Titel
Buddhismus
Untertitel
Lehre und Kritik
Rezension

Buddhismus, was immer darunter verstanden wird bei riesig vielen Varianten und Schulen, hat seit langem im Westen Konjunktur; man darf vermuten, dass diese buddhistische Mode auch eine Antwort auf die Eindimensionalität der (spät- und turbo-)kapitalistischen Welt ist. Dem Stress des Werktags versucht man, mit exotischen Ritualen zu entgehen.

Dabei sollte bei genauerer Hinsicht die Attraktivität dieser Religion gar nicht so hoch sein; sie verspricht ihren Anhängern nicht wie die drei großen monotheistischen Positionen ein schlaraffenlandartiges Paradies, ein Leben in Saus und Braus. Das Nirvana als erstrebenswerter Endzustand ist leid- und freudlos, ohne Empfindungen, „frei von allen Begierden“. „Eben darin, Bruder, besteht ja das Glück, daß es dort (im Nirvana) keine Gefühle mehr gibt.“ (S. 287) Gefühle überhaupt werden als negativ beschrieben. Das erinnert an die ataraxia der Epikureer, die Gemütsruhe, es erinnert an die tranquilitas animi der Stoiker. Die Unerschütterlichkeit ist das Ziel (telos) der Eudaimonie, des gelingenden, glücklichen Lebens. Dazu gehört, buddhistisch wie antik, die aponia, die Schmerzfreiheit. Sie macht die hedone katastematike möglich, die, wörtlich, ruhige Lust, besser übersetzt: die Lust in der Ruhe. Die Romantiker kannten das, wenn sie sangen: stirbt der Menschen laute Lust. Selbst die  epoche der antiken Skeptiker kann als Mutation buddhistischer Theoreme begriffen werden: die Urteilsenthaltung, die Betrachtung der Welt sine ira et studio, die theoria, die Schau des Lebens als Freud und Leid, die dialektische Geschwister sind, ohne wertende Stellungnahme. Es gibt Tendenzen im Buddhismus, „die behaupten, dass Erlösung in einem endgültigen Erlöschen besteht, in einem nirvana ohne Rest“ (S. 227).Genaueres aber darf man nicht erwarten, Buddha „weigerte sich, Nirvana auf überzeugende Weise zu bestimmen“ (S. 302).

Hat man erst einmal diesen Zug der komparatistischen Betrachtung bestiegen, sieht man, dass die apathia, die als Fremdwort Apathie nicht die alte Bedeutung wiedergibt. Wörtlich heiß es nämlich das Nicht-Leiden (a als alpha privativum, pathie von pathos, leiden, ertragen, also wörtlich: das Nichtleiden). Hier ist man mitten im Nirvana.

Das ist ein Kern des Buddhismus: die Erfahrung des Leids; Leben, Welt sind leidbestimmt, eine Parallele zum christlichen Jammertal. Leid gilt als „Grundbefindlichkeit unserer Existenz“ (S. 58). Das ist ein Moment, wo sich westliche und östliche Theoreme berühren. Bei Heidegger in seiner Existentialanalyse des Daseins erscheint die Struktur der Sorge, die Ausrichtung auf den Tod, als zentrale Figur. Ziel ist die Überwindung des Leids, formuliert in einer riesigen Menge an Texten, die den Weg dahin ausdifferenzieren. Aufgrund dieser buddhistischen Kernlehre konnte bei Schopenhauer und Nietzsche der Buddhismus zur „einzig adäquaten Form der religiösen Lebenshaltung“ (T. Grimm) avancieren. Die Wege zur Befreiung von Leid sind mit viel Verzicht gepflastert; die ursprünglich ganz strenge asketische Ausrichtung ist auch heute nicht überwunden. Etwa zählt das Zölibat zu den mönchischen Lebensformen. Zu den Wegmarken gehören Konfliktvermeidung, also Friedenswilligkeit und die Bekämpfung der Affekte, der „Triebe“, wie es in den Schriften heißt: Wut, Zorn, Gier. Das kann bis zur „Tötung des Lebenswillens“ gehen, so dass man sich schon fragt, warum Buddhisten nicht die geborenen Selbstmordattentäter sind. Teilweise wird „nicht nur jede Lust, es wird sogar das Lachen“ verboten (S. 293).

