Titel
Die Symphonien Bruckners
Rezension

Die Vielschichtigkeit des anzuzeigenden Buches in eine knappe Darstellung zu pressen, kann nur bedingt gelingen. Die komplexen und durchweg lesenswerten Beiträge zwingen in der Zusammenfassung des Rezensenten zu formalisieren, zu charakterisieren, ohne auf deren zahlreichen Einwürde und Interpretationen näher eingehen zu können. Dabei regt dieses Buch in erster Linie zur Diskussion an, mit provokanten Texten zu einem Komponisten, der bombastisch in epischer Länge seine Musik dem Zuhörer zumutet (zwei Beispiele aus der Bruckner-Rezeption stellt Jutta Pumpe vor, die kaum besser den Diskussionsbedarf darstellen könnten).
Anton Bruckner (1824-1896) darf neben Brahms als bedeutenster Symphoniker des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelten. Im vorliegenden Band haben zehn Autoren die gleiche Anzahl Symphonien in 'Werkbetrachtung' und 'Essay' mit jeweils unterschiedlicher Methodik aufbereitet. Biographische Notizen und ein verschiedene Themen überspannendes Essay sowie elf Bildbeschreibungen und eine Zusammenfassung ergänzen äußerst sinnvoll die Werkauswahl. Publizisten und Fachwissenschaftler konnten für eine im Ergebnis beachtens- und empfehlenswerte Mitarbeit gewonnen werden.
Zur Person: Im oberösterreichischen Dorf Ansfelden geboren, stark religiös sozialisiert, ergreift Bruckner zuerst, anscheinend eine Familientradition folgend, den Lehrerberuf; bereits zu Beginn jedoch und ohne Unterbrechung von einer Musikausbildung begleitet, die 1855 in einer Anstellung als Domorganist in Linz endet. Der sog. Sozialaufsteiger schafft mit Fleiß eine künstlerische Weiterentwicklung (unangefochten aber von einer intellektuellen, wie ihm einige Autoren unterstellen). Wagner verehrt er, ohne aber zu dessen engeren Bekanntenkreis zu zählen; Brahms kennt er, ohne aber engeren Kontakt zu ihm zu pflegen. Bruckner ist künstlerisch wie gesellschaftlich ein gewollter Einzelgänger. Krisen und Rückschläge wechseln sich mit überwältigendem Erfolg (z.B. als Organist) und Prestigesteigerung ab, später Ruhm in den letzten Lebensjahren und besonders im Nachleben eingeschlossen.
Zur Rezeption: Drei große Schaffenszeiten (1864-68, 1869-76, 1879-87) lassen sich scheiden. Seine 'majestätisch' anmutenden, 'würdige Erhabenheit' spiegelnden, ja beinahe 'wortreichen großdimensionierten' 'Klanggewitter' entstehen erst in der späten Schaffenszeit und schieben sich nachhaltig in das Bewußtsein der Nachwelt. Anlehnungen (Bruckners I. Symphonie an Wagners 'Tannhäuser', die III. an Beethovens IX.) und zahlreiche Umarbeitungen (zumeist Kürzungen) verstärken in der Rezeption den Eindruck, in Bruckner einen unentschlossenen und experimentierenden Komponisten sehen zu dürfen, der fehlenden musikalischen Esprit durch Monumentalität zu verdecken sucht. Bruckners Musik liegt Massivität inne, die sich kurz in der ihm zuzuschreibenden Formel 'mehr ist mehr' zusammenfassen läßt. Stärker als andere Komponisten ist er zeit- und kulturgeprägt, in einem Heute der Bescheidenheiten eher unzeitgemäß.
Zum Buch: R. Ulm legt in ihrer Zusammenstellung Wert darauf, den Schwerpunkt auf die musikhistorische Bearbeitung zu legen. Daran haben sich erfreulicherweise alle Autoren in ihren Beiträgen gehalten, die jeweils eigene Meinung nicht verschweigend, aber notwendig zurückhaltend formuliert (wenngleich es inhaltlich zu Überschneidungen und Wiederholungen kommt). Kunsthistorische Erläuterungen zu Bildern und Fotografien ergänzen den kulturhistorischen Rahmen, der um Bruckners Symphonien gezogen wird, und setzen dessen Musik in ihren nötigen Kontext. Die gelungene Verbindung zwischen methodisch verschieden arbeitender Verfasser und unterschiedlicher Themenkomplexe machen Die Symphonien Bruckners als Einstieg in die Werkauseinandersetzung zum Buch Nr. 1.

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