes ein und zeigt zum anderen auf, wie Wiederholungen z. B. von antiken Tempeln als Projektionsfläche für das Nachempfinden heidnischer Bräuche gebraucht werden.

Den Hauptteil ihrer Untersuchung bilden aber ausgesuchte Objekte selbst. Prominent steht dabei als erstes Fallbeispiel die Saalburg (S. 95-102); die archäologischen Parks Augusta Raurica (S. 103-111), Archeon (S. 177-182), Xanten und Carnuntum (S. 113-121, 133-141), der Limes sowie Thermen (S. 123-132) folgen abschließend. Didaktisch klug bringt Rieche Elemente der definitorischen Erläuterungen mit der praktischen Umsetzung im Gebauten überein. Deutlich und gut nachvollziehbar treten dabei die konzeptionellen Unterschiede bei der Wahl des Ortes einer Nachbildung (z. B. originaler Fundort oder nicht), ihrer Ausgestaltung (z. B. antikes oder modernes Baumaterial) und ihrer Zielsetzung (z. B. Schaubühne oder Freizeitanlage) hervor, die die Autorin für die Fallbeispiele einzeln herausarbeitet.

Das Kapitel „Stifter, Bauherren und Mäzene“ (S. 143-149) beleuchtet, wie sich moderne Auftraggeber von Kopien antiker Bauten teilweise konkret an den Stammbaum ihrer römischen Vorgänger anschließen, um zeitliche Klüfte mit dem eigenen Namen aufzufüllen; im Abschnitt „Patina“ (S. 151-156) lässt Rieche Alois Riegl zu Worte kommen, der auf die Problematik des „frischen Menschenwerk“ (S. 151) hinweist, wenn der Betrachter doch alte Steine erwartet. Dass der Zeitstil alle Rekonstruktionen beeinflusst, beschreibt die Autorin zu Recht kurz und prägnant anhand ausgesuchter Objekte wie Figurinen oder anderer Accessoires (S. 157-161), ebenso die Stilübernahme der römischen Antike für Hotels und Themenparks (S. 189-196).

Einen äußerst interessanten Abschluss bietet Anita Rieches Buch durch die Beschreibung und Auswertung abstrakter Rekonstruktionen (S. 197-204) und virtueller Darstellungen (S. 205-212). Ersteres wird z. B. zeichnerisch (Römische Basilika in Nyon, S. 198) oder gestalterisch durch Bepflanzung oder Markierung auf einem städtischen Straßenpflaster (S. 197) erreicht, kann als einfache Holzkonstruktion (Tempel am Forum in Augusta Raurica, S. 199) errichtet bzw. in Stahl oder Glas gefasst sein, letzteres entsteht z. B. am Bildschirm als 3D-Modell oder gezeichnet als Rundumpanorama.

Der Autorin Anita Rieche gelingt es vorbildlich, die verschiedenen Einflüsse aus Literatur, Malerei, Historienfilm und Wissenschaft auf die Rekonstruktionen antiker römischer Architektur zu projizieren, sie terminologisch und definitorisch zu separieren und anhand verschiedener ausgesuchter Fallbeispiele ihre Wirkungsweise zu demonstrieren.

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