Titel
Sprachkritik als Ideologiekritik
Untertitel
Studien zu Adornos Jargon der Eigentlichkeit
Rezension

Ungeteilte Bewunderung oder auch nur vorbehaltlose Zustimmung wird dem einstmals enorm einflussreichen Theodor W. Adorno kaum mehr zuteil. Es sind kritische Stimmen, die heute den Ton angeben. Adornos Denken gilt ebenso wie das Programm der von ihm mitbegründeten Frankfurter Schule weithin als obsolet; allenfalls sein Schüler Habermas, der sich freilich rasch von ihm emanzipierte, mag noch über eine Gefolgschaft verfügen, die ihm bedingungslos die Treue hält. Nicht einmal die Frage, ob Adorno ein kanonischer Autor sei, wird man uneingeschränkt bejahen dürfen. Die Herausgeber der Publikation – es handelt sich um zwei junge Nachwuchswissenschaftler – sind angetreten, der vielfach von Missverständnissen, auch von Ressentiments belasteten Rezeption Adornos neuen Auftrieb zu verleihen und den Nachweis zu führen, dass sein Denken ungebrochene Aktualität besitzt. Dieses Vorhaben neh­men sie mit ebenso viel Sachkenntnis wie Enthusiasmus in Angriff. Dabei lenken sie das Augenmerk auf das 1964 veröffentlichte Buch „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“, dessen Titel ein elitäres stilistisches Muster bezeichnet, das auf eine Transzendierung der alltäglichen Wirklichkeit hinarbeitet und durch vermeintliche Unmittelbarkeit des Ausdrucks suggeriert, dass der von den Sachwaltern der Eigentlichkeit avisierte höhere Sinn in die Äußerung selbst eingelegt sei. Adorno entzaubert die Imago dieses Sinns als ein bisweilen überaus manipulatives gesellschaftliches Konstrukt, das auf ideologischen Setzungen aufbaut. Das formale Definiens des Jargons ist laut Adorno eine Technik der Konfigurierung standard­sprachlicher Wörter, die sie derart mit evokativen valeurs auflädt, dass sie „klingen, wie wenn sie ein Höheres sagten, als was sie bedeuten“ (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Frankfurt a.M. 1970 [Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Rolf Tiedemann, Bd. 6], S. 419). Seitens der Sprachwissenschaft hat diese Bestimmung eines Phänomens, das einer Neu-Instrumentierung der Sprache gleichkommt, bislang kaum Aufmerksamkeit erfahren, obwohl es in deren Zuständigkeitsbereich fällt und sie sich durch seine Deutung bei Adorno durchaus zu einer kritischen Stellungnahme herausgefordert sehen könnte. Dass hier ein Desiderat besteht, erhellt aus der Lektüre des Bandes, der den Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern ihr Desinteresse an Adorno insofern zurückspiegelt, als ihre Disziplin in ihm mit keiner Silbe erwähnt ist. Das ist primär im Hinblick auf die Sache bedauerlich, denn es steht zu vermuten, dass das Methodenrepertoire der Sprachwissenschaft zu einer analytischen Schärfung der Erforschung von Adornos Jargon-Konzept hätte beitragen können, dem die Publikation erfreulicherweise großen Raum gewährt. Indes könnte man einwenden, dass die festgefügte linguistische Terminologie der – bald gerühmten, bald gescholtenen – Diktion Adornos, die einen begrifflich exponierten Gedanken durch Stil und Textkomposition fortwährend nuanciert, nicht gemäß sei. Darauf ließe sich erwidern, dass eine Transponierung seiner Theoreme in die linguistische Fachsprache das Verständnis dafür, wie bei Adorno die Form der Darstellung an der Entfaltung des Gedankens teilhat, befördern oder auch Licht über reflexive Momente verbreiten könnte, die in der Form innerviert sind. Ein sprachlicher Verfremdungseffekt dürfte solche Aspekte stärker herausbringen als ein Kommentieren, das sich in einer – methodologisch nur unzureichend fundierten – Mimikry dem Tonfall des zu er­schließenden Textes anähnelt und diesen zuletzt weniger erläutert denn fortschreibt oder para­phrasiert. Eine solche Art von Interpretation ist in der Adorno-Forschung tatsächlich nicht gar so selten anzutreffen. Es ist kein Zufall, dass der geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Diskurs in der frühen Bundesrepublik Adorno auch in Wortschatz und Stil verpflichtet ist: Dessen gleichermaßen sperrige und elegante Schreibweise, die das Idiosynkratische eines freisteigenden Denkens, das vermeintliche Gewissheiten verabschiedet und jedes Apriori als gesellschaftlich getöntes Postulat entlarvt, kongenial zu artikulieren scheint, übt eine nachgerade verführerische Wirkung aus, der sich auch die Autorinnen und Autoren des Bandes nicht immer zu entziehen wissen. Daraus kann man schließen, dass es, vorsichtig formuliert, mit dieser Sprache eine besondere Bewandtnis hat, dass sich in ihr mehr als nur ein Reflexionszusammenhang und ein bestimmter Gestus des Denkens mitteilt, dass sie ein analytisch schwer fassbares evokatives Potential in sich birgt. So ist es zu begrüßen, dass die Publikation auch Adornos Stil thematisiert; es fehlt jedoch eine im strengen Sinne philologische Untersuchung, die ihn unter anderen Gesichtspunkten als den von Adorno selbst benannten in den Blick nähme und sich so nicht ausschließlich von dessen Leseanweisungen leiten ließe. Eine solche Analyse wäre ebenfalls eine lohnende Aufgabe für die Sprachwissenschaft.

