Titel
I don't like Mondays
Untertitel
Die 66 größten Songmissverständnisse
Rezension

Kurzweilig schildert der Autor Michael Behrendt insgesamt 66 Missverständnisse im Umgang mit Text oder Musik von populären Musikstücken (vgl. auch http://tedaboutsongs.60herz.de/category/songs-verstehen-missverstehen/). Namensgebend für das Buch war der gleichlautende Refrain des Nummer-eins-Hits in Großbritannien der Boomtown Rats (S. 41-44), über dessen Entstehung der Liedtexter Bob Geldof in seiner Autobiografie (So war’s. Kindheit und Jugend in Dublin. Die Boomtown Rats. Band Aid und Live Aid. Übersetzt von Clara Drechsler, Harald Hellmann. Bastei Lübbe, 1987, S. 195) berichtet: „Während ich dort saß, lehnte ein junges Mädchen namens Brenda Spencer mit einer Pistole aus ihrem Schlafzimmerfenster und schoss auf Leute in ihrer Schule auf der anderen Straßenseite. Was dann passierte, erschien mir als einzigartig amerikanisch. Ein Journalist rief sie an. Sie nahm den Hörer ab, an und für sich schon eine bizarre Unterbrechung, wenn man dabei ist, wildfremde Menschen umzubringen. Er fragte sie, warum sie das tut. Sie überlegte kurz und sagte dann: ‚Nichts los. Ich mag keine Montage.‘“ Symbolisch steht dieser Satz für die Sinnlosigkeit dieses Verbrechens, und er ist beileibe kein Song für Montagsmuffel, wie man meinen könnte, wenn man selektiv den Hit nur auf eine Strophe reduziert.

Häufig sind es derartige Verkürzungen, die den Charakter eines Liedes in sein völliges Gegenteil verkehren können. Ein von Komponist, Texter und Arrangeur gut durchdachtes musikalisches Konzept wird einfach überhört, kritische Textzeilen in absolute Harmlosigkeit umgedeutet. „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen ist ähnlich missverstanden worden wie der Geldof-Hit; vor allem „der feierlich-bombastische Charakter der Musik, die einen sarkastischen Kontrapunkt zum deprimierenden Textinhalt setzt, erwies sich dabei für den Künstler als Bumerang“, leitet Behrendt in den Song ein (S. 21-24). Viele Amerikaner leiden in den 70er Jahren durch wirtschaftlichen Niedergang und an den körperlichen und seelischen Folgen des Vietnamkriegs. Doch bei den Springsteen-Konzerten schwenken sie amerikanische Flaggen, woraus die Reagan-Administration das Lied als „Botschaft der Hoffnung“ für ein neues Amerika nutzen wollte – nur Springsteen dies entschieden ablehnte. Noch heute ist er eine Instanz des sozialen Gewissens der Vereinigten Staaten von Amerika, der die Ausgegrenzten und sozial Schwachen in das Zentrum seiner Musik stellt. Der politische Fauxpas wird an weiteren Beispielen wie den Toten Hosen oder den Rolling Stones (CDU bzw. Angela Merkel) auf die Schippe genommen und mit Woody Guthrie und Aerosmith auf die Spitze getrieben.

Dass Politiker den Tenor eines Liedes ausblenden, zeigt das Beispiel Springsteen oder auch der Hit der Toten Hosen „An Tagen wie diesen“, mit dem die CDU 2013 ihren Wahlerfolg a cappella live vor Millionen von Fernsehzuschauern feierte (S. 30-31). Dass auch wissenschaftliche Institute nicht genau hinhören, dokumentiert die rheingold-Jugendstudie vom 9. September 2010 mit dem Titel „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ (https://www.rheingold-marktforschung.de/grafik/veroeffentlichungen/Pressemitteillung%20Jugendstudie_2010-09_rheingold.pdf). Sie bilanziert: „Das Lied von Peter Fox über das ‚Haus am See‘ ist daher eine Hymne an ein beschauliches Leben, in dem man endgültig angekommen ist, sich niedergelassen hat und sich im Kreise der Familie wohlfühlt.“ Unbehagen beschleicht indes den Kenner des Liedes, dessen Rhythmus und Text nun gar nicht beschaulich daherkommen, sondern vielmehr Ziellosigkeit und Ungebundenheit heraushören lassen (S. 25-28). Behrendt hat seinen Kommentar auf http://tedaboutsongs.60herz.de/das-spuk-haus-am-see/ in sein Buch weitestgehend übernommen, der Link lohnt sich, bindet er das entsprechende Video ein.

