Titel
Im Namen der Flagge
Untertitel
Die Macht politischer Symbole
Rezension

Sie können in variantenreichen Farben und Mustern erscheinen, in verschlüsselter Form Geschichtliches wiedergeben, Propagandamittel sein und patriotische Leidenschaft wecken: Fahnen und Flaggen. Tim Marshall, Brite, weitgereister politischer Journalist, beschreibt in vorliegendem Band Im Namen der Flagge, die Macht politischer Symbole an ausgesuchten Beispielen Entstehung und Bedeutung von heute noch verwendeten Flaggen von Staaten und politischen Organisationen.

Marshall startet mit kurzer Einleitung (S. 7-15), weiß Flaggen als „ein verhältnismäßig neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte“ (S. 11) einzuordnen. Erst die Verwendung von Seidenstoff machte Tücher leicht genug, um sie weithin sichtbar im Wind flattern zu lassen. Flaggen wurden so von „Schlachtfeld-Standarten und Marinezeichen zu Symbolen der Nationalstaaten“ (S. 11). Zwei Nationalflaggen bekommen je ein eigenes Kapitel, bevor Marshall dazu übergeht, kapitelweise mehrere Flaggen zusammenzufassen, wenn sie als Symbole supranationaler Räume Bedeutung haben.

Mit den „Stars and Stripes“ (S. 17-43), die in den USA „in jedem Laden, in jeder Schule, an jedem Arbeitsplatz und in jeder Verwaltung zu sehen“ sind (S. 24), verweist Marshall auf das patriotisch-religiöse Fluidum, das der US-Flagge oft anhaftet. „Diese Rechtecke aus buntem Tuch“ (S. 24) haben eine lange Entstehungsphase – Legenden, Geschichten und gesetzliche Vorgaben gehören dazu. Marshall erzählt, weiß Kurioses beizusteuern, bleibt aber nüchtern: Die vielleicht prominenteste Nationalflagge der Welt ist ihm „simples – sogar willkürliches – Design, das im Gärprozess einer Revolution geschaffen wurde“ (S. 28).

„Die Union und der Jack“ (S. 45-70) zeigen, dass „die britische Flagge mehr als die meisten anderen für Zwietracht sorgen“ kann (S. 49). Zwietracht im Innern: Die Verschmelzung von Georgs- und Andreaskreuz konnte „einigen Hass und Unzufriedenheit bei den Untertanen Seiner Majestät auslösen“ (S. 53), lag doch das englische über dem schottischen Kreuz, was als Dominanz des englischen Teils Britanniens galt. Die umgekehrte Flaggen-Variante, „ein riesiges X, das das englische Symbol ausixt“ (S. 53), war schottisches Aufbegehren im Nord-Süd-Zwist auf der britischen Insel.

Von dort setzt Marshall zum europäischen Festland über, um „Das Kreuz und die Kreuzzüge“ einzubeziehen (S. 71-111). Die bunten Kreuz-Varianten auf den Flaggen Skandinaviens, das Grün, das Portugal im Fahnentuch zeigt und nicht zuletzt die blutige Entstehungslegende von Österreichs Rot-Weiß-Rot sind ihm Beispiele für die Conclusio, dass zwei Drittel der heutigen europäischen Nationalflaggen in Farbbedeutung und Interpretation christliche Botschaft vermitteln. Weit weniger christlich nimmt sich da die Interpretation der Trikolore Deutschlands aus: „schwarze Uniformen mit roten Einfassungen und goldenen Knöpfen“ (S. 85). 

Nicht minder bedeutungsvoll sind die „Farben Arabiens“ (S. 113-140), wenn auch weniger tief verwurzelt, ist es doch „gut möglich, dass wir im Verlauf der nächsten zehn Jahre neue Flaggen sehen, die in den Orkanböen flattern, die über Arabien fegen“ (S. 117). Marshall führt in die Farben des Panarabismus ein, kredenzt Unterhaltsames und erzählt von McDonalds-Tüten und WM-Fußbällen mit der Flagge Saudi Arabiens darauf, von saudischem Beleidigtsein und westlichem Einknicken.

“Flaggen der Angst“ (S. 141-163) schließen sich an: wehender Stoff kann auch Negatives und Martialisches transportieren, gar drohen. Marshall macht dies zuvorderst an Flaggen nichtstaatlicher Akteure wie die der arabischen Terrororganisationen fest. Angstgefühle sendete zwar auch auch die rote Fahne des Weltkommunismus aus, „die IS-Flagge hingegen brüllt einen Absolutheitsanspruch hinaus“ (S. 150).

