Titel
Concours pour le musée des Antiquités égyptiennes du Caire, 1895
Rezension

Der anzuzeigende Band verdankt seine Entstehung eines internationalen Kolloquiums am 12. November 2007, veranstaltet vom Institut français d'archéologie orientale in Kairo. Denn in Ägypten laufen seit Jahren Vorbereitungen für ein neues Museum ägyptischer Kunst, für das 'Grand Museum of Egypt' (oder 'Grand Egyptian Museum', vgl. http://www.gem.gov.eg/). Es soll nach seiner Fertigstellung viele pharaonische Altertümer aufnehmen, die teilweise noch im Kairener Ägyptischen Museum aufbewahrt werden oder noch in Magazinen ruhen ' ein neuerer, sicherer Bau für die altägyptischen Hinterlassenschaften ist dringend notwendig, wie die Zerstörungen an pharaonischen Kunstgütern im Februar 2011 bewiesen haben. Dieses neue große Museum würde die dritte Generation einer ägyptischen Sammlung am Nil werden, die in Bulaq, Qasr el-Nil und Gizeh ihren Anfang nahm und seit 1902 nahe dem heutigen Tahrir-Platz zentral in Kairo beheimatet ist. Wie dieses letztgenannte Museum entstand, welche Alternativentwürfe und welche Architekturideen es gab, welche Kosten der Bau verursachte, welche Planungen im Vorfeld existierten und welche Änderungen während seiner Errichtung vorgenommen wurden, zu diesen und weiteren Stichpunkten haben Ezio Godoli und Mercedes Volait gemeinsam mit international renommierten Mitarbeitern Materialien zusammengetragen und für ein interessiertes Publikum aufbereitet. Entstanden ist dabei ein Architekturführer, eine Museumshistorie und eine kulturhistorische Abhandlung zur Rezeptionsgeschichte pharaonischer Altertümer seit Napoleon und seiner ägyptischen Expedition.
Anhand der Errichtung des Museums gelingt es den Autoren, die Bedeutsamkeit einer adäquaten Aufbewahrung (altägyptischer) Altertümer zu verdeutlichen, sowohl in Bezug auf Sicherheit als auch in Bezug auf die Präsentation, um das Interesse an Objekten einer fernen Vergangenheit zu beleben. Der minutiösen Darstellung der Baugeschichte des Museums ist deshalb ein Exkurs zur musealen Ausstellungstheorie und -praxis vorangestellt. Diese Erläuterungen werden in einen historischen Kontext gesetzt und liefern die Inhalte für die folgenden Kapitel: Wie wurde ägyptische Kunst in Europa präsentiert, welche Wirkung sollte die Ausgestaltung dieser Museumsbauten beim Betrachter hervorrufen, welche europäischen Ausstellungskonzepte wurden nach Ägypten transferiert? Die alternativen Baukonzepte für das Kairener ägyptische Museum Muggias, Locatis, Calderinis und Buccis sowie Dicks und Martins werden mit Lebenslauf der Architekten, Bauskizzen und Themenschwerpunktsetzung in vielen Facetten abgehandelt.
Was diesen Band so äußerst empfehlenswert macht, ist die Verbindung historischer Quellen wie Pressetexte, Abschriften der Projektskizzen etc. mit der historischen Betrachtung des Museumsbaus im Zuge europäischer Großmachtentwicklung zusammen mit der Detail treuen Wiedergabe der Baukonzepte französischer, italienischer oder österreichischer Baukünstler. Zahlreiches Bildmaterial verdeutlich zudem das im Text erwähnte. Stiche und frühe Aufnahmen führen bis in die Zeit der Aufstellung der ägyptischen Altertümer Anfang des 20. Jahrhunderts.
Der Neubau eines Museums für ägyptische Altertümer ist besonders in Ägypten ein Politikum, denn die pharaonische Kultur wird von einem Großteil der muslimisch geprägten Gesellschaft immer noch als fern und nicht zu Ägypten gehörig angesehen. Auch 1895 spielten politische Einflüsse eine große Rolle, wie 'Concours pour le musée des Antiquités égyptiennes du Caire' in vielen Kapiteln immer wieder beleuchtet. Dieser Aspekt in der neuzeitlichen Ägyptenrezeption ist bislang wenig beachtet worden und wird von den Autoren (dankenswerterweise) bewusst als ein zentrales Anliegen des Buches in den Mittelpunkt gerückt. Daneben trägt es der bauhistorischen Würdigung des Museums voll und ganz Rechnung. Dieses gesteckte Ziel haben die Autoren inhaltlich-thematisch vorbildlich angegangen und textlich wie grafisch hervorragend umgesetzt.

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