Titel
Performance and Drama in Ancient Egypt
Rezension

 'Archäologie der Aufführungspraxis', so könnte man das Anliegen des anzuzeigenden Buches vielleicht ins Deutsche übertragen. Seine Autorin, Robyn Gillam, ist nicht in erster Linie Ägyptologin, sondern vom Profil her eher eine Kulturhistorikerin mit einem künstlerischen Schwerpunkt. Ihr Interesse gilt besonders dem Theater und dem Schauspiel.
2002 fand im Rahmen eines Treffens der 'Theoretical Archaeology Group' in Manchester ein Zusammenschluss der Sektion 'Archaeology and Performance' statt, die der Frage nachgeht, welche Interaktionen zwischen Publikum und Aufführung stattfinden (vgl. http://humanitieslab.stanford.edu/ArchaeologyPerformance/88 und http://humanitieslab.stanford.edu/ArchaeologyPerformance/Home). Dabei sind die Bühne, die Schauspieler und ihre Sprechakte, das Bühnenstück, die historische Begebenheit und vieles mehr zu berücksichtigen. Das alte Ägypten lag bislang nicht im besonderen Fokus der Arbeitsgruppe, die sich stärker auf die europäischen und klassisch-antiken Aufführungsorte konzentrierten. Das Pharaonenreich bietet jedoch für eine derartige Untersuchung eine vielschichtige Quellenlage: Es existieren die Aufführungsorte, es gibt überlieferte Schauspiele und es gibt deren bildliche Wiedergaben. Eine Aufführungspraxis lässt sich bei Tempelfesten, bei Totenfeiern oder bei Königsritualen feststellen, so dass auch hier ein breites Spektrum an Vergleichmaterial für eine Untersuchung erreichbar ist.
Gillam hat für ihr Buch viele greifbare und verwertbare Hinterlassenschaften beginnend mit der Vorzeit und endend mit der römischen Herrschaft über das Land am Nil befragt und ihre Analyse anschließend chronologisch gegliedert. Nach einem kurzen Epilog stellt sie die ausgewerteten Quellen vor und schafft einen historischen Rahmen, in dem die Aufführungspraktiken zu sehen sind. Die Schnitte setzt sie mit den großen Zeitbrüchen der pharaonischen Chronologie: Frühzeit bis Ende des Alten Reiches, das Mittlere Reich, das Neue Reich und die sog. Dritte Zwischenzeit sowie die Spätzeit und die griechisch-römische Epoche. In einer Schlussbetrachtung wirft sie einen Blick auf antikisierende moderne Schauspiele.
Die bekanntesten Feste sind aufgelistet (mit Ausnahme des 'Klettern für Min') und teilweise mit eigenen Unterkapiteln vorgestellt. Das Buch ist nicht der Ort, einzelne Theorien zu Herkunft und Zweck verschiedener Feiern und Aufführungspraktiken zu diskutieren, Gillam neigt jedoch dazu, nur eine These bei ihrer Analyse zu berücksichtigen. Zum anderen vermischt sie Feierlichkeiten und Festbezüge verschiedener Epochen zu einer generalisierenden Aussage. Sie verkennt damit, dass Feiern im Alten Reich einen anderen Kultempfänger und eine andere Intention haben als die im Neuen Reich der Fall ist. Wissenschaftlich unsauber ist es ebenfalls, Feste der Ptolemäer mit solchen des 2. Jahrtausend v. Chr. zu verknüpfen, denn die makedonischen Herrscher im 3.-1. Jahrhundert v. Chr. haben bestenfalls ägyptische Kulte reinterpretiert, nicht aber in gleicher Form gefeiert und mit der selben politischen Aussage belegt, wie dies Pharaonen des Neuen Reiches getan haben. Den von ihr angedachten Weg, zeitlich differenziert Aufführungspraktiken zu analysieren, durchbricht sie mit diesen Querverbindungen und schmälert damit den Wert ihrer Auswertungen.
Der ausgewogenste und zugleich auch umfangsreichste Teil ihres Buches sind die Abschnitte über die Spätzeit und die griechisch-römische Epoche sowie die moderne Begehung altägyptischer Feste.
In ihrer Zusammenfassung definiert Gillam altägyptische 'Feste' als Interaktion zwischen Aufführenden und Zuschauern, denen ein 'dramatisches' Element beiwohnt. Musik, Tanz und Akrobatik sind ergänzende Untermalung der eigentlichen Feierlichkeit. Da für Ägypten nur Aufführungen der Oberschicht überliefert sind, mahnt Gillam (zu Recht) zur Vorsicht bei Interpretationen zur allgemeinen Bewertung von 'Festen' im alten Ägypten. Der Sinn dieser Feierlichkeiten ist die Dokumentation gesicherter Verhältnisse selbst in Krisenzeiten. Den dramatischen Ereignissen eines Schauspiels geht eine Abnormalität voraus, die im Laufe des Geschehens durch rituelle Formen wieder in die Normalität zurückgeführt werden. Jede Aufführung versinnbildlicht demnach die Wirkkraft von Kult und hat politisch stabilisierende Kraft. Hierbei ist Gillam uneingeschränkt beizupflichten, neu ist das Ergebnis ihrer Untersuchung jedoch nicht. In der deutschsprachigen Forschung ist dies bereits von Jan Assmann ('Der König als Sonnenpriester', 'Funktionen und Leistungen des Mythos') und Erik Hornung (z. B. 'Geschichte als Fest', 'Neue Studien zum Sedfest') ausführlich behandelt worden. Wie das Literaturverzeichnis zeigt, sind Gillam deren Forschungsergebnisse unbekannt.

Zurück