Titel
Vom Neandertal nach Afrika
Untertitel
Der Streit um den Ursprung der Menschheit im 19. und 20. Jahrhundert
Rezension

Mit einem „diskursanalytischen Ansatz“ (S. 23) wird dem sich im Verlauf zunächst höchst spannungsreichen wie allmählich entspannten Meinungsbildungsprozess „über den menschlichen Ursprung“ bei einem forcierten „Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, zeitgenössischer Weltanschauung und gesellschaftlichem Diskurs“ (S. 26) nachgegangen. Mithilfe öffentlicher und interner Publikationen, von Nachlässen und Monographien sowie methodischen Instrumentarien, deren Aktualität schon die verwendeten Begriffe wie Deutungshoheit, Netzwerk, Scientific community bekunden, gelingt der Autorin die Dekonstruktion der „Meistererzählung vom ‚missing link‘“ (S. 141), somit eine Dekonstruktion der mit dem Neandertal-Fund den Anstoß gebenden „weitläufigen Dekonstruktion des Menschen als Abbild Gottes“ aufgrund „einer Rekonstruktion des Menschen aus fossilen Knochen“ (S. 374).

Dabei konstatiert Schweighöfer hartnäckig sich haltende Vorstellungen von den jeweilig ‚entdeckten‘ sogenannten Urmenschen, samt den diese begleitenden Schlussfolgerungen. Auch wenn für die Autorin bei den Auswertungen „eindeutig ein Umschwung stattgefunden hat“, lässt sich dieser „nicht mit einem einzelnen Ereignis, im Sinne eines Bruchs, erklären“ (S. 366). — Entsprechend dicht ist ihre Beschreibung, die sie nicht zuletzt deshalb gliedernd um den Neandertaler zentriert.

Aus der Fülle der Funktionen des Neandertal-Fundes, so die Präsentation der Verfasserin, wird dieser eindeutig zum Paradigma. Zusammen mit ihm werden, außer den Begriffen ‚Rasse‘, ‚Rassenzugehörigkeit‘, ‚Rassenmerkmal‘, folgende Aspekte zum „Dreh- und Angelpunkt“ (S. 99): er gilt als „Referenzfund“ (S. 193), bildet das „Schlüsselereignis“ der „fossilienorientierten Debatte“ (S. 370), begründete das narrative Muster eines ‚Zufallsfundes‘, das „Verifikationsstrategien“ etablierte (S. 373), bildete erstmals in der Frage um den ‚ersten Menschen‘ ein „transnational wirkendes Ereignis“ (S. 374). Der Neandertaler figurierte zweifelsfrei als „Mensch“ (S. 132), wenn auch „unfertig“ (S. 139). Deshalb eignete er sich unschwer zum ‚Anderen‘ (vgl. S. 140) des ‚Europäers‘, der sich so zum „erreichte[n] evolutionäre[n] Ziel“ (S. 369) hochstilisierte. Über viele weitere hier nachgezeichneten Funde hinweg, hielt sich der Neandertaler als „stereotype[s] Menschenbild“ (S. 372), wenn auch, insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gewandelt zum „Bruder aus der Steinzeit“ (S. 351).

Bei ihrem Gang durch die verschiedenen, von Kontinent zu Kontinent (Europa, Asien, Süd- und Ostafrika) allmählich wandernden, ihrerseits meinungsbildenden, Schlüsselereignisse bietenden ‚Funde‘, fällt auf, dass seitens der Forschung dem Zufall vielfach auf die Sprünge geholfen wurde, entlang ideologischer Konjunkturen und erwünschter Bilder von (bestimmten) Menschen.

Und was bei Sichtung der Autorin dieses Prozesses er in verschiedenen Bereichen mit sich bringt, ist auch der Erkenntnisgewinn für die Leserschaft: Im Bereich der Wissenschaft verquickt sich eine Popularisierung des Themas ‚Urmensch‘ mit der anhebenden „Konsolidierung“ der relevanten und erst angestoßenen „wissenschaftlichen Disziplinen“ (S. 44). Die dabei vorgenommenen Prozeduren „waren gleichzeitig Ausdruck als auch einer der Ursprünge rassistischer — und etwa auch kolonialistischer — Ideen“ (S. 376). Erst in den jüngst vergangenen Jahrzehnten distanzierte sich die Wissenschaft von der Konstruktion einer „Hierarchie“ bei Fundstücken aus diversen „Lebensräume[n]“ (S. 363). Überhaupt weicht der Zugriff auf eine zur Brisanz erhobenen Debatte, ehedem Lieferant der „Weltanschauungswissenschaft“ (S. 301) und „Kolonialwissenschaft“ (S. 129), einer pragmatischen „Reflexion des Menschlichen an sich“ (S. 309); zu den physiologischen sowie kognitiven Bedingungen der menschlichen Genese. Gegenwärtige Indigene als Muster zu nehmen für urzeitlichen Lebens, kann mitunter sogar als „Paradies“ (S. 358) erscheinen, als die moderne Spielart eines ‚gesucht‘ und ‚gefunden‘.

Schweighöfers Darstellung lässt viele Schlüsse zu. Einer davon ist, dass ihre zentralen Themen insgesamt oszillieren zwischen einer stetig mehr zweckfreieren Evolutionsrichtung im Bild vom Menschen und der einmal stärkeren dann schwächeren Haltung der Forschung, wenig dem Zufall zu überlassen. Offenbar das Paradoxe an einem „Sujet“, das durch die bei Schweighöfer zum Schluss festgestellte aktuelle „gewisse Marginalisierung“ (S. 366) sich nunmehr aufzulösen beginnt. — Verständlich, erscheint doch das Interesse am ‚Urmenschen‘ zu verebben, im Vergleich zu schwergewichtigeren Fragen nach den Zielen und (End-)Zwecken der Menschheit.

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