Titel
Alles umsonst
Rezension

Als Chronist verstand sich der Romancier und Erzähler Walter Kempowski (1929-2007) nicht, obwohl sein schriftstellerisches Gesamtwerk in weiten Teilen als „Deutsche Chronik“ angelegt war. Über norddeutsche Bürgerlichkeit und individuelle Nachkriegsschicksale zu erzählen, war ihm wichtig. Auch das Sammeln von Dokumenten und Tagebüchern für ein Kalendarium des Zweiten Weltkriegs wurde zu einem Lebensthema. Den Zweiten Weltkrieg habe er nun aber endgültig satt, erklärte er 2003 öffentlich. Alles umsonst, Kempowskis letzter Roman, greift ihn aber wieder auf – ein letztes Mal.

Alles umsonst versetzt Leser in die Spätphase des nationalsozialistischen Regimes. Das Untergangsszenario spielt im kalten Winter 1944/45 auf dem Georgenhof, einem ostpreußischen Gut. Protagonistin ist Katharina, eine junge, schöne Adelige, die der drohenden Sturmflut der Roten Armee durch Flucht in die innere Scheinwelt begegnet, die ihr das Gutsrefugium mit Stallungen, Scheunen, Büchern und Musik bietet. An Fluchtrouten der nach Westen fliehenden Bevölkerung gelegen, wird Katharinas Hof Durchgangsquartier für Fremde. Die Schilderung der Flucht und des Elends der Vertreibung ist für Kempowski zugleich Gelegenheit, noch etwas ganz anderes in den Mittelpunkt zu stellen: die Charaktervielfalt der Bedrängten und Verfolgten. Alle verbindet sie etwas mit der östlichsten Provinz des Deutschen Reiches. Die Fremden am Hof, die aus dem Nichts auftauchen, bekommen einen Namen und haben Geschichten zu erzählen: ein humpelnder Nationalökonom, eine Geigerin, die „Heil Hitler“ schreit, ein manikürter baltischer Baron mit schwerem Koffer, ein zittriger Dorfschullehrer …

Kempowski stellt sie kapitelweise vor. Er skizziert das Urige, Schnoddrige und Eigenwillige, das Liebenswerte, auch das Preußisch-Konservative an ihnen. Das Grauen des Krieges tritt dabei zeitweilig in den Hintergrund. Es entsteht ein Kaleidoskop von Menschen, die im Frieden wohl nie so zusammengekommen wären. Doch Krieg und Flucht treiben sie wieder auseinander, sie verschwinden nach und nach – spurlos. Ein später Aufbruch setzt ein, der endlich auch Katharina und ihren kleinen Sohn Peter fortführt. Was folgt ist Untergang – nur Peter überlebt die Flucht.

Wie in anderen Romanen Kempowskis, sind auch in vorliegendem Buch autobiographische Züge des Autors erkennbar. Zwar war Kempowski kein Flüchtling aus Ostpreußen, doch was Alles umsonst an Kriegswirren und ungeordneten Rückzügen von Zivilisten und versprengten Soldaten zu erzählen weiß, hat er selbst als junger Luftwaffenhelfer erleben müssen. Sein Ostpreußen, das er aufleben lässt, zeigt Anklänge an Erzählungen und Berichte, wie sie von Marion Gräfin Dönhoff und Hans Graf von Lehndorff bekannt wurden. Das Bedrückende an Alles umsonst ist die Schilderung, was unterging: nicht allein Individuen, sondern ganz Ostpreußen – eine ganze Welt.

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