Ein Dreh- und Angelpunkt der buddhistischen Philosophie ist die Karma-Lehre, „die Vergeltungskausalität guter und schlechter Taten“ (v. Glasenapp). Es wird ein Konto geführt, das Sünden und das gute Werke verzeichnet. Wer erbärmlich wiedergeboren wird, etwa als Wurm oder als Unberührbarer, ist dafür selbst verantwortlich. Er hat in seinem früheren Leben Schuld auf sich geladen. Je nach dem Stand dieser Bilanz gestaltet sich die Wiedergeburt, die als zentrales Dogma gilt: Gute Menschen werden in guten Positionen wiedergeboren. Es liegt auf der Hand, und darauf weist Binder kritisch hin, dass dieses Theorem übelste politisch-soziale Folgen haben musste. Es legitimiert die indischen Verhältnisse, die durch ein strenges Kastensystem bestimmt sind, das soziale Ungleichheit zementiert. Binder betont das explizite, wenn er auf die „fatale Karma- und Wiedergeburtslehre“ hinweist (S. 28).

Ein anderes Dogma, das für westliches Denken nicht begreifbar bleibt, ist die Ichlosigkeit: Der-Buddhismus verzichtet auf ein Ego, das doch nach Kant „all unser Denken muss begleiten können“. Die abendländische Reflexion kann auf dieses Subjekt, das Leibniz als „é`tre capable d’action“ bestimmt hatte, nicht verzichten, auch schon deshalb, weil es als Mitte der Person gilt und so etwa die Instanz der Verantwortung ist. Moral und Ethik, Gewissen sind im Umkreis des Ich angesiedelt. Das Bewusstsein ist zwar mit W. James ein stream of consciousness, hat aber kein Ich, das Quelle dieses Flusses wäre (S. 188). Bei Kant ist das die transzendentale Einheit der Apperzeption, die all unsere Bewusstseinsinhalte erzeugt, lenkt und bündelt. „Die Wirklichkeit ist ein Gewoge unentwegter Verwandlungen aus einem unentstandenen, unvergänglichen, unermesslichen und kernlosen ‚Stoff‘ “ (S. 195). Wir sagen nur, es sei ein Ich. Anklänge an das heraklitische panta rhei entstehen, wenn ‚Existenz ein permanenter Prozess von Werden und Vergehen‘ (S. 204) ist. „Mit der letztlichen Wahrheit ist im Kanon gemeint, dass das Leben ein bloßer Prozess von sich verändernden Phänomenen ist, ein Entstehen, in dem kein Selbst (kein Ich) zu finden ist“ (S. 213). Das führt auch dazu, „dass keine Lehre, kein Denken, die Wirklichkeit trifft, das sich alle Interpretationen in Widersprüche verstricken“ (S. 206). Für den Buddhisten „genügt es, die Seelen-Idee zu verwerfen und Ich- und Meingedanken  stillwerden zu lassen, so wird man bescheiden und unegoistisch“ (S. 221). Das ist eine Stelle fundamentaler Differenz zu europäischem Denken. Für Heidegger ist der Mensch das Dasein, dem es in seinem Sein um sein Sein selber geht. Das interessenbestimmte Wesen ist europäisch zentral, im Buddhismus genau das, was verschwinden soll. Beide Positionen, die westliche wie die buddhistische, sind vorderhand nicht vereinbar.

