Titel
Marc Aurel
Untertitel
Der Kaiser und seine Welt
Rezension

Kein römischer Kaiser ist umfangreicher dokumentiert als Marc Aurel (121-180). Alexander Demandts Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt nimmt sich vor, in zehn Kapiteln, die sich jeweils aus 26 Kurzbeiträgen zusammensetzen, Herrscherporträt mit Zeitgeschehen zu verbinden.

Noch zurzeit des Marc Aurel ist das geografische Übermaß Roms augenfällig, wie Demandt im Vorsatzblatt mit Kartenmaterial dokumentiert. Mit dem stoischen Herrscher endet das Adoptivkaisertum und die Ära der Pax Romana. Zum Aufwärmen wird Wissenswertes zu Kaiserkult und innerer Verfassung Roms seit den Tagen des Augustus geboten (S. 13-44), anschließend zu Schriftquellen und Denkmälern, die zu Marc Aurel überliefert sind (S. 45-91). Doch schon die Selbstbetrachtungen relativieren das Bild des gut dokumentierten Römers, denn „für eine Biographie, die ja Ereignisse wiedergeben will, liefert diese Gedankensammlung wenig“ (S. 46). Auch die fragmentarisch überlieferten Schriften des Cassius Dio, „die verläßlichste und ergiebigste literarische Quelle für Marc Aurel“ (S. 51), können die Malaise nicht mindern, dass sich Wissen über Marc Aurel zumeist aus mittelalterlichen Schriften generiert, die von spätantiken Kopien von noch etwas älteren Handschriften herrühren. Wer von wem wie getreu abschrieb, kann diffuse Überlieferungsgeschichte zumeist nicht aufhellen.

Im biografischen Teil (S. 93-142) wird die früh angelegte Andersartigkeit des jungen Marc Aurel betont. Demandt fällt auf, „in welch hohem Maße seine jungen Jahre bereits durch das Bemühen um Bildung geprägt waren“ (S. 112). Fühlte sich der junge Marcus noch der Jagdlust und Vogelstellerei verbunden, war er als Kaiser für Gladiatorenkämpfe nicht zu haben: „Die Arena verabscheute Marc Aurel stets“ (S. 114). Asketisch lebend, hatte er „Frauenliebe erst vergleichsweise spät kennengelernt“ (S. 115) und Knabenliebe überhaupt nicht. Seine philosophische Prägung erhielt der Heranwachsende neben dem weithin unbekannten Diognetos, ein Zeichenlehrer, der wohl „selbst Philosoph stoischer Observanz“ (S. 119) war, auch durch die Lehren der Platoniker und Peripatetiker.

Mit Parthern, Pest und Germanenkriegen umreißt Demandt die ausgesprochene Krisenzeit Roms im zweiten nachchristlichen Jahrhundert (S. 143-270). Während der Kaiser gegenüber den Jazygen Milde walten ließ, führte er gegen die germanischen Volksstämme der Markomannen und Quaden einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg, der mit bedingungsloser Unterwerfung beider Völker endete. Die Jahre des Marc Aurel waren Kriegsjahre eines Reiches im langsamen Verfall.

Demandt setzt mit Entwicklungen und Zustandsbeschreibungen zu Recht, Verwaltung und Christenprozessen in der römischen Welt fort (S. 271-359). Unvermeidbar scheint, dass sich hierbei wie auch andernorts im Buch seine gut lesbaren historischen Digressionen mehr oder minder von Marc Aurel entfernen. Erst die „Lebensphilosophie“ des Kaisers (S. 361-399), die Demandt deskriptiv abarbeitet und mit den moralischen Unterredungen Epiktets als auch mit christlicher Tugendlehre kontextualisiert, führt wieder näher zu Marc Aurel.

Die Selbstbetrachtungen erinnern Demandt „an das Würfelspiel 'Mensch ärgere dich nicht!' Nämlich dann, wenn du rausgeworfen wirst, denn das ist der Sinn und die Regel dieses philosophischen Spiels. Jetzt heißt es: nicht verzagen, neu beginnen!“ (S. 380). Das rhetorische Zierwerk der Selbstbetrachtungen erscheint Demandt zugleich in Formvollendung, denn „zum Thema Weisheit ist Fehlanzeige seit Marc Aurel“ (S. 399). So erscheint Marc Aurel denn auch in „Tod und Nachleben“ (S. 401-434) als nahezu unerreichtes Vorbild: „Marc Aurel hat sowohl die Dauer als auch die Verbreitung seines Namens unterschätzt“ (S. 433).

Mit Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt will Demandt den „Reiter auf dem Kapitol in seiner vielgestaltigen Welt lebendig“ machen (S. 10). Lebendig wird vor allem aber in zahlreichen und kleinteiligen Abschnitten das Werden und Bestehen des römischen Imperiums. Über den Reiter selbst hat Demandt wenig schreiben können. Marc Aurel macht nicht Geschichte – die Geschichte macht den Kaiser. Marc Aurel zehrt vom Guthaben seiner Selbstbetrachtungen. Dieser „Katechismus der Humanität“ (S. 396) überstrahlt zuweilen in Demandts Darstellung das Bild des gewaltaffinen Potentaten und Christenverfolgers, der Marc Aurel eben auch war. Mit Münzabbildungen, Fotos von Reiterstandbildern und Büsten-Darstellungen des Marc Aurel, besonders auf 16 größeren Farbtafeln in der Mitte des Buches, dokumentiert Demandt, dass ein Herrscherbild, wie oft bei antiken Größen, zu vielfältigem epochenübergreifendem Kunstschaffen inspirieren konnte. Was Demandt neben solider althistorischer Arbeit in neuester Biographie auszeichnet, ist die Darstellung des Zeitlosen in Marc Aurels Schriften. Nicht ohne Grund hat er vorliegendes Werk Helmut Schmidt gewidmet.

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