Titel
Straftat, Schaulust, Spurensuche
Untertitel
Das Buch zur Ausstellung Mord und Totschlag. Eine Ausstellung über das Leben, einer Kooperation von Bernischem Historischem Museum und Historischem Museum der Stadt Luxemburg, im Bernischen Historischen Museum (6.10.2011 - 1.7.2012)
Rezension

12 Essays, 6 Interviews und 16 Abbildungen mit Bildunterschriften sind in dem anzuzeigenden Buch mit dem Untertitel „Mord und Totschlag“ versammelt, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung von Elio Pellin im Auftrag des Bernischen Historischen Museums herausgegeben worden ist. Fünf Unterkategorien – Morden und Töten, Ethik und Ökonomie, Spuren und Wissenschaft, Schuld und Sühne, Schaulust und Verbrechen – bringen zum Leser verschiedenen Arten der Tötung und ihren gesellschaftlichen Reflex darauf näher. Es ist ein durch und durch ernstes Buch, auch wenn das extra von NZZ Libro angebrachte Verkaufsbanner mit dem Zusatz „jetzt zuschlagen!“ wirbt: Sprachwitz oder humoristische Einlassungen sind im vorliegenden Band ausgespart. Statt dessen sind die einzelnen Beiträge faktenorientiert und sprachlich der Ernsthaftigkeit des Themas durchaus angepasst, selbst wenn manche im Band beschriebenen Reaktionen bei der Strafumsetzung in sich Situationskomik bergen. Das Layout des Bandes ist übersichtlich, und die beigegebenen, mehrfarbigen Abbildungen illustrieren den Text hervorragend.

Themenschwerpunkt ist Mord, die Mörder, Intention und Verlauf der Straftat, die Opfer und die strafrechtliche Bewertung und Aufarbeitung der Gewaltverbrechen in der Schweiz während des 19.und des 20. Jahrhunderts. Eingestreut darin sind drei kritische Artikel über Sterbehilfe bzw. Freitodbegleitung, ein Beitrag zur Transplantationsmedizin und ihre Stellung zum Leben sowie ein Essay zur Tötung zum Zwecke ökonomischer Vorteilsnahme. Mehrfach unter verschiedenen Aspekten diskutiert wird im Katalog die Frage nach der Legitimität staatlicher Tötung z. B. beim „finalen Rettungsschuss“, um das Leben Unschuldiger gegen „rechtswidrige Gewalt zu verteidigen“ (S. 15-27) bzw. zum Recht des Staates, Hinrichtungen durchführen zu lassen (S. 41-50). Deutlich herausgearbeitet wird durch die einzelnen Beiträge, dass Strafe für Mord bis in das 20. Jahrhundert hinein an christlichen Wertevorstellungen orientiert gewesen war, somit Hinrichtungen als erzieherische Massnahme weniger denn als Abschreckung verstanden sein wollten.

Auf Verbrechen und Verbrecher als Medienspektakel wird mehrfach kritisch eingegangen: das Kapitalverbrechen in den Medien (S. 183-191), die Prozessberichterstattung (S. 175-182) sowie die Hinrichtung als Massenereignis (S. 29-39). Redundanzen ergeben sich vor allem bei den Essays und Interviews, da hierbei oftmals ähnliche oder gleiche Meinungen vertreten werden – dies allerdings nicht den Lesefluss störend.

Sehr ausführlich geschildert – und dies durchaus spannend erzählt – sind die Analysemethoden der Forensiker mit dem deutlichen Hinweis darauf, dass moderne Technik bei der Rekonstruktion von Verbrechen auch Grenzen hat, die sich oftmals aus hypothetischen Theorien heraus ergeben. Nicht fehlen darf (natürlich) ein Kapitel über den Tatortreiniger, der in Deutschland durch eine eigene Fernsehserie angehenden Kultstatus besitzt.

Aus einzelnen Geschichten heraus entwickeln die Verfasser der Beiträge im Katalog ein „grosses Ganzes“, das sich sehr kritisch mit der Rolle der Gesellschaft bei der Betrachtung von Mördern und dem Umgang mit den Opfern auseinandersetzt. Es gelingt damit, stereotypen Antworten auf zahlreiche Fragen zu Tötung oder Mord zu relativieren, ohne aber selbst statt dessen der Gefahr zu verfallen, die universelle Aufklärung bieten zu wollen. Dazu sind die Motive, aus denen ein Verbrechen heraus geschieht, einfach zu komplex und die Beziehungsmuster von Täter und Opfer sehr oft zu verborgen, um ausreichend entschlüsselt zu werden. Weitgehend ausgeblendet bleibt im Katalog das Thema Mord in der Kunst, obgleich der Freitod mit Lisa Stadlers Theaterstück „Frau Hegnauer kommt“ (S. 71-78) angerissen wird. Ihre Bühnenanalyse ist jedoch für das Empfinden des Rezensenten zu sehr an Allgemeinheiten einer Theateraufführung ausgerichtet. Interessanter wäre hierbei gewesen, was die Inszenierung einer Freitodaufführung von anderen Themen unterscheidet, welche Besonderheiten zum Tragen kommen u. a. m. Gleiches gilt für den Kriminalroman, der im Katalog auf Erzählungen von Frauen (S. 193-204) eingegrenzt worden ist; dies schmälert jedoch nicht die Qualität des entsprechenden Artikels von Brigitte Frizzoni, der es auf wenigen Seiten gelingt, den Bogen von „Bella Block“ angefangen über Racheerzählungen in Krimis von Frauen bis hin zu tabuisierten Themen wie „blutrünstige Lesben“ zu spannen.

Leser, die einen „mordsmässigen“ Spass bei der Lektüre zu Mord und Tod suchen, kommen mit den Essays des Katalogs nicht auf ihre Kosten; „zuschlagen“ ist zwar nicht nötig, aber angebracht, denn eine vielschichtigere Zusammenstellung auf Straftaten, Schaulust und Spurensuche findet sich kompakt verfasst in aktueller Literatur nicht.

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