Titel
Lesen als Medizin
Untertitel
Die wundersame Wirkung der Literatur
Rezension

Seit Jahrhunderten wird dem Lesen und der Literatur eine heilende, belebende und befreiende – manchmal allerdings auch eine verstörende – Wirkung zugesprochen. Andrea Gerk geht nun unter eingängigen Überschriften wie „Bücher statt Burnout“, „Lesen Sie, um zu leben“ und „Geschichten statt Gewalt“ sowohl auf der persönlichen und subjektiven Ebene – als passionierte und überzeugte Leserin –, als auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten den Wirkungen und Funktionen von Literatur nach. Sie lässt begeisterte Leser, Literaturwissenschaftler, Psychologen, Soziologen, Neurowissenschaftler und Geistliche zu Wort kommen und stellt deren jeweils spezifische Blickwinkel auf das Lesen vor. Diese Erkenntnisse führt sie zusammen, um ihre bereits am Anfang des Buches formulierte Überzeugung zu belegen und zu bestätigen: „Bücher können Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten, Zuflucht sein, Erfahrungen vermitteln, Perspektiven ändern, Sinn stiften. Bücher amüsieren und berühren. Und sie können ablenken – nicht zuletzt von uns selbst“. (S. 16)

Nutzungsweisen von Literatur sowie Lesetheorien sind zeit- und kulturabhängig. Dennoch gibt es hier auch wesentliche Konstanten, so etwa die Annahme, dass das Wort und die Literatur heilende Wirkung haben können. „Der Glaube an die übersinnliche Wirkung von Wörtern existiert in allen Kulturen“ (S. 140), stellt Gerk fest. Bereits in kultischen Handlungen und Heilzeremonien, in Religionen mit ihren Ritualen wird dem Wort eine große Bedeutung und Kraft zugemessen, etwa in Flüchen, Segnungen, Zaubersprüchen, Gebeten, Exorzismen und Mantren. Mit der ‚Leserevolution‘ im 18. Jahrhundert und der Entdeckung des ‚Ich‘ im 19. Jahrhundert bekommt, wie Gerk darstellt, die Literatur und das Lesen durch Bekenntnisse, Selbstporträts, Tagebücher, Briefe und empfindsame und selbstbezügliche Literatur eine neue Dimension und ist auch für die Entwicklung der Psychoanalyse und -therapie von wesentlicher Bedeutung, etwa in der Traumaforschung. Freud habe das Lesen verändert und einen gänzlich neuen Blick auf Texte ermöglicht, der uns auch befähigt, das eigene Leben als Text zu lesen, führt Gerk aus. Über das Lesen von Geschichten, so Freuds Vorstellung, könnten Menschen, deren Lebensgeschichten durch traumatische Ereignisse nicht mehr zusammenhängend erzählt werden könnten, sondern fragmentarisch und zerrissen seien, die Kohärenz ihrer Biografie wiederherstellen und zu einer Akzeptanz der eigenen Lebensgeschichte kommen. Denn was wir Identität nennen, sei letztlich das Narrativ unserer eigenen Lebensgeschichte.

Nicht nur für die Psychoanalyse ist die Literatur von wesentlicher Bedeutung. Große Parallelen deckt Gerk auch zwischen Medizin und Literatur auf. Sowohl Arzt als auch Schriftsteller seien Fachleute für menschliches Leiden, der eine, in dem er es beschreibe, und der andere, in dem er es behandele, zitiert sie die Schweizer Journalistin Klara Obermüller. Und mit Reich-Ranicki weist sie darauf hin, dass der Arzt und der Schriftsteller beide gegen die Vergänglichkeit rebellierten und die Verteidigung des Lebens als Ziel hätten.

So verwundert es vielleicht nicht, dass es in psychiatrischen Kliniken seit dem 18./19. Jahrhundert üblich war, Lesestoff als Medizin zu verabreichen. Die Bibliotherapie – also der Einsatz von Büchern zu therapeutischen Zwecken – als Heilverfahren findet seine Anfänge sogar bereits bei Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert und ist seit 1939 in den USA als Therapieform anerkannt. Heute wird sie zudem insbesondere in Großbritannien und Skandinavien angewandt.

