Titel
kl
Untertitel
Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager
Rezension

Seit inzwischen etlichen Jahren begleitet die NS-Forschung der nicht immer nur von übelmeinender Seite vorgetragene Satz, es sei doch mittlerweile alles gesagt, jene zwölf Jahre seien „ausgeforscht“. Das ist auch heute noch grober Unsinn und lediglich Ausweis der Unkenntnis des Sprechers oder der Sprecherin. Nicht zuletzt zeigt dies die umfassende Gesamtdarstellung von Nikolaus Wachsmann über die nationalsozialistischen Konzentrationslager – die erste, man mag es kaum glauben, 70 Jahre nach Befreiung der Lager, die über einen institutionengeschichtlichen Ausschnitt hinausgeht und einen multiperspektivischen Querschnitt liefert, der den Stimmen und Themen der Inhaftierten breiten Raum gibt.

Dieser multiperspektivische Ansatz der Analyse und Darstellung ist es unter anderem, der Wachsmanns Buch so wertvoll macht. Bisherige Arbeiten krankten sehr daran, dass sie eine zu täterzentrierte Beschreibung des Systems der Konzentrationslager lieferten, ohne eine Vorstellung von der tatsächlichen Gestalt und dem Funktionieren eines Lagers liefern zu können. Gerade eine Geschichte der Konzentrationslager kommt ohne Zeugnisse der Verfolgten, der Opfer und Überlebenden gar nicht aus, will sie nicht Schlagseite erleiden und allzu viele Leerstellen produzieren. Wie sollte anders über Themen wie ‚Häftlingswelten‘, Terror, Gewalt- und Mordlust im Lager, ‚Stufen des Leidens‘, ‚Raub und Korruption‘, ‚Zwangsgemeinschaften‘, ‚Kapos‘ geschrieben werden?

All diese Themenfelder greift Wachsmann auf und entfaltet anhand der Überlieferung der Täter, der Verfolgten und der nicht unmittelbar betroffenen Gesellschaft (auch im Ausland) in klarer und plastischer Sprache ein umfassendes Bild der Lager. Seine Darstellung folgt dabei einem chronologisch-thematischen Faden beginnenden von den ersten, bisweilen als „wild“ bezeichneten Lagern, die ohne jeden Befehl ‚von oben‘ im ganzen Reich entstanden und zur Folterstätte vor allem für die politischen Gegner, aber auch etliche mehr oder minder prominente Juden – 1933 schon insgesamt 10.000 – wurden. Das lief bisweilen derart ungeregelt und chaotisch, dass ein SA-Gruppenführer sich beklagte: „Jeder verhaftet jeden […], jeder bedroht jeden mit Schutzhaft, jeder droht jedem mit Dachau“ (S. 44). Ab Sommer 1933 kamen Bestrebungen, dies in ‚geordnete‘ Bahnen zu lenken, schleppend in Gang und zogen sich noch Monate hin. Viele der frühen Lager wurden geschlossen, die übrigen brachte mehr und mehr Himmlers SS unter ihre Kontrolle.

Diese Prozesse und auch der Terror der Lager vollzogen sich vor den Augen der Öffentlichkeit, regelrecht vor den Augen der anliegenden Bewohner, die oft ungehindert das Lagergeschehen beobachten konnten. Auch Passanten und neugierige Gaffer wurden zu Augenzeugen der Gewalt. Über die örtliche Bevölkerung hinaus versorgten Presse und Rundfunk die Bevölkerung mit Berichten über die Lager, die neben einer geschönten Propaganda auch manche eindeutige düstere Andeutung brachten. Auch das Ausland war im Bilde.

Für die Darstellung dieser ersten Monate, die in vielem prägend für die folgenden Jahre waren, nimmt sich Wachsmann breiten Raum. Zahlreiche ehemalige Häftlinge lässt er zu Wort kommen, NS-Funktionäre, die deutsche Presse, Dokumente, Stimmen aus dem Ausland, Gerichtsakten und vieles mehr liefern den Stoff für die packende Darstellung. Dies ist nicht etwa ein erzählender Einstieg, sondern Grundhaltung des Buches: Durch eine vielstimmige und multiperspektivische Erzählung, die beides ist – Synthese und Forschungsleistung, zu einer Analyse der Konzentrationslager gelangen. Dies hält Wachsmann von der ersten bis zur letzten Seite durch, ob es um die Häftlingsgesellschaften, um Zwangsarbeit oder um das System der Konzentrationslager geht.

Und am Ende weiß der Leser so gut er es eben wissen kann, was das war, ein nationalsozialistisches Konzentrationslager, was es bedeutete für die Häftlinge, wie es im Innern funktionierte, was die Wachmannschaften trieb, welche Pläne die Verantwortlichen verfolgten, welchen Platz es in der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus einnahm und wie wichtig es ist, im Blick zu behalten, über welches Lager zu welchem Zeitpunkt für welche Verfolgtengruppe man gerade spricht. Dies und vieles mehr vermag Nikolaus Wachmann erzählerisch wie analytisch stark in einem Buch zu vermitteln, das schon vor vielen Jahren hätte geschrieben werden müssen, aber wohl erst seit Kurzem überhaupt geschrieben werden konnte. Ein Meilenstein der NS-Forschung!

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