Titel
Bauten erinnern
Untertitel
Augsburg in der NS-Zeit
Rezension

Unter der Herausgeberschaft des Architekturmuseums Schwaben und der Arno-Buchegger-Stiftung entstanden, werden in dem vorliegenden Band lexikonartig exemplarisch 110 Bauten vorgestellt, die die Geschichte Augsburgs im Nationalsozialismus dokumentieren (vgl. S. 7). Aspekte der Architekturgeschichte dieser Zeit anhand der Bautätigkeit in Augsburg abzulesen, macht vor allem vor dem Hintergrund der sozialen Struktur ihrer Bevölkerung Sinn: Als traditionelle Arbeiterstadt hatte der Nationalsozialismus in Augsburg bis zur Machtübergabe an das diktatorische Terrorregime auf Reichsebene im Vergleich zu Bayern geringeren Zulauf; dennoch leistete die Bevölkerung keinerlei Widerstand, als nach zwei Umbildungen des Stadtrats u. a. der bisherige Oberbürgermeister Dr. Otto Bohl zwangspensioniert und der nationalsozialistische Stadtrat Josef Mayr dieses Amt übernahm. Auf ihn gehen Pläne für die Umgestaltung der Stadt zurück, die 1939 publik gemacht wurden. Einher geht dies mit einem wirtschaftlichen Aufbauplan für die Region: Augsburg wurde Rüstungszentrum, in dem MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG) ab 1933 Dieselmotoren für U-Boote und LKW baute und die Messerschmitt-Werke seit Juli 1938 Flugzeuge herstellten. Der prognostizierte materielle Aufschwung durch Beschäftigungszuwachs für weite Teile der Bevölkerung sollte dem Unrechtsregime zu einem positiven Image verhelfen. Zudem wurde Augsburg als „Gauhauptstadt“ mit wichtigen administrativen Aufgaben betreut. Aufrüstung und Ausbau regionaler Verwaltung bedingten Erweiterungs- und Neubauten in der Stadt, die bis heute als historisches Erbe sichtbar geblieben sind – dagegen wurden große Teile der Altstadt in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 vernichtet.

Die erhaltenen nationalsozialistischen Bauwerke sind nach thematischen Schwerpunkten geordnet: „Stadtverwaltung“ (S. 8-35), „NSDAP-Organisationen“ (S. 36-55), „Versammlungen, Kultur und Propaganda“ (S. 56-89), „Wohnungsbau“ (S. 90-109), „Kasernenneubauten“ (S. 110-115), „Rüstungsindustrie und Wehrwirtschaft“ (S. 116-139), „Das Lagersystem“ (S. 140-155), „Jüdisches Leben“ (S. 156-171), „‚Arisierung‛ von Wohn- und Geschäftshäusern“ (S. 172-197) sowie „Widerstand“ (S. 198-229) sind die behandelten Bereiche. Jedem dieser Themenkomplexe ist eine kurze, erläuternde Einleitung vorangestellt, die gut bebildert den Kontext zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft herstellt. Dies können Propagandafotos der Zeit, Schnappschüsse zum Thema oder Portraitaufnahmen der im Text erwähnten Personen sein. Ein jeweils einzeln angehängtes Literaturverzeichnis dient als Textbeleg bzw. zur weiteren Vertiefung in das Thema. Die einzelnen Einträge sind, wenn möglich, mit Fotografien aus der NS-Zeit bebildert, in Ausnahmen statt dessen mit älteren Aufnahmen; zum Vergleich sind sämtlichen Gebäuden moderne Vergleichsfotos zur Seite gestellt. Sind die Bauten verloren, ist an deren Stelle ein Bild ihrer ehemaligen Standorte abgedruckt. Zeitgenössische Dokumente und Pläne vertiefen die Einbindung der Architektur als „materielle Zeitzeugen“ (vgl. S. 7) in die geschichtliche Darstellung und Aufarbeitung der NS-Zeit in Augsburg. Im Anhang sind die Autorennamen (S. 230), das Abkürzungsverzeichnis (S. 230-232), relevante Literatur (S. 232-242), Internetquellen (S. 242-243), sonstige Quellen (S. 243-246), Abbildungsnachweise (S. 247-251) sowie ein umfangreiches Personenregister (S. 252-255) versammelt.

Bauten erinnern – Augsburg in der NS-Zeit ist ein höchst empfehlenswertes Buch. Die exemplarische Auswahl an Gebäuden repräsentiert sowohl die Zielsetzung des NS-Unrechtsregimes wie auch die Folgen für die politisch rassisch und religiös Verfolgten. In vielen anderen Publikationen zu „materiellen Zeitzeugen“ wurde den Opfern kein oder kaum Platz eingeräumt, dieser Band ist hierbei erfreulich ausgeglichen. Die Einleitungen zu den unterschiedlichen behandelten Themenkomplexen lassen keine der Bauten unkommentiert stehen, sondern ordnen sie unzweideutig ihrer geschichtlichen Bedeutung als Mahnmale zu und verhindern so eine fälschliche Glorifizierung einzelner Aspekte während der Epoche der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

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