Titel
Finsternis in Deutschland
Untertitel
Ein Weckruf der Geschichte
Rezension

‚Interviews einer Engländerin‘ in NS-Deutschland? Ging denn das? Kann da etwas herauskommen? ‚Was die Deutschen dachten‘ – Offenkundig schon, das verspricht zumindest der Untertitel vollmundig. Der Leser soll, so scheint es, ein ungeschminktes Bild der damaligen Zeit bekommen und nicht nur erfahren, was (manche) Deutsche dachten, sondern sogar, was die Deutschen dachten. Dies alles steht unter der Überschrift „Finsternis in Deutschland“, lässt also erwarten, dass von dieser Finsternis die Rede sein wird, dass womöglich Licht in die Finsternis getragen wird. Diese Erwartungen werden, man ahnt es bereits, allesamt (zumindest aus Sicht des Rezensenten) enttäuscht. Zwar fährt Ernestine Amy Buller manche Lichtgestalt auf, doch die Finsternis bleibt finster, sie wird nicht wirklich ausgeleuchtet, ja kaum einmal überhaupt angesprochen. Doch der Reihe nach.

Die 1891 geborene Ernestine Amy Buller war eine politisch sehr interessierte Frau und engagierte sich stark im Christlichen Studentenbund, für den sie zahlreiche Reisen auf das Festland unternahm. Vor allem engagierte sie sich im Austausch mit Deutschland, das sie schon vor dem Ersten Weltkrieg häufiger bereist hatte. Ab 1935 kam sie auch häufiger nach NS-Deutschland, da sie maßgeblich Treffen und Diskussionsrunden von britischen Pädagogen und Intellektuellen mit deutschen Diplomaten, Beamten, Pädagogen und NS-Funktionären mit organisierte. Parallel dazu nutzten sie ihre Deutschland-Aufenthalte, um abseits dieser offiziellen Kontakte Freunde und Bekannte zu besuchen und mehr über die Einstellungen der Deutschen zu erfahren. Aus den zahlreichen Gesprächen, die sie dabei führte, ging dann schließlich 1943 das nun auch erstmals auf Deutsch vorliegende Buch hervor, mit dem sie vor allem auch einer einseitigen Verteufelung der Deutschen unter Hitler entgegentreten wollte.

Für sich genommen sind die einzelnen wiedergegebenen Gespräche nicht uninteressant, offenbaren sie doch einiges von Dilemmata, von Selbstbetrug und Illusionen einiger ‚Volksgenossen‘ im NS-Regime. In der hier dargebotenen Aneinanderreihung werden sie schließlich problematisch, da nicht nur der Eindruck entsteht, die Ausnahme, der kritische, zweifelnde, den Nationalsozialismus eher ablehnende Bürger sei die Regel gewesen an den Universitäten, in den Amtsstuben, in den Ministerien. Buller weckt nicht nur diesen Eindruck, sie erhebt mehrfach explizit den Anspruch, indem sie von einem kritischen Studenten auf die Mehrheit der Studenten, von einem Gutsbesitzer auf die gesamte Gruppe, von einem Beamten im Auswärtigen Amt auf alle Staatsbediensteten schließt und sich letztlich manche von deren Lebenslügen zu eigen macht. Vielen Urteilen liegt dabei ein bemerkenswert hohes Maß an naiver Privatempirie zugrunde. Über die Grundbesitzer schreibt sie zum Beispiel, „das Wohlergehen ihrer Bediensteten gehörte zu ihrem Glaubensbekenntnis“ oder sie seien „moralisch und charakterlich absolut integre Menschen“ gewesen, deren Lebensführung „schlicht“ und Verantwortungsgefühl „groß“ gewesen sei (alle Zitate S. 191). Führt man sich die Verhältnisse in Mecklenburg oder andernorts in den dreißiger Jahren vor Augen, erscheinen manche dieser Äußerungen nicht nur naiv, sondern geradezu obszön.

Hinzu kommen die blinden Flecken der Autorin selbst, die durchaus interessant sind, aber erheblich dazu beitragen, die geweckten Erwartungen zu enttäuschen. Es bleibt rätselhaft (und letztlich bezeichnend für das Buch), dass Buller dem Reichsparteitag der NSDAP 1935, den sie selbst besucht hat, ein eigenes Kapitel widmet, über die dort verkündeten Rassegesetze aber kein Wort verliert. Das wirft Fragen auf, das wirft einen Schatten auf das Buch und auf die Verfasserin, die in den Vorworten leider nicht einmal gestellt werden.

Die deutsche Übersetzung fügt dem weitere Probleme hinzu, indem sie an manchen Stellen das Buch gewissermaßen dehistorisiert, indem beispielsweise der Begriff „Reichskristallnacht“ (S. 210) gebraucht wird, wo im Original die Rede von „the terrible attack on the Jews“ ist. An anderer Stelle wird der ursprünglich 1943 publizierte Bericht mit einem Bild einer Siegesfeier britischer Soldaten 1945 bebildert.

Am Ende bleibt mehr als nur ein schaler Nachgeschmack, der nicht allein aus nicht erfüllten, womöglich viel zu hohen Erwartungen resultiert. Der Untertitel „Was die Deutschen dachten“ wurde für die deutsche Neuausgabe 2016 erfunden und ist nicht Teil der britischen Ausgabe 1943. Er verspricht nicht nur zu viel. Angesichts der Tatsache, dass letztlich eine Lichtgestalt nach der nächsten zu Wort kommt, die eigentliche Finsternis des NS-Regimes gar nicht angesprochen wird, gibt dieser Untertitel dem Buch eine neue, eine problematische Wendung und meint eigentlich: „Was die Deutschen wirklich dachten“. Die Masse der ‚Volksgenossen‘, wird hier suggeriert, war doch eigentlich dagegen, war gefangen in einem tragischen Dilemma.

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