Titel
Vorgeschichtliche Grabenanlagen bei Heilbronn-Neckargartach
Untertitel
Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg ; 98
Rezension

Fast unsichtbar und doch gigantisch

Bei diesem Buch handelt es sich um eine wissenschaftliche Publikation, in der drei Ausgrabungen des 2015 verstorbenen damaligen Grabungsleiters Jörg Biel veröffentlicht werden, bei denen vorgeschichtliche Grabenanlagen verschiedener Zeitstellung untersucht wurden. Die Grabungen fanden zwischen 1987 und 1995 sämtlich in der Gemarkung Heilbronn-Neckargartach statt, einer Gegend, aus der die reichste archäologische Funddichte in Baden-Württemberg bekannt ist. Ihre Entdeckung verdanken die Grabenanlagen, die heute vom Boden aus nicht mehr zu erkennen sind, der seit ungefähr 30 Jahren etablierten Luftbildarchäologie. Durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung der ertragreichen Lössböden im Heilbronner Gebiet und auch deren Zerstörung durch Bebauung sah man sich aus denkmalpflegerische Sicht gezwungen, in einigen Grabenanlagen Sondagegrabungen und Bohrungen durchzuführen, um die Luftbildbefunde einzuordnen, zu datieren und auch, um den Erhaltungszustand dieser Bodendenkmäler zu überprüfen.

Der Ur- und Frühgeschichtler Martin Hees führt seit 2010 am Landesamt für Denkmalpflege die Auswertung von Grabungsprojekten durch. Hier legt er die Ergebnisse des dreifachen Grabensystems im Gewann „Werthalde“, das durch die innerhalb seiner Wälle liegende jüngerurnenfelderzeitliche Siedlung datiert wird und 1987/88 teilweise ausgegraben wurde (S. 9-42), die einfache Grabenanlage im Gewann „Hermannsgrund“, eine Siedlung, die in die frühe Hallstattzeit datiert und 1989 ausgegraben wurde (S. 43-68), sowie die kleinen, aber von sehr tiefen Gräben umschlossenen Anlagen der Mittel- und Spätlatènezeit auf dem „Nonnenbuckel“, die 1994 und 1995 vollständig ausgegraben wurden und für Südwestdeutschland bisher einzigartige Befunde eines Kultplatzes erbrachten, vor (S. 69-136).

Die Publikation gliedert sich, wie allgemein für archäologische Fachpublikationen üblich, in einen beschreibenden Teil, den Katalogteil und schließlich die Tafeln, in denen die Funde zumeist zeichnerisch vorgestellt werden, aber auch einige wenige Bildtafeln enthalten sind. Im Katalog werden alle in den Grabungen erstellten Plana mit den festgestellten Befunden und Funden verzeichnet. Besondere Schnitte werden zeichnerisch festgehalten. Außerdem gibt es Listen mit Vergleichsfunden von für die kulturgeschichtliche Einordnung wichtigen Fundstücken wie z.B. Scheibenfibeln und Speerspitzen oder Vergleichsfundstellen von Tierknochen, sowie ein bei dieser Art der Publikation auch zu erwartendes ausführliches Literaturverzeichnis.

Es sei genauer auf die Befunde auf dem „Nonnenbuckel“ eingegangen, da sich hier einzigartige Einblicke in die religiöse Welt der Mittel- und Spätlatènezeit ergeben. Es handelt sich bei Anlage 1 um eine rechteckige Grabenanlage mit abgerundeten Ecken und ca. 270 m2 Innenfläche. Die zwischen 1,9 und 3,1 m tiefen Gräben sind an zwei Stellen unterbrochen. Anlage 2 liegt in unmittelbarer Nähe, ist eher rund und weist einen langen und vier kurze Grabenabschnitte auf, unterbrochen von fünf Durchgängen. Die Gräben sind im Durchschnitt weniger tief als bei Anlage 1. Die Innenfläche ist mit 140 m2 deutlich kleiner. Darin wurde als einziger Befund ein einzelnes Pfostenloch nachgewiesen. Die Verfüllungen der Gräben weisen einerseits typische Siedlungsabfälle der Zeit wie Keramikscherben, Tierknochen, Hüttenlehm und Holzkohle auf, andererseits aber auch für ein für Siedlungen ungewöhnliches Tierknochenspektrum, verbrannte Hirschgeweihfragmente, viele Schneckenhäuser und menschliche Überreste in Form einer Brandbestattung sowie einzelner Knochen und Teilskeletten. Die Anlagen datieren in die jüngere Latènezeit, aber auch frühlatène- und neuzeitliche Befunde konnten festgestellt werden. Insgesamt wurde die Anlage nur etwa ein Jahrhundert lang genutzt, dann aufgegeben und zerstört (Stufen LtC2 bis Ende Stufe LtD1 oder Anfang LtD2 nach den Keramikfunden). Da den acht Bestattungen des „Nonnenbuckels“, bei denen kein Skelett vollständig in den Boden kam und außerdem auffallenderweise parallel Körper- und Brandbestattungen vorkamen, keine zeitlich korrespondierenden Bestattungen in der Umgebung in ausreichender Zahl zur Seite gestellt werden können, kann man sie laut Verfasser wie auch die wenigen bekannten Gräber der Spätlatènezeit in Südwestdeutschland als Sonderbestattungen ansprechen. Es könnte sich laut Hees auch um Zeugen eines mehrstufigen Bestattungsrituals handeln und ein Licht auf die Vielfalt der Bestattungssitten der späten Eisenzeit in Europa werfen, die weit über die zunächst von Archäologen festgelegten Definitionen hinausgehen. Aber der Autor räumt auch die Möglichkeit ein, dass die Grabenanlagen vom „Nonnenbuckel“ aufgrund der ungewöhnlichen Form der Gräben, der Unterbrechungen im Verlauf, der räumlich beschränkten und so zur Besiedlung denkbar ungünstigen Innenfläche sowie der menschlichen Knochen und verbrannten Bronzegegenstände in den Verfüllungen der Gräben eine kultische Bedeutung aufweisen. Er geht ausführlich auf das Problem der Ansprache vorgeschichtlicher Anlagen als Heiligtümer ein und versucht die Grabenanlagen dieser Publikation in einen Zusammenhang mit latènezeitlichen Heiligtümern der näheren Umgebung, aber auch in besonders in Nordfrankreich, z. B. Fontenay-le-Comte (Dép. Vendée), Benet, „Les Teuilles“ (Dép. Vendée) oder Beaurieux (Dép. Aisne) zu bringen. So wirft er Schlaglichter auf die wenigen bekannten Überreste vorgeschichtlicher Religion, die durch die Befunde vom „Nonnenbuckel“ weiter beleuchtet werden.

Abschließend zeichnet der Autor ein Bild des Heilbronner Raumes in der jüngeren Latènezeit, ausgehend von einer Analyse der Keramikfunde der Region, und beschreibt Siedlungsformen dieses Kulturraumes.

Die Publikation richtet sich als akademische Veröffentlichung natürlich vor allem an die archäologische Fachwelt, liest sich aber im beschreibenden Teil flüssig und ist daher auch für z. B. heimatkundlich interessierte Laien mit Gewinn zu lesen. Wieder einmal zeigt sich, dass es lohnenswert ist, auch zeitlich länger zurückliegende Ausgrabungen auszuwerten und zu veröffentlichen und so wichtige Puzzleteile zu den faszinierenden Hinterlassenschaften einheimischer schriftloser Kulturen der Vorgeschichte beizusteuern.

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