Titel
Der Koran in seinem religions- und weltgeschichtlichen Kontext
Untertitel
Eschatologie und Apokalyptik in den mittelmekkanischen Suren. Beiträge zur Koranforschung; 1
Rezension

Dr. Zishan Ghaffar promovierte am Zentrum für Islamische Theologie der Wilhelms-Universität Münster und ist seit 2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Akademievorhaben Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört explizit die historisch-kritische Koranexegese und daher verwundert es kaum, dass, nach seiner ersten Monografie zum historischen Muhammad in der islamischen Theologie, Ghaffar ein stark methodisch orientiertes Buch zu den Verhältnissen und dem Bezugsrahmen des Koran präsentiert. Der Koran in seinem religions- und weltgeschichtlichen Kontext. Eschatologie und Apokalyptik in den mittelmekkanischen Suren, erscheint als erster Band der Reihe Beiträge zur historisch-kritischen Koranforschung, deren Ziel das „tiefere Verständnis des historischen Kontextes der koranischen Verkündigung“ und die Verortung der „koranischen Theologie im spätantiken Milleu“ (Vorwort zur Reihe) nennt.

Das Buch ist in neun Kapitel aufgeteilt, in denen im ersten Kapitel eine Einführung in religionspolitische Umgebung des Korans gibt. Kapitel zwei bis acht widmen sich davon ausgehend ausgewählten Suren des Korans selbst, aus denen Anhaltspunkte und tiefergehende Rückschlüsse zum Umfeld der Koranentstehung ermittelt werden sollen. Dabei wird in jedem Kapitel der jeweils analysierte Abschnitt sowohl in der arabischen Transkription als auch direkt im Anschluss in der deutschen Übersetzung wiedergegeben. Abgeschlossen werden die Untersuchungen in Kapitel neun, welches die Ergebnisse der vorherigen Betrachtungen sammelt und in eine Gegenüberstellung und Typisierung der für den Islam zentralen Figur des Muhammed sowie dem byzantinischen Kaiser Herakleios (ca. 575–641) und der mit Ihnen verbundenen Ereignisse überführt.

Wie bereits angeklungen ist das Werk anhand der Suren des Korans strukturiert. Untersucht werden Teile aus sieben der 114 Suren des Korans. In dem einführenden Kapitel wird hierzu direkt eine Erläuterung zur Systematisierung vollzogen, da ausschließlich mekkanische bzw. explizit mittelmekkanische Suren – überwiegend an Gustav Weils und Theodor Nöldekers Chronologieansatz angelehnt – betrachtet werden (Q 17:4–8, Q 19:1–33, Q 38:17–40, Q 27:15–44, Q 18, Q 30:2–7, Q 21). Ghaffar schließt ganz bewusst seine Untersuchungen mit Q 21 ab. Alle vorherigen Kapitel werden zwar exegetisch analysiert, allerdings in einer komprimierten Fassung, ohne Erläuterung der einzelnen Schritte. Die umfassende Exegese vollzieht Ghaffar lediglich im Abschluss für Q 21. Damit bricht dieser Ansatz zwar mit der Struktur der Exegese, da somit die Methodik und die durchexerzierten Schritte erst im Abschluss gänzlich erläutert und nachvollziehbar gemacht werden. Allerdings wird explizit diese Sure von Ghaffar als besonders aussagekräftig und charakteristisch für die textuelle Darstellung der untersuchten Zeitphase im Koran identifiziert, weshalb sein Vorgehen im Sinne einer Argumentationsstruktur durchaus nachvollziehbar ist. Somit werden die in den anderen Kapiteln erarbeiteten Ergebnisse abschließend zusammengefasst und können im Zuge dessen noch einmal verifiziert werden.

Die in Ghaffars Forschungsfokus liegende Zeit des 7. Jahrhunderts ist grundsätzlich immer wieder eine schwierig adäquat zu illustrierende und zu erfassende Zeitphase, die im Klappentext passend als „geopolitisch turbulent […] und religionsgeschichtlich krisenhaft […]“ beschrieben wird. Verschiedene Reiche und unterschiedliche religiöse und politische Entwicklungen treffen in kürzester Zeit aufeinander, wodurch sich die Darstellung diese Phase besonders heikel gestalten lässt. Ghaffar bemüht sich dahingehend merklich, nicht nur eine Perspektive zu den Geschehnissen einzunehmen, sondern bezieht auch sowohl textuelle als auch vereinzelt materiell-archäologische Quellen in die Untersuchungen ein. Dadurch gelingt durchaus die Vermittlung eines kritischen und umfangreichen Blickes auf die Texte des Korans.

In der Gesamtheit ist das Buch trotz seinem offenen Titel sicherlich nicht als Einführung in die Forschung zum Umfeld des Korans und seiner Theologie zu verstehen, sondern als fortgeschrittenes Werk, welches den theologischen Gegebenheiten der Entwicklungen des 7. Jahrhunderts vertieft nachgeht. Diese Aufgabe erfüllt es dahingehend allerdings besonders gut, da es methodisch nachvollziehbar aufgebaut ist, sodass sich einzelne Charakteristika aus der Analyse der Textstellen ergeben und sich die Argumentationsketten für den Leser so durchdringen lassen. Ebenfalls wird ein sehr umfangreiches Bild der behandelten Zeitspanne gegeben und somit dem Anspruch, die Entstehung der mittelmekkanischen Suren in das politische und theologische Umfeld einzubetten und zu verstehen, gerecht. Eine Empfehlung für alle, die sich bereits intensiver mit dem Koran und vielleicht auch den mittelmekkanischen Suren beschäftigt haben und nun einen tieferen Blick in den Kontext und die Bedingungen für deren Entstehung erhalten möchten.

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