Titel
Ohne Haar und ohne Namen
Untertitel
Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück
Rezension

„Als Grete nach Ravensbrück kam, war es August und das Lager erlebte gerade seinen zweiten Sommer. Vor den Toren plätscherte der Schwedtsee zwischen dem Schilfrohr im warmen Sommerwind. Drinnen sah sie zu ihrem Erstaunen rote Blumenbeete; vor ihr lag eine Art Straße, gesäumt von 16 hölzernen Blocks, alle angestrichen, und neben jedem stand ein kleines Bäumchen“ (S. 88). Dieser erste Eindruck, den die Schriftstellerin Margarete Buber-Neumann, die als Kommunistin bereits den stalinistischen Gulag erfahren hatte und 1940 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück überstellt wurde, vom Lager erhielt, täuschte grob. Das Lager, das im Mai 1939 neunzig Kilometer nördlich von Berlin als größtes Frauen-Konzentrationslager der Nationalsozialisten eingerichtet wurde, war bei weitem nicht der einzige Ort, an dem Gräueltaten an Frauen begangen wurden, es war aber – wie Sarah Helm formuliert – der „Brennpunkt der Verbrechen an Frauen“ (S. 705).

Da das Lager bis 1989 auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik lag, blieb eine umfassende Beschäftigung mit dem ehemaligen KZ auf westdeutscher Seite bis zur Wiedervereinigung weitestgehend aus. In der DDR wurde vor allem an die in Ravensbrück zahlreich inhaftierten kommunistischen Widerstandskämpferinnen erinnert, insbesondere an die Kommunistin (und Jüdin) Olga Benario, die bis heute mit der Statue „Tragende“ auf dem ehemaligen Lagergelände verewigt ist. Erst seit den 1990er Jahren bemühen sich Historiker zunehmend um eine vollständige und differenzierte Geschichte des Lagers. Erschwert wird diese jedoch durch die Tatsache, dass die Nationalsozialisten gegen Kriegsende alle Dokumente im Lager vernichteten.
Sarah Helms Buch ist jedoch ohnehin weniger eine rein faktenorientierte Dokumentation von Ravensbrück: Es ist eine umfassende Reportage und eine Sammlung von Stimmen (ergänzt durch einige Fotos und Abbildungen) der überlebenden und umgekommenen Frauen, die nicht nur vermittelt, was im Lager geschah, sondern auch wie diese Ereignisse sich auf individuelle Menschen in ihrem Empfinden und Erleben auswirkte. Sarah Helm hat so mit ihrem Werk und ihren außerordentlich sorgfältigen Recherchebemühungen nicht nur das historische Wissen über das Frauenlager erheblich erweitert; sie erzählt vor allem eine anschauliche und sehr differenzierte Geschichte des Lagers. Auch der Komplexität, Widersprüchlichkeit und Ambivalenz von menschlichen Handlungen und Empfindungen, etwa im Hinblick auf die Rolle der weiblichen Kapos und Funktionshäftlinge, wird darin Rechnung getragen. Helm scheut sich ebenfalls nicht davor, Lücken aufzuzeigen und abweichende oder sogar widersprüchliche Zeugenberichte aufzunehmen. Neben den unzähligen Schicksalen der weiblichen Häftlinge werden auch die Täter – vor allem die weiblichen Aufseherinnen sowie die Lagerführung – porträtiert sowie im Kontext der allgemeinen Entwicklung der Konzentrationslager auch die politischen Prozesse und Entscheidungen hinter den Geschehnissen im Lager verortet.

