Titel
Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur
Rezension

Die Charakterisierung vorliegenden Werks als Tour d’Horizon eignet sich vortrefflich, handelt es doch von sukzessive sich erweiternden und verschiebenden Horizonten einer „Wahrnehmungsgeschichte deutschsprachiger Literatur jenseits der Landesgrenzen“ (S. 481) in globaler Hinsicht. Ein bekanntes Bild, wie es aus der Literaturhistoriographie in nationaler Absicht oft genug entsteht, stutzt die Verfasserin zurecht, und erscheint dann alles andere als kolossal, ja lehrt im Vergleich mit anderen Literaturen geradezu zur „Demut“;  „deutschsprachige Literatur [erweist sich] in der Welt als Randphänomen“. Trotzdem verhilft die Autorin letzterer gerade durch die Hervorhebungen der Spezifik des deutschsprachigen Beitrags im internationalen Konzert zu Ansehen, etwa mit dem entfalteten Argument: „Selbst die Provinz kennt Höhepunkte.“ (S. 482)

Schon die schlagenden Formulierungen ihrer (Unter-)Kapitelüberschriften benennen und illustrieren genannte Spezifika: „’Barbaren’ mit Esprit“, „heiße Ware, 1450-1700“ liefernd (S. 35); „Muttersprache als Feindessprache, 1930-1960“ usw. (S. 305).

Entlang des chronologischen Seils lässt sie mit 750 die „Formierungsgeschichte“ (S. 28) anheben, entwickelt das Hineinströmen und sich Erweitern von ursprünglich deutschsprachiger Literatur in erdumspannende Literaturkreise, deren Produktion, Distribution sowie Translation.

Dabei „fällt Bekanntes, aber auch bislang so nicht Gesehenes ins Auge“ (S. 75): insbesondere die Abhängigkeit der Verbreitung von Deutschsprachigem von „andere[n] und etablierte[n ] Sprachen“ (S. 76); dann, wie „eine Weltliteratur [...] der ‚Provinzialisierung Europas’ entstammt“ (S. 121); Goethes ‚Faust’ „ein multikulturelles Eigenleben [entwickelte]“ (S. 198). Für das 19. Jahrhundert erschließt sich einem die Dialektik von „internationaler Anerkennung“ und dem „Bedarf nach Selbstbestimmung“ (S. 255), nationaler Distinktion. Die eigenwillig gesetzten Zäsuren (1930-1960) der Autorin beschreiben ein „Auseinanderfallen deutschsprachiger Literatur“ (S. 429), mit, ihrer Ansicht nach, antiglobalen Auswirkungen. Erst die Abschüttelung von ideologischen Indienstnahmen im Literaturdiskurs würden dem „genuin Literarischen an der Weltliteratur“, seinem charakteristischen „nahezu globale[n] Eigenleben“ (S. 476) erneut zum Durchbruch verhelfen.

Je jünger die, wohl auch exemplarisch besprochenen Werke sind, desto mehr kommt die Präferenz Richters zum Vorschein: Diese scheint am Kriterium einer erst nach der Zäsur von 1989 (wieder) möglichen Literatur ausgerichtet zu sein, eine Kunst mit der „Aufgabe [...], aus der Unterschiedlichkeit der Kulturen dem gemeinsamen Horizont ästhetisch Ausdruck zu verleihen und das Unvereinbare zu markieren“. (S. 465)

Eine prononciert persönliche Note besitzen Richters „Fünfundzwanzig Thesen“ (S. 467) am Schluss: ihr ist offenbar jene „vorsichtig[e]“ Literatur sympathisch, in der „Chancen und Grenzen des Humanismus“ erprobt, „nach Gemeinsamkeiten der auseinanderdriftenden Welt gefahndet“ wird, wo „[g]lobal wahrgenommene Erzählungen, planetare Probleme, das Wissen um die Unsicherheit der Zukunft Gemeinsamkeit stiften [könnten]“ (S. 481)

Quer durch die Geschichte gilt ihr für die „deutschsprachigen Länder“, dass deren „Zersplitterung“ „auch produktiv“ wirkte, jedoch andererseits ihrer „Sichtbarkeit“ „nach außen abträglich“ war und die „Infrastruktur für literarische Tätigkeit“ sich vielfach außerhalb der deutschsprachigen „Provinz“ abspielte (S. 482).

Statt einer Ikonisierung oder Zuschreibung eines Kultstatus’, werden Goethes ‚Werther’ und ‚Faust’ sowie die eminente Rolle Kafkas und Rilkes in der ihnen zukommenden rezeptionsgeschichtlichen Bedeutung beschrieben. Zudem wird in globaler Perspektive mit Bezug auf die Aufmerksamkeitszentren von Literatur festgestellt, dass die „Südhalbkugel oft abgeschnitten [erscheint] oder auf die Erstwahrnehmung und – aneignung durch den Norden angewiesen“ (S. 476) bleibt.

Fasst die Autorin das Phänomen der internationalen wechselseitigen Wirkung von Dichtungsschaffenden bündig in dem Satz zusammen: „Die ‚kleinen Autoren’ reisen im Gepäck der ‚großen’“ (S. 473), so können einem gewisse Parallelen des Verhältnisses zwischen der deutschsprachigen Literatur und anderen Literaturen auffallen, dass nämlich die ersteren als Untersetzte auf den letzteren, den Hochgewachseneren stehen.

Jedenfalls gelingt der Autorin die nationale, nationalistische Entkleidung der deutschsprachigen Literatur in ihre internationale, globale Gewandung gehörig: sowohl im Sinne ihrer Gemäßheit wie auch in ihrer Multidimension.

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