Titel
Zauber und Magie
Untertitel
Studium generale der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sammelband der Vorträge im Sommersemester 2008
Rezension

Wunder, Zauber, Religion und Magie sind die Hauptbegriffe, die sich durch alle Beiträge des Sammelbandes mit Vorträgen des Studium generale 2008 im Sommersemester an der Heidelberger Universität ziehen.
Sechs Artikel füllen den Band philosophisch, ägyptologisch, religionsgeschichtlich, theologisch, pharmaziegeschichtlich und illusionistisch-praktisch orientiert. Definitorisch stecken Christoph Strohm und Monika Neugebauer-Wölk die Begriffsfelder 'Zauber' und vor allem 'Magie' ab. Zu Recht verweist Neugebauer-Wölk auf die Problematik einer wissenschaftlichen Betrachtung von Magie (alle Bearbeiter gehen unisono davon aus, dass es Magie reell existierend nicht gibt, setzen dies mit Ausnahme von Neugebauer-Wölk beim Leser aber stillschweigend voraus). Sie modifiziert das einleitende Vorwort (S. 7f.) dahingehend, den Glauben an Magie (Magieglauben, wie sie es nennt, Rezensent hätte Magiegläubigkeit vorgezogen) zum eigentlichen Forschungsobjekt zu machen; sie steht damit in der Tradition Thomas' von Aquin, der Magie und Zauber ebenfalls nicht zu den Wissenschaften rechnet. Neugebauer-Wölk spinnt den Faden des Magieglaubens aus einem psychologischen Ansatz heraus weiter hin zur neuzeitlichen Esoterik mit der provokanten Frage: 'Ist Magie eine Religion?' bzw. abgeschwächt: 'Welche Instrumentarien benötigt die Religionsgeschichte, Magie religionswissenschaftlich als Phänomen differenziert untersuchen zu können?' Strohm nähert sich bei seinen Überlegungen dem Magie-Begriff stärker historisch und damit mehr deskriptiv. Ausgehend von der veralteten These, Religion sei die Verehrung der Gottheit durch den Menschen und die Magie die Ausnutzung der Gottheit durch den Menschen, verweist er auf die Handlung ex opere operato, die machtvolle Wirkungen hervorrufen. Frazer wird mit seinen Thesen, die Magie in einer linearen Entwicklungslinie zur Religion zu sehen, von allen Autoren abgelehnt, speziell von Joachim F. Quack noch um Malinowski und von Strohm noch um Söderblom spezifiziert. Strohm sieht eine Entwicklung der Vorstellung von Magie von der Bibel beeinflusst, in der sie grundsätzlich als gegen Jahwe wirkungslos dargestellt wird. Dieses Prinzip wird im Neuen Testament auf Gottes Sohn (und Erben) ausgeweitet. Magische Mittel, um lebensbedrohend erfahrene Naturgewalten zu bändigen, werden dadurch überflüssig.
Einen anderen Ansatz verfolgt Augustin, der Magie als Täuschung durch Dämonen begreift. Weshalb aber diese Wesen wirken, bleibt bei ihm unklar, ihr Werk aber ist in Menschenhand immer ein Schadenzauber. Das Mittelalter begegnet der Magie dennoch aufgeklärt, denn alles, was nicht auf vernünftiger Schlussfolgerung beruht, ist lediglich falscher Schein. Magie trägt damit dazu bei, die Naturgesetze zu verstehen und gesellt sich neben der Medizin zu den Wissenschaften (vgl. S. 146 f.). Der etablierte Glaube an Magie erfährt in der Renaissance durch die Lektüre der zugänglich gewordenen originalen antiken Schriften neuen Auftrieb und eine unabhängig von Augustin positive Wertung. Magier ' oder besser Magi ' treten nach eigenem Selbstverständnis zum Nutzen der Menschen auf und stellen ihre Fähigkeiten zu deren Wohl in ihren Dienst. Genau wie diese Magi glauben auch Vertreter gesellschaftlich führenden Schichten an Magie, verstehen diese aber als Bedrohung, dass Magi unkontrollierbaren Einfluss auf das soziale und natürliche Leben der Bevölkerung nehmen können. Auf diesem Nährboden entwickelte sich die Verfolgung von Magiern und Zauberern, die in der Hexenverfolgung gipfelte.
Quack schildert anschaulich die enge Verknüpfung zwischen Magie und Heilwissenschaft im Alten Ägypten, die als Heilzauber verstanden auch in Schadenzauber pervertiert werden konnte. Oft beruhen altägyptische Rezepte auf Signaturenlehren, in einzelnen Anwendungen finden sich aber auch nachweisbare Wirkstoffe, die z. T. Thema des Beitrages von Elisabeth Vaupel sind. Zu ihrem Beitrag ist anzumerken, dass die Verwendung der Tollkirsche im pharaonischen Ägypten zwar denkbar, aber nicht nachweisbar ist, hingegen Bilsenkraut und Alraune archäologisch fassbar sind (vgl. Renate Germer, Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen, Philippika 21, Wiesbaden 2008, S. 271 f., 293 f.).
Vieles also scheint geeignet, die Welt zu verzaubern. Nach ihrer 'Entzauberung' fragt Wolfgang Schluchter in der Sicht von Max Weber. Entzaubern ist synonym für modern gebraucht, konkret versteht Weber darunter, dass sich Erlöserreligionen von magisch-praktischen Komponenten befreien. Seinen Abschluss findet dieser Prozess im asketischen Protestantismus. 'Entzauberung' findet parallel dazu im 'Reich des denkenden Erkennens' statt, in der Wissenschaft als Beruf. Zauber oder Wunder in der Weber eigenen Definition existieren dann nicht mehr. Man kann sie zwar nach wie vor propagieren, der moderne Mensch muss aber wissen, dass es sie nicht gibt. Er ist für Tun eigen verantwortlich, magische Beeinflussung von außen gibt es nicht, daher kann sie nicht als Entschuldigung für Fehlverhalten angeführt werden. Sie ist reine Illusion, für die Peter Mürner in seinem Beitrag Beispiele zeigt und die Grundlagen erklärt.
Der in seiner inhaltlichen Fülle nur kurz skizzierbare Band reißt viele Facetten des Oberthemas an; Esoterik, Illusion, Erkenntnis, Gott, Naturgesetze und Hexenverfolgung sind Unterlemma, die in verschiedenen Artikeln immer wieder aufgegriffen und erläutert werden. Wenn auch nicht alle Aufsätze mit den Ergebnissen der Vorlesung in die Sammelpublikation Eingang gefunden haben, findet sich in ihr doch genügend Potential für eine weiterführende Auseinandersetzung mit den Themen 'Zauber' und 'Magie'. Gehäuft Flüchtigkeitsfehler weist der Beitrag von Quack auf; das Layout im Buch besonders im Artikel von Neugebauer-Wölk ist unsauber; in der Adressenliste der Referenten fehlt Vaupel. Alles in allem aber hält man bei der Lektüre ein inhaltlich und herstellungstechnisch qualitätvolles Buch in den Händen.

Zurück