Titel
Verstehen und Interpretieren
Untertitel
Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationstheorie
Rezension

Verstehen und Interpretieren sind Begriffe, mit denen jede/-r Wissenschaftler/-in täglich umgeht. In den wenigsten Fällen wird hinterfragt, was ihnen eigentlich zugrunde liegt und welche Beziehung sie zueinander haben. Der Sammelband „Verstehen und Interpretieren. Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationslehre“ geht dieser Frage nach. Er bildet den Anfang der Reihe „Hermeneutik und Interpretationstheorie“. Diese Reihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Monographien und Tagungsbände in diesen Gebieten zu publizieren, um so die Gelegenheit zu einem interdisziplinären Austausch zu geben. Vor allem die Jahrestagungen des „Netzwerkes Hermeneutik und Interpretationstheorie (NHI)“, welches vom Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie der Theologischen Fakultät in Zürich koordiniert wird und dieselbe Zielsetzung hat, sollen somit eine Möglichkeit zur Veröffentlichung erhalten. Der vorliegende Band dokumentiert die Ergebnisse der ersten und gleichnamigen Tagung des Netzwerkes im Dezember 2016. Zusätzlich wurde der Band um die Beiträge der Germanisten Jørge Sneis und Klaus Weimar erweitert.

Bereits im Vorwort setzen sich die Herausgeber/-innen Andreas Mauz und Christiane Tietz kritisch mit der derzeitigen interdisziplinären Forschungslandschaft im Bereich der Hermeneutik auseinander, indem sie den Namenszusatz „(…) und Interpretationstheorie“ erläutern. Vielen mag nicht geläufig sein, warum dieser hinzugefügt wurde, da er auf den ersten Blick nur ein Synonym des Fremdwortes „Hermeneutik“ wiedergibt. Dass der Zusatz aber ungeachtet dessen für die Ziele des Netzwerkes richtig und wichtig ist, erklären die Herausgeber/-innen daran, dass sich die heutige Hermeneutik stark auf die Philosophie (und die Vorreiter der hermeneutischen Philosophie aus dem 20. Jhd.) bezieht und den interdisziplinären Austausch somit vernachlässigt. Die Ergänzung Interpretationstheorie soll aus diesem Grund anderen wissenschaftlichen Disziplinen ermöglichen, sich am Austausch über die Hermeneutik zu beteiligen. Deswegen füllt die Reihe – nach der Meinung der Herausgeber/-innen – eine Nische, die zuvor noch nicht bedient worden ist. Darüber hinaus setzt sich diese Dualität im Titel und im Oberthema des Werkes fort, indem die Begriffe „Verstehen“ (Grundbegriff der Hermeneutik) und „Interpretieren“ (Grundbegriff der Interpretationstheorie) den Lesenden durch die folgenden Aufsätze begleiten. Der erste Beitrag (1-20), der ebenfalls von den beiden Herausgeberinnen/-n stammt, versucht zu diesem Zweck die Wichtigkeit der Diskussion der Begriffe zu erörtern. Diesbezüglich werden die Standardmodelle und die Kernliteratur erläutert, um die Begriffe aufeinander beziehen zu können. Im weiteren Verlauf diskutieren Wissenschaftler aus verschiedenen Professionen diese Begrifflichkeiten aus verschiedenen Blickwinkeln und mit Rückbezug auf die im Vorwort geäußerten Aufgaben der Reihe. Jedoch sei anzumerken, dass die Philosophie und die Theologie deutlich dominieren. Es wäre für eine Etablierung des Basisvokabulars und für die Förderung interdisziplinärer Forschung möglicherweise ein Gewinn gewesen, wenn weitere Fächer an dem Diskurs beteiligt worden wären. Trotzdem arbeitet der vorliegende Sammelband hervorragend die Begriffe „Verstehen“ und „Interpretieren“ auf, indem Standardlektüre aus dem Bereich der Hermeneutik immer wieder mit neuen Ansätzen in Verbindung gebracht wird. Trotz der geringen interdisziplinären Bandbreite können die gewonnenen Erkenntnisse in verschiedenen Disziplinen angewandt werden. Einige Aufsätze (vor allem diejenigen ab Seite 127) sind zunehmend theoretischer Natur und vermitteln sehr komplexe Inhalte, die für Einsteiger/-innen in das Gebiet schwieriger zu verstehen sind. Darüber hinaus unterscheiden sich auch alle Aufsätze in ihrem formalen Aufbau. Die meisten besitzen kein einheitlich gekennzeichnetes Fazit, welches es erschwert, das Resultat eines Aufsatzes schnell nachzuschlagen. Aus diesem Grund ist der Beitrag von Staffan Carlshamre „Dimensions of Interpretation“ (39-56) besonders positiv hervorzuheben. Er folgt nicht nur einem klaren formalen Aufbau, sondern er versucht, seine These über „readings“ und „claims“ als essenzielle Komponenten von Interpretationen auch mithilfe eines konkreten Beispiels zu erläutern.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass „Verstehen und Interpretieren. Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationstheorie“ die beiden Begrifflichkeiten aus den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert. Bereits vorhandene Forschungsliteratur in der Hermeneutik wird kritisch hinterfragt und mit dem Oberthema des Sammelbandes in Verbindung gebracht. Dennoch wäre eine weitere fachliche Bandbreite wünschenswert gewesen, obwohl die herausgearbeiteten Thesen in verschiedenen Disziplinen angewandt werden können. Für die folgenden Bände wäre zudem eine einheitliche formale Struktur wünschenswert, um eine bessere Übersichtlichkeit zu gewährleisten.

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