Die Reihe von missverstandenen Songs lässt sich leicht erweitern: „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens wird zur Alkoholexzess-Hymne (S. 36-39), „Borderline“ von Madonna zur Psychosenbeschreibung (S. 60-65) und Tom Pettys „American Girl“ zur Drogenlitanei (S. 144-145). Alles blanker Unsinn, wie Behrendt mal kürzer, mal länger überzeugend ausführt.

Einen Song bewusst misszuverstehen, um ihn zensieren zu können, ist nach den Ausführungen Behrendts zufolge der Ersten Allgemeinen Verunsicherung mit ihrem Titel „Burli“ widerfahren (S. 193-196). Behindertenfeindlich, so lautete der Vorwurf gegen die Band, die im Zuge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl diesen Protestsong veröffentlichte, im anhand der skurril überzeichnet dargestellten Personen Burli und Amalia auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam zu machen. Eine kritische Haltung, die in konservativen Regierungskreisen der 80er Jahre keine große Anerkennung, sondern Zensur erfuhr. (Dr. Roland Seim und Dr. Josef Spiegel haben 2004 zur zensierten Rock- und Popmusik eine lesenswerte Zusammenstellung unter dem Titel „Nur für Erwachsene“ herausgegeben.)

Den Skandal oder das Unverständnis in den eigenen Liedern von den Textern selbst angelegt haben z. B. Falco mit „Jeanny“ (S. 52-57): „Im Falle von Jeanny aber hat das Autoren- und Produzententeam um Falco die möglichen Missverständnisse schon im Voraus kalkuliert. Die Lyrics und das Video sind so angelegt, dass man das Schlimmste heraushören und hineininterpretieren kann, aber nicht muss. Oder, anders ausgedrückt: Auch dieser Song ‚is not what it seems‘ …“ (S. 56); oder Phil Collins mit „In The Air Tonight“: „Der Text ist ziemlich klar und eindeutig formuliert. Und doch entspann sich ausgerechnet an den Zeilen ‚Well, if you told me you were drowning / I would not lend a hand‘ eine leidenschaftliche Diskussion, die schnell einen ‚modernen Mythos‘ nach sich zog, und das gleich in mehreren Versionen.“ (S. 146) Kurzes Fazit der Mythendiskussion: Wer hat wen warum ertrinken gesehen oder nicht.

Es schließen sich zahlreiche, weitere Einzelbetrachtungen an, auf die nicht alle eingegangen werden soll. Abschließend noch ein Blick auf thematische Schwerpunkte, von denen es u. a. ein Kapitel über versteckte Drogensongs gibt, deren „Codes“ aufgeschlüsselt und Interpretationen angeboten werden. „Lucy In The Sky With Diamonds“ von den Beatles wird hierunter allerdings nicht subsumiert, sondern als musikalische Umsetzung eines Kinderbilds auf den Seiten 114-115 kurz abgehandelt. Auch einige Seiten über Lieder, die missverständlich in Werbefilmen eingesetzt wurden, hat Behrendt beigegeben (S. 98-108). Mehr Informationen zu einzelnen Musikstücken hält übrigens das Songlexikon, eine Netzpublikation des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg, unter http://www.songlexikon.de/ bereit.

I Don’t Like Mondays ist eine gelungene und äußerst lesenswerte Zusammenstellung von unbewusst oder bewusst platzierten Fehlinterpretationen von Text und Musik in populären Musikstücken. Bekannte wie weniger gut platzierte Lieder deutsch- und englischsprachiger Künstler hat Behrendt in einem Band versammelt; es sind nicht unbedingt neue Interpretationen, die der Autor vorstellt, sondern es ist die rundum gelungene Kompilation der Songs, die Lust macht, in die verschiedenen Lieder wieder einmal hineinzuhören.

Zurück