Titel
Die 50 bekanntesten archäologischen Stätten Deutschlands
Rezension

Es gibt sie für verschiedene Kulturen wie Römer und Kelten, für bestimmte Regionen und Städte oder für klar definierte Zeiträume sowie einzelne Monumente: archäologische Führer. Auch im „Wissenschaftlichen LiteraturAnzeiger“ sind sie des Öfteren besprochen worden, da sie hilfreich dafür sind, einem interessierten Leser eine in vielen Teilaspekten verlorene Zeit und Kultur anhand ausgewählter Exponate oder architektonischer Hinterlassenschaften wieder sichtbar werden zu lassen.

Wolfram Letzner hat nun die „50 bekanntesten archäologischen Stätten“ der sechszehn deutschen Bundesländer zusammengestellt. Mit einem Umfang von mindestens einer Seite bis maximal 15 Seiten fällt die nach topografischen Gesichtspunkten erstellte Übersicht jedoch sehr ungleich aus, zumal auch Bundesländer mit neuen Besuchspunkten, andere mit einer oder zwei archäologischen Sehenswürdigkeiten gelistet sind. Da die Zeitspanne die Frühzeit Deutschlands bis in das frühe Mittelalter umfasst, ein Großteil der Beiträge sich aber den Kelten und Römern widmet, hätte eine klarere zeitliche Abgrenzung dem Buch gut getan; die Konzeption scheint vor allem dem Stadtstaat Bremen geschuldet zu sein, der ansonsten nicht in das Buch hätte aufgenommen werden können. Eine bessere Lösung wäre vielleicht gewesen, sich an den Dehio-Kunstdenkmäler-Bänden zu orientieren, die Bremen mit Niedersachsen vergesellschaften (so wie es im anzuzeigenden Band mit Brandenburg und Berlin ohnehin geschehen ist, und wie es mit Hamburg und Schleswig-Holstein hätte auch gut geschehen können).

Der archäologische Führer reiht zuerst die nördlichen und östlichen Bundesländer auf, um dann mit dem Süden, in Bayern, zu enden. Elf Länder werden Nord-, fünf Länder Süddeutschland zugerechnet; Rezensent bleibt diese Einteilung unklar, denn so werden z. B. Hessen dem Süden, Thüringen hingegen dem Norden zugeschlagen, obgleich beide Länder sich über einen langen Zeitraum hinweg gegenseitig beeinflusst haben. Außer einer anderen Farbgebung im Buch schient die Einteilung aber für die Lektüre keine weiteren Folgen zu haben.

Die beschriebenen „Stätten“ können Orte sein, ebenso sind Rekonstruktionen und Museen in den beschreibenden Text aufgenommen und ggf. mit Besuchsadressen und weiterführenden Informationen versehen. Letzners Texte leiten zumeist mit dem historischen Kontext ein und beschreiben danach die Sehenswürdigkeit. Ausgewähltes, sehr gutes Bildmaterial ergänzt einzelne Abschnitte. Ein Glossar am Ende des Bandes soll helfen, Fachbegriffe leichter zu verstehen. Als Ergänzung hat der Autor noch die Anschriften der entsprechenden Landesmuseen beigegeben.

Die Aufmachung des Buches ist ansprechend. Wenig nützlich ist jedoch die Übersichtskarte auf Seite 10, die zwar - mit Zahlensymbolen versehen - die besprochenen archäologischen Stätten verortet, leider fehlen aber Bezugspunkte wie Städte, Flüsse oder Straßen. Korrekt sind die Angaben darüber hinaus nicht: Nr. 17 z. B., Osterode am Harz, ist viel zu weit in den Norden gerückt, und zudem auf der Übersichtsseite 11 noch falsch geschrieben. Die Stättenbeschreibungen sind jedoch immer durch eine Adresse identifizierbar, die mithilfe eines Navigationssystems zum Ziel führen (das HöhlenErlebnisZentrum hat Letzner unter „Lichtensteinhöhle“ aufgenommen, heißt inzwischen aber „Iberger Tropfsteinhöhle“, ist aber unter der Anschrift „An der Tropfsteinhöhle 1“ in Bad Grund leicht lokalisierbar). Lahnau-Waldgirmes (S. 138) ist allerdings nicht im Landkreis Gießen gelegen, sondern gehört zu Lahn-Dill-Kreis mit Sitz in Wetzlar, unweit des Ausgrabungsortes selbst.