Obwohl Ravensbrück nicht als ‚Todeslager‘ gilt, wurden dort planmäßig und systematisch Menschen vernichtet. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheit töteten die Menschen häufig ganz ohne weiteres Zutun. Daneben gab es jedoch zahlreiche weitere gezielte und organsierte Tötungen. Die Firma Siemens unterhielt ab 1942 ein Werk in unmittelbarer Nähe des Lagers, in dem die Häftlinge arbeiten mussten bis sie zu schwach waren und als ‚unnütze Esser‘ vernichtet wurden. Das Werk forderte dann einfach neue Häftlinge an. Während die massenhafte und gezielte Vernichtung bis 1944 vor allem durch Transporte in die Vernichtungslager im Osten geschah, findet Helm zahlreiche Zeugen für Massenerschießungen und -vergasungen in Ravensbrück. Der Vormarsch der Roten Armee ab dem Frühjahr 1944 führte zu einem massiven Zustrom und hoffnungsloser Überbelegung an Gefangenen im Lager, so dass nach ‚effektiveren‘ und schnelleren Lösungen gesucht wurde, um die Häftlingszahl zu reduzieren. Die Ärztin Anni Rudroff, die in Ravensbrück auf der Schreibstube arbeitete, sagte etwa nach dem Krieg aus, einen Befehl von Heinrich Himmler gesehen zu haben, der direkt die Massenvernichtung im Frauenlager anordnete. In den letzten Kriegswochen wurde Ravensbrück so „zum Schauplatz der letzten großen Mordaktion durch Vergasung“ (S. 711). Anders als die Vergasungen in Auschwitz etwa, verfolgten diese Massentötungen keine primär rassischen Ziele: „In Ravensbrück wurde in den letzten Kriegsmonaten mit Gas getötet, um Platz zu schaffen, Lebensmittel zu sparen und die Zahl der Häftlinge zu verringern, die dem Feind in die Hände fallen konnten“ (S. 538). Noch bis April 1945 wurden auch nach der Zerstörung und Einebnung der festen Gaskammer in mobilen Wagen vergast, die „weggeschafft werden konnten, wenn der Befehl zur Evakuierung kam“ (S. 625).
Am Ende des Krieges, so macht Helm plastisch deutlich, war Ravensbrück ein hoffnungslos überfülltes und unkontrollierbares Lager, in dem die Frauen an Seuchen, Hunger, Erschöpfung und durch gezielte Tötungen massenweise umkamen und jeder Überblick über die Häftlingsanzahl verloren gegangen war. Einzelne Rettungsaktionen aus dem Ausland, wie die des schwedischen Grafen Folke Bernadotte ab März 1945, kamen oftmals zu spät. Viele der Geretteten starben noch auf dem Weg nach Schweden.

Besonders ausführlich widmet sich Helm durch Berichte der Betroffenen und anhand detaillierter Beschreibungen den medizinischen Experimenten, die 1942 an den weiblichen Häftlingen durch Operationen durchgeführt wurden. Den „Kaninchen“ (S. 235), wie sie im Lager genannt wurden, wurden große Wunden zugefügt und diese durch Glasscherben, Splitter oder Ähnliches verunreinigt und mit Milzbrand-, Tetanus und anderen Erregern infiziert. Eindringlich schildert Helm die vollständige Mitleidslosigkeit der ausführenden Ärzte und Pfleger, die unerträglichen Schmerzen und verzweifelte Hilflosigkeit der Opfer. Auch das Schicksal der Frauen aus Ravensbrück, die sich als Prostituierte für die nach dem Vorbild von Ravensbrück ab 1943 auch in anderen Konzentrationslagern eingerichteten Bordelle meldeten, belegt Helm anhand vieler Quellen. Die Initiative dafür ging ebenfalls auf Himmler zurück, der sich dadurch eine Verbesserung der Moral von Funktionshäftlingen und SS-Wachmannschaften erhoffte. Den Frauen, die sich für diese Dienste zur Verfügung stellten, machte man – leere  – Versprechungen, dass sie nach sechs Monaten entlassen würden. Beachtenswert ist, dass Helm hier Zeuginnen ausfindig machen konnte, da diese Frauen in der Regel nach Kriegsende ihre Erlebnisse weder aufzeichneten, noch sich Häftlingsorganisationen anschlossen oder um Widergutmachung bemühten.
Die Autorin Helm liefert ebenso zahlreiche Beispiele für den –  meist ausweglosen – Widerstand der Frauen, etwa durch Sabotage, dem Widersetzen von Befehlen oder dem Hinausschmuggeln von Informationen aus dem Lager, um die Außenwelt und das Ausland über die Vorgänge im Lager zu informieren. Aber auch den unbequemeren und ambivalenten Aspekten der Anpassung der Funktionshäftlinge an das SS-System und der Mitwirkung von Häftlingen am Terrorsystem um des Überlebens willens, weicht sie nicht aus, ohne jedoch zu verurteilen oder die Grenzen zwischen Tätern und Opfern aufzuweichen.

