Titel
Der Philosoph als Autodidakt
Untertitel
Ein philosophischer Inselroman
Rezension

'Das Wissen steht über dem Glauben, aber das Schmecken steht über dem Wissen. Denn das Schmecken ist ein intuitives Erleben, das Wissen hingegen erschöpft sich im Syllogismus, und der Glaube ist bloße Annahme der traditionellen Autorität.'
Al-Gazali

Abu Bakr Ibn Tufail ' auch Gebildeten heute wohl kaum bekannt ' lebt 1110-1185, zunächst in Andalusien, das damals kulturell blühte; später hat er eine einflußreiche Stellung am Hof der Sultane von Marrakesch. Dort wird Averroes [Abu al-Walid Ibn Ruschd] sein Nachfolger, der große arabische Kommentator des Aristoteles.
Abu Bakr Ibn Tufail schreibt den Ur-Robinson, der als eines der originellsten Bücher des Mittelalters gilt, man glaubt, ihn 'zu Recht als eine Art philosophischen Bildungsromans' bezeichnen zu dürfen. So sollte er für uns Deutsche noch einmal separat wichtig sein, erleben wir uns doch gern als die Erfinder und Meister dieser Romangattung. Die narrative Form, die der Philosoph wählt, verdankt sich der auch sonst verbreiteten Einsicht, daß 'die letzten Wahrheiten in sprachlicher Form nicht adäquat, sondern nur gleichnishaft wiedergegeben werden können'. Sein Held, der als heimliches Kind einer Prinzessin gilt, wird in einem Korb im Meer ausgesetzt [fast wie Moses auf dem Nil]. Er landet auf einer unbewohnten Insel an, wo ihn eine Gazelle säugt [fast wie die Wölfin den Romulus und Remus]. Freilich gibt es eine Variante dieses Mythos: Einige 'sind überzeugt, daß das Kind ganz ohne Eltern auf einer Insel entstanden sei, und zwar durch spontane Genese aus einer optimal disponierten Lehmmasse, in der sich ein Körper gebildet habe, der schließlich den lebensspendenden Geist von Gott empfangen habe'. Man glaubt, überall die intertextuelle Nachtigall trapsen zu hören, die ihre strukturhomologen Liedchen trällert. Er erfindet nun ganz allein in Siebenjahreszykeln die Zivilisation: kleidet sich, baut sich eine Hütte, zähmt sich ein Reittier, erlangt Bewußtsein und Selbstbewußtsein, beginnt das Höchste zu ahnden und zu erkennen. Die erfundene Geschichte soll als Konstrukt garantieren, daß der Held unbeeinflußt von Traditionen bleibt, aus sich selbst heraus, als Autodidakt, die Wahrheit (er)findet.
Dabei ist die arabische Philosophie durchaus elitär (und so wohl auch realistisch?): 'Die große Mehrheit allerdings ist aufgrund ihrer natürlichen Veranlagung gar nicht in der Lage, die Wahrheit zu erkennen; für diese Leute gibt es die religiösen Symbole, die ihrem Verständnis angemessen sind.'
Immer wieder zieht, quasi als Basiskonstante, durch die Geisteswelt die Trennung in 'freie, allegorische Auslegung der religiösen Schriften' und das 'anthropomorphistische Gottesverständnis mit dem blinden Gehorsam gegenüber den traditionellen Autoritäten'.
Es kann schon mal vorkommen, daß ein bedeutender Denker, ein Aristoteles-Kommentator in den Verdacht der Ketzerei gerät; auch in al-andalus, in Andalusien, gibt es 'die traditionalistischen islamischen Rechtsgelehrten, welche spekulative Theologie und Philosophie' ablehnen. So ist verständlich, daß nur 'durch den Rückzug aus der Gesellschaft' das Ziel erreichbar wird: die 'Erlangung der vollkommenen Erkenntnis'. Die hatten (und haben) wohl die islamischen Mystiker, die Sufi (nach ihrem einfachen Wollgewand, arab. suf, benannt). 'In Erwartung des jüngsten Gerichts riefen sie zu Reue und Umkehr auf und tadelten die zunehmende Verweltlichung der muslimischen Gesellschaft.' Als ob einem da nicht Strukturhomologien zu christlichen Mentalitäten wie Schuppen von den Augen fielen. Übrigens kann man mehr Westliches finden, besser: Universales, Globales als einem lieb sein mag. 'Das Bild des Falters, der sich von der Flamme angezogen ihr immer mehr nähert und schließlich in ihr verbrennt', gehört hierher. Wer dächte nicht an Goethes 'Selige Sehnsucht', wo der Schmetterling des Lichts begierig der brennenden Kerze nicht ausweicht.
Die Sufi, die islamischen Mystiker, kannten 'Standorte', das sind 'religiöse Haltungen, Tugenden oder Eigenschaften wie Reue, Skrupelhaftigkeit, Weltverzicht, Armut, Geduld, Gottvertrauen, Zufriedenheit'; davon unterschieden sie 'Zustände', das 'waren eher emotionale Erscheinungen oder Anwandlungen wie Liebe, Furcht, Hoffnung, Leidenschaft, Schau und Gewißheit'. Buddhas Ohren hören hier strukturhomologe Melodien. Es gibt mehr Universalismus als Chomskys Grammatik der sprachlichen Universalien glaubt annehmen zu können. Hierzu gehört auch die Vorstellung der Zyklushaftigkeit mundaner Prozesse, hier der aus der Bibel bekannte Siebenjahreszyklus.
Gerade in der gegenwärtigen (politischen) Situation ist selbstevident, daß eine Beschäftigung mit islamischer Literatur zu den Forderungen des Tages gehört; so richtet sich die verdienstvolle  Publikation des Felix Meiner Verlages auch an 'ein Publikum mit einem Interesse an arabisch-islamischer Philosophie, ohne allerdings größere Vorkenntnisse auf diesem Gebiet vorauszusetzen', 'islamwissenschaftliche und philosophiegeschichtliche' Aspekte werden entfaltet. An der hervorragenden Arbeit von Patric O. Schaerer, der die Übersetzung gemacht, die glänzend informierende Einleitung geschrieben und die wunderbaren Anmerkungen verfaßt hat, verstehe ich nur eins nicht: warum es 'dem Herz' und 'den Kalif' heißt.
Abu Bakr Ibn Tufail ist eine (Wieder-)Entdeckung; dem Buch gehört der Preis: das Wichtigste des Jahres.

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