Titel
Zwei Millionen ham'ma erledigt
Untertitel
Odilo Globocnik - Hitlers Manager des Todes
Rezension

Überwiegend chronologisch und in flüssigem Stil werden hier die Stationen eines äußerst Karrierebeflissenen verfolgbar, dessen sukzessiver Aufstieg allerdings durch Hindernisse als stets absicherungsbedürftig erscheint. Die Kapitelfolge trägt den wechselnden Funktionen in den Lebensetappen eines Mannes Rechnung, vom ‚Kofferträger’, ‚Agenten’, Personalchef, selbst Ehemann usf., um seine Rolle dann doch überwiegend unter anderem als Auftraggeber und Organisator von Zwangsarbeit und Massentötung zu verdichten.

Als die Karriere zugleich fördernd wie gefährdend fungiert sein talentiertes Streben „auf eigene Rechnung“ (S. 284) wirtschaftliche Initiativen zu setzen, was die Vorgesetzten bereits in Globocniks Funktion als Gauleiter Wiens missbilligend registrieren. Die Fortführung seiner Eigenschaft als Gelegenheitsräuber ermöglicht ihm die Suche nach Männern fürs Gröbste im eroberten Polen mit Standort Lublin, wo er ab Herbst 1941 zur „Zentralfigur in der Planung des Judenmords“ (S. 194) wird und sich dann eifrig darauf bedacht zeigt, „dassdie SS bei der Verteilung der Beute in den sowjetischen Territorien nicht zu kurz kommt“ (S. 174). Eine „win-win“-Situation für Globocnik und die NS-Führung, ist er doch erst recht beim verordneten Spuren vernichtenden Rückzug, der Räumung des Ghettos in Białystok sowie als ‚Feuerwehr‘ bei der Versetzung in seinen Geburtsort Triest, in die ‚Operationszone Adriatisches Küstenland‘, die aus Sicht der Führung geradezu kongeniale Leitperson.

Der selbst für Himmler beeindruckende „Aktionismus des Brigadeführers“ (S. 140), sein Einsatz zum Bau einer ‚deutschen Brücke‘ in den Osten innerhalb seiner „Umvolkungsvision“ (S. 143) ist ohne persönliche Motive nicht erklärlich; auch der „Misserfolg“ in seinem Wunsch nach Übererfüllung „spornt ihn nur noch mehr an“ (S. 171), ja er „bedauert, dass man gegen die Polen nicht so vorgehen kann wie gegen die Juden“ (S. 301); zudem sollen „die ‚Umsätze‘ aus dem Judenmord die Schmach von Wien überstrahlen“ (S. 217). – Wie das Regime, überspannt auch er durch Produktion von Chaos seinen Übertreibungsbogen. – Insgesamt, so die Darstellung des Verfassers, wollte hier einer der ‚Liebling‘ seiner ‚Götter‘ sein, ihn zu Höchstleistungen antreibend; ein ‚Genius‘ eines Regimes, das ihn ‚fand‘.

Personalistisch angelegt ist Sachslehners Biographie nicht, wie sein Quellenverzeichnis in Inhalt und Umfang zeigt; wovon besonders jene in polnischer Sprache hervorstechen. Im Zentrum stehen die Opfer von Globocniks Vernichtungs- und Bereicherungsfuror. Andererseits deutet das Motto des Verfassers auf eine wie auch immer geartete Gemeinsamkeit von Opfer und Täter hin.

Schon das bajuwarisch-österreichische Idiom im gewählten Ausspruch für den Titel signalisiert, dass Sachslehner die soziokulturelle Genese nicht unterschlagen will; so notiert er anlässlich von Globocniks Wirken im Raum Lublin: „Nun ist es wieder ein Österreicher, der in der Rolle des Kolonialherren auftritt“ (S. 271). Der Autor rückt allerdings epochenspezifisch gleich zu Beginn seiner Biographie zurecht, dass sein Objekt „kein Österreicher sein wollte“ (S. 11); was sich damit, dass er auch als Kärntner seine slowenischen Wurzeln kaschieren wollte, noch verständnisleitend ergänzen ließe. Einmal dient der „schreckliche Dialekt“ (S. 55) zur Tarnung, ein andermal versichert Globocniks Personalpolitik sich Loyalität durch ‚Landsleute’, wo der „Kärntner Dialekt fast so etwas wie die Amtssprache“ wird (S. 131). Von außen wird dies ebenso wahrgenommen: So glaubt der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, sich an des Brigadeführers Vernichtungspläne „im gemütlichen Plauderton in seinem Wiener Dialekt [sic!]“ (S. 176) erinnern zu können.

In Summe personifiziert Globocnik dann doch einen Menschen, der seine durch das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie hintertriebene „glanzvolle Offizierslaufbahn“ (S. 25) mächtig realisieren konnte, dessen Sehnsucht nach einer ‚deutschen Volksbrücke’ als Vertreter und Nachkomme von ‚Grenzlanddeutschen’ legitim wie juristisch abgedeckt gestillt werden wollte; der daraus resultierende Raub von Existenzen korrespondiert dabei offensichtlich dem lebenslangen Wunsch sich schadlos halten zu dürfen. Die politischen Rahmenbedingungen figurieren ihn so zu einer Art ‚geheimen (Öster-)Reichsführer SS‘, der analog und imitatorisch zu seinen Vorgesetzten als „Propagandaleiter der NS-Betriebszellenorganisation“ (S. 31) begann, den in Triest errichteten „unterirdischen Bunkerkomplex“ ‚Kleines Berlin’ nannte (S. 314), und zuletzt in einer Schutzhütte seiner Herkunftsregion in Südkärnten Schutz suchte. - Nicht bloß mit solch auffälliger biographischer Kreisbewegung figuriert hierGlobocnik als einer der besonderen Kommandeure von „Sonderkommandos“.

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