Als Biografie von Ravensbrück versteht die Autorin ihr Werk, die „eigenen Stimmen“ (S. 763) der inhaftierten Frauen sollen zu Wort kommen. Helm strukturiert ihr über 700 Seiten langes Buch weitgehend chronologisch, beginnend mit der Errichtung des Lagers Anfang Mai 1939 bis zur chaotischen Auflösung im April 1945. Die einzelnen Kapitel, die in sechs Teile gegliedert sind, widmen sich dabei vorrangig verschiedenen Personen und thematischen Aspekten, wie etwa der Aufseherin Johanna Langenfeld, dem Lagerarzt Percival Treite oder den Versuchs-„Kaninchen“.
Der Großteil der in den sechs Jahren seines Bestehens 130.000 dort inhaftierten Häftlinge (bis zu 45.000 Frauen waren dort gleichzeitig inhaftiert), die aus etwa 20 Ländern stammten und 40 Nationalitäten umfassten, hat Ravensbrück nicht überlebt (die Gesamtzahl der Toten liegt bei vermutlich etwa 30.000 bis 90.000). Viele der Überlebenden konnten und wollten zudem nach Kriegsende über das Erlebte nicht sprechen. Daher stützt sich Helm vor allem auf die Briefe und Erinnerungen derjenigen, die Aufzeichnungen – oft unmittelbar nach Kriegsende – hinterlassen haben oder die sie selbst in zahlreichen Gesprächen Jahrzehnte nach den Ereignissen befragt hat. Dies sind oftmals die Stimmen ehemals politischer Häftlinge, die einen sehr hohen Prozentsatz sowohl der Häftlinge in Ravensbrück insgesamt als auch der Überlebenden ausmachten. Häufiger als andere hatten sie Funktionsposten innerhalb des Lagers, was sowohl ihre Einblicke in die Lagerpolitik als auch ihr Überleben begünstigte. Wesentlich beigetragen haben etwa die Erinnerungen der Schriftstellerin Margarete Buber-Neumann sowie die ihrer Freundin Milena Jesenska, die einst die Geliebte Franz Kafkas war und im Lager in der Schreibstube arbeitete. Sie starb am 17. Mai 1944 im Lager. Auch die kommunistischen Widerstandskämpferinnen Olga Benario, Rita Sprengel, Lina Haag und Irma Trksak sowie zahlreiche polnische und russische Überlebende kommen mehrfach zu Wort. Aber auch die spezifischen (Über)lebensbedingungen anderer Häftlingsgruppen im Lager, wie etwa Zwangsarbeiterinnen, sowjetische und andere Kriegsgefangene sowie die sogenannten Asozialen (sie machten im Lager vor allem zu Beginn etwa ein Drittel aller Gefangenen aus), Zeugen Jehovas, Angehörige der Sinti und Roma oder jüdische Gefangene (sie machten in Ravensbrück nur etwa zehn Prozent der Häftlinge aus, gleichzeitig waren ihre Überlebensbedingungen am schlechtesten), werden repräsentiert.

Eine „kollektive Biographie“ nennt Bärbel Schindler-Saefkow, Tochter einer deutschen Kommunistin, die in Ravensbrück inhaftiert war, und Autorin des Ravensbrücker „Gedenkbuchs“, das Werk in ihrem Vorwort. Diese Beschreibung ist passend. Jede einzelne Seite des ausführlichen Werks liefert neue Einsichten und Erkenntnisse ‑ nicht nur hinsichtlich der ‚Fakten‘, sondern vor allem in Bezug auf die individuellen Menschen, die auf der Seite der Opfer zu einem häufig aussichtslosen Überlebenskampf in Ravensbrück gezwungen waren, und die auf der Seite der Täter meist freiwillig und bereitwillig dazu beitrugen, das Lagersystem zu etablieren, zu gestalten und aufrecht zu erhalten. Wenn man sich ausführlich, differenziert und einprägsam mit dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück auseinandersetzen möchte, ist Sarah Helms Buch nahezu unverzichtbar.

Zurück