Titel
Geschichte der Germanistik
Untertitel
Gesammelte Aufsätze. Frankfurter Beiträge zur Germanistik 54
Rezension

Seit seiner 1979 erschienenen und viel beachteten Habilitationsschrift zu Jacob Grimms „wilder Philologie“ und dem Historismus gehört Ulrich Wyss zu den wichtigsten – und zudem theoriegeleiteten – Vertretern der germanistischen Sprachgeschichtsschreibung. Aus Anlass seines 70. Geburtstages haben nun ehemalige Mitarbeiter und Schüler unter dem recht weit ausgreifenden Titel „Geschichte der Germanistik“ 25 zentrale, zuerst zwischen 1985 und 2010 veröffentlichte Bausteine zu einer solchen noch zu schreibenden Wissenschaftsgeschichte der Germanistik neu herausgegeben. Sie zeigen des Verfassers langjährige beharrliche Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen und mit den zentralen Konstellationen und Situationen der Germanistik der letzten 200 Jahre. Dies ist umso verdienstvoller, weil ausgeprägte wissenschaftshistorische Interessen heute nicht zu denen gehören, die leicht in eine wissenschaftliche Laufbahn einmünden, gerade so, als hätten das Fach und die Wissenschaft insgesamt eine fortwährende Reflexion gar nicht nötig. Aber: „Die Germanistik hat es nicht immer gegeben, und es wird sie wohl nicht für alle Zeiten geben. Es handelt sich um eine Diskursformation, die vor gut 200 Jahren begründet wurde“ (S. XV). Ohne Kenntnisse dieser ersten 200 Jahre, die dann zugleich zur Reflexion über heutige Entwicklungen einladen, wird sie kaum noch einmal über einen so langen Zeitraum bestehen bleiben. Ulrich Wyss‘ Beiträge widmen sich insbesondere jenen Persönlichkeiten, deren Portraits charakteristische diskursive Formationen der Geschichte der Germanistik sichtbar werden lassen und heutigen Lesern in diesem Sinne ein „Organon konkreten Forschens“ (S. XVII) an die Hand geben. Die Einheit von Sprache und Literatur um 1800, die Textedition als Zentrum der frühen deutschen Philologie, die Ausdifferenzierung von Textkritik und Historischer Grammatik und Jacob Grimms „progressive Universalpoesie“ sind zentrale Stationen des Aufstiegs ebenso wie die „Mediävistik als Krisenerfahrung. Literaturwissenschaft um 1930“ einen Abschwung anzeigen. Vieles von diesem Auf und Ab verdichtet sich in der germanistischen Rezeption des Nibelungenliedes: „Zum letzten Mal; Die teutsche Ilias“ (S. 153-184).  Eine der letzten Stationen behandelt die „Entphilologisierung. Aderlaß der Mediävistik und Neubegründung durch den Auszug der Linguisten“ vom Jahre 2003. Hier heißt es: „[…] Die Mediävistik suchte Anschluß lieber bei den Historikern und Ethnologen. Doch warum soll sie mit dem Fach [der Neugermanistik] nicht kommunizieren können, das sich einst, vor über 100 Jahren, von ihr abgespalten hat. Vielleicht werden wir eines Tages auch mit den Linguisten wieder reden, und sie mit uns“ (S. 281). Hier besteht – zumindest leise – Hoffnung. Eine „Erlanger Germanisten-Chronik“ und Portraits von „Rudolf Borchardt und Josef Nadler“, Hans Schwerte („Ein Germanist in Erlangen“), Andreas Heusler, Helmut de Boor und Alfred Ebenbauer („Alfred Ebenbauer als Germanist“) beschließen den Band. Man muss Ulrich Wyss nicht in allen seiner Einschätzungen und Analysen folgen, aber seine Texte sind stets anregend und darüber hinaus stets erfrischend lesbar. Für die Neuausgabe dieser Studien ist den Herausgebern daher sehr zu danken.

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