Titel
Berliner Mumiengeschichten
Untertitel
Ergebnisse eines multidisziplinären Forschungsprojektes
Rezension

Die Verbindung Renate Germer mit dem Schlagwort Mumie lässt einen an den zuletzt erschienen Katalog der Stuttgarter Ausstellung 'Ägyptische Mumien - Unsterblichkeit im Land der Pharaonen' im Landesmuseum Württemberg vom 6. Oktober 2007 bis 24. März 2008' denken, an den Hannoveraner Katalog 'Mumie und Computer' des Jahres 1991, an 'Das Geheimnis der Mumien. Ewiges Leben am Nil' in den Ausstellungsräumen des Kulturforums Berlin 1998 und an 'Mumien. Zeugen des Pharaonenreiches' aus dem Jahre 1991. Hier ist augenscheinlich eine Fachkennerin unter den Autoren, die von einer weiteren Ägyptologin und einem Berliner Radiologen bei der Aufbereitung des Mumienbestandes in den Staatlichen Museen zu Berlin ' Stiftung Preußischer Kulturbesitz unterstützt worden ist.
Besucher des Ägyptischen Museums Berlin mag ein leichter Schauder überkommen, die toten Körper ausgestellt zu betrachten. Nichtsdestotrotz gehören die aus dem pharaonischen Ägypten stammenden Leichen zu den Hauptattraktionen einer jeden Sammlung altägyptischer Altertümer. Und Berlin hat jede Menge davon. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es mehr, dennoch ist der gegenwärtige Bestand noch immer einer der größten weltweit. Im vorliegenden Band wird die Wissenschaftsgeschichte beleuchtet, von wem unter welchen Gesichtspunkten die balsamierten Körper aus ihren Grabstätten in Ägypten oder vom Antiquitätenmarkt in die Hauptstadt des Deutschen Reiches gelangten. Es wird von den Autoren geschildert, welcher technischen Hilfsmittel sich die moderne Mumienforschung bedienen kann und auf welche Hindernisse sie stößt. Und es wird, soweit es die Materialien zulassen, rekonstruiert, welche Mumien sich zu größeren Fundkomplexen verbinden lassen. Eine Zeittafel, Namen und Titel nach Berlin verbrachter Toter, Maße der Mumien und ihrer Särge, ein Inventarnummernverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis ergänzen den Text um wichtige Informationen.

Reich bebildert und großformatig ' zugleich großzügig gestaltig ' ist der Band als populärwissenschaftliche Ergänzung bereits erschienener Fachliteratur konzipiert. In einem Buch liegen diese Informationen zu den Berliner Mumien nun erstmalig vor. Die Mumien sind Ausgangspunkt, die Sammelleidenschaft bedeutender Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte zu beleuchten. Minutoli, Pieper, Passalacqua, Saulnier, Graf, Brugsch, Lepsius und viele andere mehr ließen den Bestand an Objekte in Berlin anwachsen. Sie alle werden gewürdigt und ihr Anteil für die Wissenschaft Ägyptologie herausgestellt. Eine Kulturgeschichte der Mumienbetrachtung und -verwendung leitet den Leser in die Materie ein. Im Verlauf der weiteren Seiten sind zahlreiche prächtige Särge der verstorbenen Ägypter, Röntgen- und CT-Aufnahmen der Leichen sowie teilweise die Mumien selbst abgebildet. Zu jedem der Objekte bzw. der Sammler ist eine kurze Geschichte gesponnen, die kurzweilig, dennoch dem Thema entsprechend würdevoll Hintergrundinformationen gibt. Mit Hilfe der Computertechnik lassen sich, ohne die Leichen auszuwickeln, teils verblüffende Erkenntnisse gewinnen. Würde man etwa der Dame Pa-di-Bastet in die Augen schauen wollen (S. 87), blickte man in Fayence-Einlagen. In Kindermumien sind teilweise nicht die Skelette von Jungen oder Mädchen eingewickelt, sondern Falken oder andere Tiere, teils auch Pflanzenstängel oder nur Sand und Geröll (S. 33); die Europäer in ihrem Kaufrausch ließen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem Antikenmarkt alles mögliche andrehen, nur um eine eigene Mumie zu besitzen. Da zahlreiche Unterlagen aus dem 18. bis einschließlich 20. Jahrhundert in den Museen verloren sind, ist es heute recht schwer, Fundzusammenhänge und Museumsgeschichte einiger Mumien zurück zu verfolgen. Aber über Balsamierungstechnik und Dekor, haben die Autoren viele überzeugende Vorschläge zu unterbreiten, aus welchen Fundkomplexen einige der in Berlin befindlichen Objekte stammen könnten.

Dass die Überführung in eine Sammlung oder ein Museum gleichzeitig bedeutete, den Leichnam eines alten Ägypters vor Zerstörung zu bewahren, ist ein Irrtum. Inv. Nr. 1103 wurde nach einer intensiven Untersuchung ebenso entsorgt wie auch die des Hohenzollernprinzen Friedrich Karl. Wenig pietätvolles Auswicklen der Körper auf der Suche nach Amuletten und Medaillons endete meistens mit einem vollständigen Auseinanderbrechen des balsamierten Leichnams, dessen Reste bestenfalls anschließend in der Erde bestattet, wenn nicht einfach im Wasser oder im Müll entsorgt wurden. Zahlreiche Originalzitate versetzen den Leser in jene Zeit ungezügelter Entdeckerlaune und lassen erahnen, was an Zerstörung nach Hunderten von Jahren geschenkter Totenruhe den ägyptischen Mumien widerfuhr. Wenn ihnen heute dank technischer Entwicklung bei der Feststellung ihres Sterbealters, ihres Geschlechts, der angewandten Mumifizierungstechnik und der sozialen Stellung anhand der Beigaben kaum noch Schaden zugefügt wird, ist dies auch ein gewachsener Respekt vor allen Individuen, selbst jenen einer fernen und vergangenen Kultur. Uns wie auch den Mumien ist ein Rückfall in Zeiten rücksichtloser und zerstörerischer Ausbeutung nicht zu wünschen.

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