Einleitend erläutern die Herausgeber, welche Absichten Adorno mit seiner Schrift verfolgt hat, und geben so eine Vorstellung von deren reflexiver Tiefenschicht und geistiger Tragweite. Es wird deutlich, dass sie darauf abzielt, aus verschiedenen Manifestationen des Jargons, deren prominenteste die Schriften Martin Heideggers sein dürften, ideologische Affiliationen herauszuschärfen, durch die die Weimarer Republik, die Ära des Nationalsozialismus und die frühe Nachkriegszeit untergründig miteinander verbunden sind. Mittels dieses Programms ei­ner analytischen Kontextualisierung sollen ein in der prätentiösen sprachlichen Gebärde verkapselter intersubjektiver Gehalt, der jeder individuellen Äußerung vorgeordnet ist, und, wie man in einem Text von Magnus Klaue liest, ein „erfahrungsgeschichtliche[r] Resonanzraum“ erschlossen werden, „der mehr als vierzig Jahre umfasst“. Indem Adorno sich solchermaßen über „wichtige Zäsuren in der nationalen Historiographie“ hinwegsetze, entwerfe er „eine Gegengeschichte zum historischen Selbstverständnis der Bundesrepublik“, welche „Gedächt­nisse und Traditionen“ kenntlich macht, „die vom ,Nullpunkt‘-Mythos der Gründungsjahre, der selbst eine existentialistische, eigentlichkeitsdurchtränkte Veranstaltung gewesen ist, verdrängt wurden“ (Magnus Klaue, Jargon und Idiom. Anmerkungen zur Geschichte einer folgenschweren Verwechslung, in: Sprachkritik als Ideologiekritik, S. 119-136, hier S. 122). Neben den ideellen, kulturgeschichtlichen und philosophischen Dimensionen von Adornos Spracharbeit – sie werden beispielhaft etwa in Aufsätzen zu der Kierkegaard entlehnten Denkfigur einer „Dialektik der Innerlichkeit“, zu der von Adorno befehdeten Verklärung des Todes, wie ihr der Jargon das Wort reden soll, und zu einer „Sprachphilosophie des Leidens“ ausgemessen – rückt der Band auch die im „Jargon der Eigentlichkeit“ wirksamen lebensgeschichtlichen Reflexe ins Blickfeld. So erweist es sich, dass in dieser wie in anderen Schriften Adornos ein persönlicher Erfahrungsgehalt in die Theorie hereingenommen ist. Ausführlich wird etwa die Rolle des für Adornos intellektuelle Entwicklung bedeutsamen Siegfried Kracauer erörtert, in dessen Kritik an der Bibel-Übersetzung Martin Bubers und Franz Rosen­zweigs zentrale Argumente des „Jargons der Eigentlichkeit“ präfiguriert scheinen. Kracauer soll, wie die Herausgeber aus Notizen und Briefen Adornos rekonstruieren, jener Freund sein, von dem es zu Beginn des Werkes heißt, ihm sei der Zutritt zu einer erlesenen Gesellschaft verwehrt geblieben, die einem „Kultus der Eigentlichkeit“ (Jargon der Eigentlichkeit, S. 416) huldigte. Dieser anekdotische Introitus ist auf „Personen aus dem Umfeld des Patmos-Kreises, der sich um den gleichnamigen Würzburger Verlag formierte“ (Max Beck/Nicholas Coomann, Adorno, Kracauer und die Ursprünge der Jargonkritik, in: Sprachkritik als Ideologiekritik, S. 7-27, hier S. 13) gemünzt, die zu den treibenden Kräften hinter „den zahlreichen religiösen Neugründungen und Erweckungsbewegungen in der jungen Weimarer Republik“ (S. 12) zählten. In dieser „religiösen Krisenzeit“ (S. 22), in der esoterisch-säkularisierende Strömungen Hochkonjunktur hatten, verorten die Herausgeber den Ursprung des von Adorno entfalteten und so überaus weit gespannten ideellen Traditionszusammenhangs.