Zu den Eigenarten von Religionen gehört es, ungelöste Probleme zu haben: etwa die Theodizee im Christentum. Im Buddhismus gehört hierher die Karmalehre, die zumindest dies Problem entstehen lässt: wie kann ein als Tier wiedergeborenes atman (Ich, Seele, Selbst) gute Karma-Punkte sammeln und so auf einer höheren Stufe wiedergeboren werden (S. 98), es ist doch instinktbestimmt, somit jenseits einer Handlung, die mit gut oder böse bezeichnet werden kann? (das hindert das Alte Testament nicht daran, z.B. böse Kühe, die ein Unglück verschuldet haben, hinzurichten.) Allerdings ist das kein Alleinstellungsmerkmal von Religionen, denn es gibt z.B. auch in der Mathematik (noch) ungelöste Probleme. Religionen leben mit Dogmen, die sie selbst generieren und die als Geheimnis des Glaubens – mysterium fidei – ausgegeben werden. Religion als mentales Konstrukt, das per se aufgrund der allgemeinen menschlichen Gebrechlichkeit fehlerhaft ist, lässt sich mit Instrumenten der Ratio von sich selbst her nicht erfassen. Die Inhalte als Offenbarung, im Buddhismus als Ergebnis der Erleuchtung  verstanden und damit immunisiert, sind der rationalen Kritik entzogen. Sie gehören einem eigenen, autonomen – sich selbst die Gesetze gebenden – System an. Sie wachsen innerhalb eines Feldes, das für sich selbst – in seinen Grenzen – anerkannt werden will und anerkannt werden muss, soweit es nicht andere Felder kontaminiert, besonders nicht andere Bereiche bestimmen will. Ein treffender Beleg dafür ist die Kritik der Evolutionstheorie durch kreationistische Christen.

A. Binder, selbst praktizierender Zen-Buddhist, liefert eine hochkompetente Darstellung der Lehre und hält, was eher rar ist, mit einer subtilen, scharfen Kritik der buddhistischen Ideologeme nicht zurück. „Wegen  fundamentaler ontologischer Unklarheiten kann das Mahayana (das Große Rad der Lehre) einfache, aber ‚essentielle‘ Fragen nicht beantworten“ (S. 226). „Der Buddhismus wollte, wie Glasenapp feststellte, alle Erscheinungen des Lebens erklären. Er tat dies auf eine Weise, die uns heute kindlich, naiv und phantastisch erscheint, aber für die damaligen Zuhörer wahrscheinlich vernünftig und logisch wirkte“ (S. 270). So hatte schon der bedeutende  Kenner des Buddhismus im 19. Jh., Hermann Oldenberg gesagt, „Es fehlt nicht an Unklarheiten, an Widersprüchen, an Unverständlichkeiten“ (S. 158). Binder meint. „An seinem Versprechen gemessen, den Menschen den Weg zur endgültigen Erlösung zu zeigen, ist der Buddhismus allerdings völlig gescheitert“ (S. 246). „Keine der Gelenkachsen des Buddhismus ist tragbar, keine der Grundlehren plausibel“ (S. 162). „Für manche Interpreten des Buddhismus sind die Lehren so extrem widersprüchlich, das sie nicht ernst genommen werden können“ (S. 169). Das „theoretische Fundament des Buddhismus ist ein schwaches“ (S. 88).

Dann, gerade zu der allgemein herrschenden Ansicht, der Buddhismus sei im Sinne seiner Theoreme friedliebend und gewaltmeidend: „Die staatlichen Institutionen (in Sri Lanka und Tibet) waren weder von Mitgefühl noch von Gerechtigkeit geprägt. Armut wurde nicht bekämpft, sondern dank extremer Ausbeutung nie beseitigt“ (S. 278). „Der Dalai Lama wird heute auf der ganzen Welt kultisch verehrt, dass er das Oberhaupt eines der  erbarmungslosesten und diktatorischen Systeme war, die es auf Erden gab, wissen seine Anhänger nicht oder sie wollen es nicht wissen“ (S. 279).

Indes, bei all dieser rationalen, logischen Kritik und Bestandsaufnahme bleibt der Buddhismus doch eines der großen, der ganz großen Bedeutungsgebäude der Menschheit; dieses Haus hat immer auch praktische Absichten; sie sind in der Person des Bodhisattva realisiert; sein Leben ist von diesen Vollkommenheit bestimmt. „Freigebigkeit, Sittlichkeit, Nachsicht, Willensstärke, Versenkung, Einsicht, die Fähigkeit, das rechte Mittel anzuwenden, Gelübde, Kraft und Erkennen“ (S. 171).

Alfred Binders Buch steht für Bildung, die doch heute überall gefordert wird (wenngleich man sie mit Ausbildung velwechsert); es gehört auch ins Bücherregal, aber mehr noch in die Koffer aller Asienreisenden.

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