Titel
Karol Modzelewski, Gesellschaftspsychologie einer Revolution
Rezension

Wird aktuell häufig ein Mangel an sozialer Solidarität beklagt, wurde sie 1980/81 in Polen zum Ereignis; hier deklariert als „erhabene Zeit“ (S. 21), denn für „Millionen Polen […] die einzige Erfahrung von aktiv gelebter Freiheit“, „in einer großen Gemeinschaft und im Gefühl brüderlicher Verbundenheit“ (S. 26). Diese kurze Periode lässt der Autor gegenüber den unmittelbar folgenden abstechen, in der Beschreibung von Schwundstufen, Derivationen, Metamorphosen und insbesondere Umkehrungen der ursprünglichen Absichten.

Modzelewski besitzt dafür die Innenperspektive, als Pionier (schon ab Mitte der sechziger Jahre als Reformator aktiv), ja sogar Namensgeber der „Solidarność“.

Der Anmerkungsteil übertrifft um ein Drittel den Hauptbeitrag, wobei Skordos Stichworte aufgreift, verständnisvertiefend interpretiert, erläutert, vor allem ergänzt, dabei autonom bleibt, ideologisch keineswegs konform.

Der Mitherausgeber, Chr. Lübke sowie der ehemalige regimekritische Mitstreiter auf Seite der DDR, Wolfgang Templin, bekräftigen dabei deutlich die Funktion des Bandes, nämlich die herausragende Rolle Modzelewskis als Motor der „Solidarność“, deren politische Kraft insgesamt.

Wer Genaueres wissen möchte über die Klüfte der gegenwärtig auseinander wirkenden liberalen auf der einen und der national-konservativen Kräfte auf der anderen Seite im nämlichen Polen, bekommt hier so knapp wie essentiell Auskunft.

Die Thematik ist unterschwellig brisant, nicht nostalgisch: So nimmt in der rezenten Erinnerungskultur in Polen die „Solidarność“ eine „eher nachgeordnete Position ein“, jedoch in Umfragen erscheint die „‘Verschwendung des Vermächtnisses der „Solidarność“'“ als „‘Polens größte Schwäche in den letzten hundert Jahren‘“ gleich an zweiter Stelle (S. 47/48).

Genau davon ist bei Modzelewski die Rede, weniger allerdings von „der Abhängigkeit von der Sowjetunion nach 1945“ (S. 48; in Umfragen die größte Schwäche). In der Hauptsache geht es ihm um den „psychologische[n] Umbruch“ für „Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch manipuliert worden“ (S. 19) und entsprechend nicht bereit waren, ihre Wünsche an politische Willensvertreter zu delegieren (vgl. S. 20). Ob nun die daraus resultierenden „Welle[n] von lokalen Konflikten“ oder die terrorartigen Maßnahmen der „Regierungsseite“ (S. 20) den Ausschlag für die Entwicklung gaben, in jedem Fall hat für ihn „die ‚erste‘ „Solidarność“ den „Kriegszustand“ nicht überlebt“ (S. 25).

Zumindest daraus ließe sich schließen, dass nicht die Revolution einfach verspielt wurde, vielmehr die Sowjetunion der große „Player“ gewesen ist. Außer, dass damit „wahrscheinlich“ eine „sowjetische Invasion vermieden“ (S. 23) wurde, geht Modzelewski darauf nicht ein. Wohl aber darauf, dass in der Folgezeit die Menschen „das eigene Schicksal denen an(vertraute), welche unseren gemeinsamen Mythos repräsentierten“ (S. 29); die dann allerdings größtenteils ihr Mandat nach und nach zur Durchsetzung des Neoliberalismus‘ benützten, mit entsprechenden sozialen Verwerfungen.

Nach Modzelewski „existiert (der Mythos der „Solidarność“) heute nicht mehr“ und „hinterließ das Syndrom enttäuschten Vertrauens“ (S. 30).

Nur mithilfe der Skizze über die Abspaltungen in Parteien samt ihrer Begleitumstände im Anmerkungsteil gelingt es der Leserschaft dann doch, spezifische Verwandlungen und Wandlungen dieses Mythos‘ auszumachen: zum Beispiel durch seine Verwendung der derzeit in Regierung befindlichen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), indem diese sich mit der Generaldiskreditierung — ihre ehemaligen Mitstreiter der „Solidarność“ seien „Kryptokommunisten“ und nach wie vor zu mächtig — an der Macht zu halten versucht (S. 46/47); zum Beispiel aber auch organisatorische Versuche, insbesondere von Gdańsk (Danzig) ausgehend, zur Ausweitung der ursprünglichen Ideen der „Solidarność“ im gesamten EU-Raum.

Skordos referiert über gegenwärtig in Polen kursierende zweierlei konträre Erzählungen: Die, ab 2004, von der ‚Erfolgsgeschichte‘ und jene, ab 1988/89, der ‚Pathologie der Transformation‘ (vgl. S. 50/51).

Modzelewskis Beitrag gehört zur letzteren; er fungiert als zeitgeschichtliche Quelle (Modzelewski ist Mittelalterhistoriker). Skordos instruiert über die Dimension eines Kontexts, der in Relation zum schmalen Umfang erstaunen kann. Zur Print-Ausgabe wurde auch ein Open-Access-Titel verlegt.

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