Neben Untersuchungen zu den Voraussetzungen von Adornos Buch enthält der Band auch Texte, die einzelne Etappen seiner Rezeptionsgeschichte nachzeichnen. Hier wäre abermals die Studie Magnus Klaues zu erwähnen, der sich mit Adorno-Polemiken von Jean Améry und Martin Walser auseinandersetzt und dabei zu dem Befund gelangt, dass die Einwände gegen Adornos Diktion an einem Moment des „Somatische[n]“ (S. 121), an einer bestimmten Tongebung ansetzten und derart gerade ein Motiv anrissen, das in Adornos Jargon-Begriff einen zentralen Stellenwert behauptet. Dieser Begriff soll sich von den Theoremen der Gegenspieler Adornos gleichwohl dadurch abheben, dass er „zwischen Jargon und Idiom“ (S. 122) differenziert. Adornos Buch, so lautet Klaues Kernargument, trägt darum ein so markantes idiomatisches Gepräge, weil es sich zum einen gegen ein „Sprachideal der Nüchternheit“ (S. 135) wendet, wie Positivisten und Existentialisten es sich auf die Fahnen schrieben, und weil die Sprachkritik sich performativ nur insoweit adäquat einzulösen vermag, als sie das stilistische Register meidet, das in ihr Fadenkreuz gerät: den „Duktus der Sachlichkeit“ (S. 133) nämlich, der selbst ideologisch gefärbt ist. Zum Zweiten lässt sich Adornos Idiomatik als sprachlicher Abguss der „geistigen Erfahrung ihres Gegenstandes“ (S. 135) ansehen, die der schablonenhaft-stereotype Jargon nivelliert. Insgesamt gesehen, so muss man konstatieren, ist der stark aufgetragene Gegensatz von Jargon und Idiomatik – so produktiv er sich im Verlauf der Argumentation auch erweist – nicht ganz glücklich disponiert, weil zwischen den antithetischen Größen von vornherein ein strukturelles Ungleichgewicht besteht, dem die gedankliche Durchführung auch in der Folge nicht abzuhelfen vermag: Der Terminus „Idiomatik“ bleibt in seiner Bedeutung letztlich allzu unscharf, als dass er auf einer gemeinsamen hierarchischen Stufe mit dem reich semantisierten Jargon angesiedelt werden könnte. Womöglich hätte dem Autor hier ein Rekurs auf varietätenlinguistische Modelle – sprachwissenschaftliche Ansätze greift er ebenso wenig auf wie die übrigen Beitragenden – zu einer präziseren, vor allem aber facettenreicheren Definition verhelfen können.

Die Studien werden von zwei glossenartigen Essays umrahmt. Diese Texte machen es sich zur Aufgabe, dem Echo des Jargons bis in die Gegenwart hinein nachzulauschen und so die Adornosche Kulturkritik auf eigene Rechnung weiterzubetreiben; das tun sie mit Verve und Esprit, wobei sie freilich die Diagnosen Adornos weitgehend unverändert – und, so scheint es, unbesehen – reproduzieren. Dass etwa in den von ihnen angeprangerten Formeln eines selbstreferentiell gewordenen Wissenschaftsbetriebs oder einer selbstgefällig moralisierenden Linken eine Mitteilungsabsicht, die niemals abgegolten wurde, überdauern oder dass in Phrasen und sprachlichen Missgriffen ein ungefilterter Reflex von Subjektivität aufschimmern, mithin ein Gedanke ganz unmittelbar vernehmlich werden könnte –, solche Erwägungen, zu denen Adorno oder auch der im Band ebenfalls berücksichtigte Karl Kraus anregen könnte, sind den Verfassern – dem Tandem Dirk Braunstein und Christoph Hesse sowie Gerhard Henschel – offenkundig fremd.

Die Meriten, die sich die Herausgeber mit der Publikation erworben haben, kamen bereits zur Sprache. Abschließend sei festgehalten, dass das spürbare Bestreben, den akademischen Diskurs aufzulockern und durch eine breite thematische Streuung einer Einhegung des Gegen­standes entgegenzuwirken, die seine Hermetik kultiviert – so sehr man eine solche Agenda auch mit Zustimmung aufnehmen mag –, nicht ausschließlich zum Guten anschlägt. Zwar hat die relativ offene Gesamtkonzeption zum Ergebnis, dass Adornos Schrift unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und nach mehreren Seiten hin ausgeleuchtet wird, dass mithin auch sonst wenig berücksichtigte Aspekte zur Geltung gelangen, doch gewinnt die Darstellung ins­gesamt kaum an Tiefenschärfe, weil es an einer Instanz fehlt, welche die verschiedenen Per­spektiven bündelte. Infolgedessen empfängt man bei der Lektüre bisweilen den Eindruck, dass das Sujet zu einem Schnittpunkt intellektueller Exerzitien zusammenschrumpft, die es le­diglich für Exkurse in bisweilen weit abliegende Themenfelder zum Anlass nehmen.

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