In Klöstern und Gefängnissen, die beide geschlossene Systeme sind, kann die Beschäftigung mit Literatur existenziell sein, wie Gerk an Beispielen zeigt. So ist der Glaube an eine heilige Schrift, an den einen zentralen Text, den Gläubige lesen und deuten, grundlegend für alle Schriftreligionen. Damit einher geht in den Klöstern auch seit jeher eine allgemeine und zentrale Wertschätzung von Literatur und für Bücher als ästhetischen Wert.

In Gefängnissen bietet die Literatur Insassen nicht nur gedankliche Fluchträume und die Möglichkeit zur inneren Freiheit, sondern auch die Möglichkeit, durch die Beschäftigung mit anderen Lebenswelten, Einsicht und Verhaltensänderung zu erwirken. Daher wird in Deutschland, wie in vielen anderen Ländern auch, das Lesen sogar als pädagogische Strafmaßnahme eingesetzt. Im brasilianischen Hochsicherheitsgefängnis Catanduras ist durch eine Regierungsinitiative das Programm ‚Erlösung durch Lesen‘ entstanden. Hier können Schwerverbrecher ihre Haft verkürzen, indem sie lesen. Ein Buch bringt vier Tage.

Aber wie wird man eigentlich überhaupt zum Leser? Welche Voraussetzungen sind dafür auf kognitiver Ebene nötig? Gerk beantwortet diese Fragen auch mit Hilfe der Neurowissenschaften. Sie stellt dar, wie Worte im Gehirn wirken und wie man empirisch nachweisen kann, weshalb Lesen Vergnügen bereiten, Freude, Glück, Trauer und Angst hervorrufen und Spannung erzeugen kann und welche emotionalen und kognitiven Prozesse dabei jeweils ablaufen.

Um das Lesen zu erlernen, ist eine neuronale Neuprägung des Gehirns notwendig, die Systeme der Wahrnehmung, Kognition, Sprache und Motorik miteinander verknüpft. Je flüssiger der Mensch liest, desto schneller arbeitet auch das Gehirn daran, Denken und Fühlen zu trennen und desto mehr Raum bleibt für weiterführende Überlegungen und Empfindungen: „Millionen feuernder Nervenzellen und Synapsen lassen im Bruchteil einer Sekunde in den verschiedensten Arealen des Gehirns nicht nur Schrift- und Klangbild eines Wortes entstehen, sondern rufen auch Erinnerungen, Gefühle und Bilder wach.“ (S. 133f.) So vermehrt das Lesen nicht nur faktisches Wissen, sondern bereichert auch die emotionale Kompetenz.

Worte wirken körperlich und lösen affektive und kognitive Vorgänge aus, wie Messungen von Pupillengröße, Herzrate oder Hautleitwiderstand belegen. Auch die Fähigkeit Empathie zu empfinden, wird durch das Lesen gefördert: „Die Vorstellung, dass Lesen im besten Sinne den Charakter bildet und die Persönlichkeit prägt, ist also nicht nur eine schöne Phantasie eifriger Pädagogen oder Lesesüchtiger, sondern eine biologische Tatsache“ (S. 170), resümiert Gerk. Dafür sorgen Spiegelneuronen im limbischen System des Gehirns, die uns ermöglichen, emotional nachzuvollziehen, was einem anderen widerfährt. Diese Spiegelneuronen sind auch wichtig, um in eine fiktive Welt abzutauchen und erfundene Handlungen und Gefühle mitzuerleben: „Wir verschwinden in einer literarischen Welt und tauchen verändert aus ihr wieder auf.“ (S. 187)

Wundersam bleibt die Wirkung von Literatur auch nach dem Lesen von Andrea Gerks Buch noch. Durch die Verknüpfung von sehr persönlichen Leseerlebnissen und -eindrücken mit soziologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über das Lesen und seine Wirkungen, hilft Gerk jedoch wesentlich, das Wunder erklär- und verstehbarer zu machen. Dabei richtet sich das Buch wohl in erster Linie an fortgeschrittene und passionierte Leser und ist unverkennbar ein leidenschaftliches und liebevolles Plädoyer für das Lesen und die Literatur.

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