Die Auswahl der archäologischen Sehenswürdigkeiten erfolgte zum einen äußeren Kriterien, wenn etwa ein Ort zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Richtlinien des Autors waren zum anderen eine erkennbare Bekanntheit, ein noch nachvollziehbarer archäologischer Befund und eine Ausgewogenheit bei der länderspezifischen Auswahl. Letzter Punkt ist nach Ansicht des Rezensenten nicht stringent eingehalten worden, denn dann hätte Bayern (fünf Einträge) und Niedersachsen (sechs Einträge) mehr Bedeutung bekommen müssen als Baden-Württemberg (neun Einträge) oder Nordrhein-Westfalen (sechs Einträge), und Hessen (zwei Einträge) hätte doch sicher mehr Aufmerksamkeit bekommen können als das Saarland (ebenfalls zwei Einträge). Apropos Hessen: Die hierfür ausgewählten Denkmäler sind allesamt römisch; aber Hessen hat mehr zu bieten. Denn die auch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete „Keltenwelt am Glauberg“ mit archäologischem Park sucht man vergebens. Rezensent meint, im vorliegenden Band ein großes Versäumnis, auch nach den eigenen Vorgaben Letzners.

Für das Glossar hätten noch einige Stichworte mehr Eingang finden können, z. B. porticus, cardo maximus und decumanus maximus, Hypokaustenheizung, (wohl auch) Baptisterium und – da sie öfters erwähnt und beschrieben werden – die einzelnen Räume der Thermen; statt eines erklärenden Wörterverzeichnisses hätte man auch über einen kurzen (z. B. architektonisch-zeichnerischen) Exkurs zu einigen der obigen Themen nachdenken können.

Manche Wortwiederholungen stören (S. 13 „zugänglich; S. 94 „gerade“; S. 146 „Kräuter“ und „Garten“; S. 170 „Siedlung“ oder „Siedlungsspuren“; S. 178 „Mauern“), tauchen aber (wie die Belege zeigen) selten auf, was gleichfalls für Grammatik- und Schreibfehler gilt (S. 162; Henkelattaschen“; S. 148 und S. 178 „Jupiter-Giganten-Säule“ bzw. Jupitergigantensäule).

Das Buch ist sehr gut verarbeitet und so ausgelegt, Strapazen einer häufigen Benutzung oder Mitnahme an einen Besichtigungsort gut zu überstehen. Dennoch ist es nach Meinung des Rezensenten mehr Inspiration, archäologische Ziele ausfindig machen zu wollen als ein konkreter Reisebegleiter (die zahlreichen, nützlichen Literaturhinweise zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten laden mehr zu einer Recherche vor Reiseantritt ein, als dass sie unmittelbar vor Ort weiterhelfen, es sei denn, man suche die aufgelisteten Werke etwa in einem Museumsshop). Grundskizzen wie etwa auf den Seiten 27, Seddin, 42, Westgreußen, 102, Ingelheim, oder 146, Perl, wünscht man sich für alle archäologischen Stätten, denn diese leisten bei einem Besuch mehr Hilfe als weiterführende Fachliteratur.

Wolfram Letzner hat ein anregendes wie ansprechendes Buch vorgelegt, das neben seiner umfangreichen inhaltlichen Recherche gleichfalls eine sehr gute verlegerische und herstellungstechnische Betreuung erfahren hat. Wer sich für die Orte 400 000-jähriger Menschheitsgeschichte in Deutschland interessiert, wird mit Letzners Zusammenstellung nicht enttäuscht sein.

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