Titel
Zölibat
Untertitel
16 Thesen
Rezension

In Diskursen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche scheint die Frage des Zölibats viele Gläubige besonders in Rage zu bringen, obwohl sie nur einen winzigen Bruchteil des Kirchenvolkes selbst betrifft. Zölibat, 16 Thesen von Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster,sollals „glasklar argumentierender Weckruf“ verstanden werden, wie der Verlag im Umschlagtext ankündigt.

Als Kardinalsübel in der katholischen Weltkirche, die durch Glaubwürdigkeitsverlust, rückläufige Mitgliederzahlen, Priestermangel und Missbrauchsvorwürfe schwer angeschlagen ist, hat Wolf den Zölibat ausfindig gemacht. Seine 16 Thesen sind daher ein durchgängiges Plädoyer für die Abschaffung der verpflichtenden Ehelosigkeit bei Priestern in der katholischen Kirche. Die Existenzberechtigung des Zölibats ist nicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Würde nämlich der Nachweis einer seit Jesus bestehenden ununterbrochenen Kontinuität des Pflichtzölibats gelingen, „wäre er als apostolische Anordnung nicht veränderbar und allen Argumenten für eine Aufhebung […] von vornherein die Grundlage entzogen“ (S. 18). So wundert es nicht, dass Wolf nachzuweisen versucht, dass sich der Zölibat biblisch eben gerade nicht als langlebiges Kontinuum seit den Tagen Jesu darstellen lässt.

Deutlich wird dies an Wolfs Thesen, die sich in Teilen als kirchengeschichtliche Auszüge lesen und stets mit kurzem Ein-Satz-Abstract starten. Die versprochene glasklare Argumentation gelingt Wolf überwiegend. Zum Ende seines Buches leider nicht. These 14, der Zölibat sei ein „Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester“ (S. 123) ist nicht haltbar, zumal Wolf selbst einräumt, dass „ein kausaler Zusammenhang zwischen Zölibatsverpflichtung und sexuellem Missbrauch […] statistisch schwer nachzuweisen“ ist (S. 133). Auch der fragwürdige Versuch, Priestermangel als Folge des Zölibats darzustellen, mit dem Wolf in These eins startet, überzeugt nicht. Wolf bringt an dieser Stelle die brasilianische Diözese Xingu ins Spiel, in der einunddreißig Priester achthundert Gemeinden betreuen müssen. Das Erstarken pentekostaler und charismatischer Bewegungen als eine der Ursachen des Bedeutungsschwundes der katholischen Kirche in Brasilien nennt er nicht.

Wie in Zeiten des christlich-religiösen Werteverfalls Priester mit womöglich dritter oder vierter Ehefrau als ermutigende Zeichen der Zukunft katholischer Gemeinden gelten sollen, beantwortet Wolf nur unzureichend. Mit dem Wegfall des Zölibats und der Einführung klerikaler Hierarchiereformen – Inhalt der letzten These – ließe sich der rasante Niedergang des Christentums kaum aufhalten. Am Beispiel Deutschlands machen dies allein schon die zahllosen verheirateten Seelsorger protestantischer Kirchen deutlich, die nicht minder über Wellen von Kirchenaustritten klagen.

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