Friedlicher wird es erst wieder „Jenseits von Eden“ (S. 165-198), in der Weltregion von Aserbaidschan über Zentralasien bis Malaysia. Hier existieren Flaggen von zum Teil aufwendiger Gestaltung, die Marshalls Stilempfinden nur vordergründig treffen. Sie sind zwar „nahezu ein Kunstwerk“ und „cool“ (S. 171), drücken sogar „poetische Natur“ aus (S. 173), aber „weniger anziehend als die Symbolik ist das politische Klima in all diesen Republiken“ (S. 174).

Der bunte Panafrikanismus, der sich in Staaten südlich der Sahara in Rot, Gold, Grün und Schwarz in „Flaggen der Freiheit“ (S. 199-222) zu erkennen gibt, steht für schwarzes politisches Bewusstsein, für Emanzipation und Hoffnung auf Eintracht. Die farbliche Vielfalt gibt aber andererseits nur den artifiziellen Zustand wieder, den europäische Kolonialmächte durch willkürliche Grenzziehungen und Zwangsvereinigungen von unterschiedlichsten Völkern in Afrika hervorriefen. Viele der afrikanischen Nationalflaggen „verstärkten einzig die Grenzen, die der Bevölkerung aufgezwungen worden waren“ (S. 215). Wer dies in seinen Nationalfarben nicht widerspiegeln wollte, ging neue Wege wie Ruanda, Burundi oder die Seychellen.

Die Überwindung des Kolonialismus spielte auch auf dem lateinamerikanischen Kontinent in „Flaggen der Revolution“ (S. 223-252) eine Rolle. Die Republiken, „die aus der Gewalt geboren wurden und ständig von Politgangstern schlecht regiert werden“ (S. 232), zeigen weit mehr europäischen Flaggen-Stil als die Länder Afrikas. Wiederkehrende Muster in Blau und Weiß sowie in Gelb, Blau und Rot sind zu beobachten – als panlateinamerikanisches Farbenset haben sie sich gleichwohl nicht etablieren können. Das Vorhandensein indigener Bevölkerungsgruppen, die den Entwicklungen Amerikas nie Impulse geben konnten, drückt sich in den Flaggen des amerikanischen Kontinents nicht aus, von der bolivianischen Wiphala-Flagge und der Azteken-Ikonographie in Mexikos Flagge einmal abgesehen. Marshalls Liebling auf diesem Kontinent ist Brasilien: „Jeder Einzelhändler weiß, dass eine leicht wiedererkennbare Verpackung den Verkauf einer Marke ankurbelt. Brasilien wickelt sich selbst in eine Flagge, die wir alle kennen und offenbar lieben“ (S. 251).

Ebenfalls leicht wiedererkennbar sind „Die Guten, die Bösen und die Hässlichen“ (S. 253-285) unter den Flaggen dieser Welt. Im letzten Kapitel präsentiert Marshall nichtstaatliche und zumeist unpolitische Flaggen, die dennoch jedem geläufig sind, auch wenn sie Fragen hinterlassen. Warum ist eine Totenkopfflagge schwarz? Warum wird ein schwarz-weißes Schachbrettmuster als Zielfahne im Motorsport benutzt? Weshalb bedient sich der britische Geheimdienst einer Regenbogenflagge? Fragen, auf die Marshall leicht Antworten findet. Schon Piraten wussten, dass schwarzes Tuch mit Totenschädel Angst und Panik verursacht. Das Schachbrett-Motiv entstammt dem karierten Tischtuch, das einst bei Pferderennen geschwenkt wurde, „um zu signalisieren, dass das Essen fertig sei und das Rennen beendet werden solle“ (S. 273). Und wenn die Farben des Regenbogens über dem Hauptquartier des britischen MI6 wehen, wird signalisiert, dass im Zuge von Nachwuchswerbung auch Homosexuelle im Geheimdienst Ihrer Majestät willkommen sind – „James Bond wäre nicht geschüttelt, sondern gerührt gewesen“ (S. 280).

Tim Marshalls Buch ist ein Reisebericht über Kontinente, der nie langweilt. Seine Länder sind Flaggen, an denen er zuweilen halt macht und Geschichten erzählt, manchmal mit britischem Humor. Flaggen haben ihm zwei Gesichter: als Kunstobjekte können sie gelungen oder hässlich sein, als politische Symbole zeugen sie von Macht und Machtmissbrauch. Marshall erklärt diese besonderen Staatssymbole, will sie verstehen und, wenn nötig, ihre verborgenen Schönheiten beschreiben. Auf das große doppelseitige Pressefoto in Schwarz-Weiß, das jedem Kapitel vorangestellt wurde und ein Bildmotiv passend zum Thema des Kapitels zeigt, hätte verzichtet werden können. Weit hilfreicher sind die mittig im Buch eingefügten farbigen Kunstdruckseiten mit 108 Flaggenabbildungen von Staaten und Organisationen, die Marshall im Buch näher beschrieben hat.

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