Titel
Breslau
Untertitel
Geschichte einer europäischen Metropole
Rezension

Schon die jeweiligen Kapitelüberschriften der mit den 950er Jahren anhebenden und in die aktuelle postsozialistische Großstadt mündende Darstellung von „Strukturen und Ereignissen“, neben „ausgewählten historischen Gestalt[en]“, legen als „wesentliches Merkmal“ (S. 10) ein wendenreiches Breslau nahe.

Das sich die Jahrhunderte durchziehende Prinzip der Flexibilitätsnotwendigkeit ergab sich zunächst aus der Abgelegenheit (vgl. S. 198), der „provinziellen Randlage“ (S. 235) der Stadt, zugleich jedoch dem Segen der „geographischen Lage im Schnittpunkt zentraler Verkehrsachsen“ (S.306), der, das Peripherische kompensierend, im 19. Jahrhundert mit der gebotenen Ausbildung einer ausgewogenen und vielseitigen „Branchenstruktur“ (S. 306) zu nutzen verstanden wurde.

Religion(spädagogik) sowie Handel, und die entsprechenden Berufsgruppen waren es, welche zur Kumulierung von Menschen divergenter Ethnien und Glaubensvorstellungen führten, die beitrugen zu einem verwunderlichen Breslau. Quer durch die Zeiten waren es die Handelsgewinne, die mit den entsprechenden Steuerleistungen stets die Begehrlichkeiten diverser Oberherrn (Piasten, Habsburger, Hohenzollern) zur Abschöpfung weckten. Erstaunlich genug wurde Breslau 1924 die „dicht bewohnteste deutsche Großstadt“ (S. 218), als es sogar „als Kunstort für einen Moment aus dem Bannkreis Berlins heraustreten“ (S. 236) konnte, ein „Sprungbrett für Karrieren [in Wissenschaft und Kunst] außerhalb Schlesiens“ (S. 237/238), „die einzige deutsche Stadt, in der es eine jüdische Hochschule gab“ (1856 mit der „Errichtung gesonderter Kultuskommissionen“ für liberale und konservativ-orthodoxe Juden) (S. 240); all dies auf der Basis eines konsolidierten Nebeneinanders von Katholiken und Protestanten nach einer weit zurückliegenden Phase als Hochburg des Luthertums (S. 109 ff.) mit einer bloß begrenzten Rekatholisierung (S. 142 ff.) als fortwirkendem Ergebnis. Kurios auch, dass mithilfe des Dreiklassenwahlrechts noch Ende des 19. Jahrhunderts es rund ein Viertel jüdischer Wähler gab, somit der Antisemitismus „‚in der Breslauer Stadtverordnetenversammlung [...] nachgerade ein Tabu bildete‘“ (S. 225), während zugleich Breslau ein „ideologisch besonders exponiertes Bollwerk des Deutschen Ostens stärker als anderswo ausgeprägt“ (S. 256) war.

„Um den Arbeitern zu ermöglichen, ihren Lohn sogleich in Ware umzusetzen, musste die Produktion nach der Auszahlung jedes Mal vorübergehend eingestellt werden.“ (S. 232) – So erforderten nach dem Ersten Weltkrieg ungewöhnliche Krisen offenbar ungewöhnliche Maßnahmen: Insbesondere die Verwendung der Wirtschaftskrise zur politischen Mobilisierung jener Ideologie, welche die Alleinstellung Breslaus zur Alleinstellung der Deutschen in Breslau propagierte, und dies zunächst durchaus effektiv: War noch „vor der Machtübernahme Hitlers [...] die Stadt eine Hochburg des Nationalsozialismus geworden“ (S. 243), wurde sie 1936 zum „größte[n] Breslauer Arbeitgeber“ (S. 246).

Einer solchen, bislang nie dagewesene Überantwortung an ein Regime folgte, dass Stadt und Bewohner für Jahrzehnte Objekte von Verwendungen, Verfügungen wurden: sei es als Festungsstadt (deshalb auch großflächig zerstört); als „landesweit größte[s] Ziegelreservoir“ (S. 262), nachdem es Teil der Volksrepublik Polen geworden war; insgesamt für „eine komplett neue Einwohnerschaft“ (S. 266), „ein von staatlichen Behörden zugewiesener [...] Wohnort, der auch als Wrocław lange Zeit nicht Heimat werden wollte“ (S. 271). Die Vorbehalte gegenüber einem „zerstörte[n] deutsche[n] Breslau als „unheimlicher Ort“ (S. 271) mussten auf polnischer Seite überwunden werden, so wie auf deutscher der Verlust über das verschwundene Breslau verwunden.

Aus Breslau flohen die Bewohnerinnen und Bewohner und wurden vertrieben, in das die polnischen Repatrianten u.a. aus dem sowjetisch besetzten Osten in die dazu erklärten Wiedergewonnenen Gebiete einrückten. War Breslau ehemals Zentrum einer Peripherie im deutschen, preußischen Osten, bildet Wrocław schon länger ein Zentrum der Peripherie im polnischen Westen. Die hiermit angedeutete spiegelverkehrte Konstellation begünstigt(e), dass diese hier vom Autor in merklich sympathetischen Augenschein genommene Stadt Spur um Spur seine wendenreiche Tradition sukzessive wieder aufnehmen konnte, „die Stadt nicht nur ihren Ort, sondern auch ihre Identität bewahrt“ (S. 12) hat.

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