Titel
Tiernamen – Zoonyme
Untertitel
Band I Haustiere (Beiträge zur Namenforschung 50 (1/2, 3/4 2015)
Rezension

Die auf zwei Bände angelegten Schwerpunktforschungen zu Tiernamen sind in der Tat etwas Extraordinäres. Das wird bereits auf dem Einbandtext deutlich gemacht, wo es heißt: „Was verrät die Benennung von Tieren über die Beziehung zwischen Mensch und Tier? Dies ist die zentrale Frage des vorliegenden Doppelbands, der sich erstmals dem Thema Tiernamen widmet und dabei Perspektiven linguistischer Onomastik und gesellschafts- und kulturwissenschaftliche Disziplinen zusammenführt.“ Dem ist in der Tat so, denn es liegen sicherlich vereinzelte Untersuchungen zu diesem Themenfeld vor, allerdings nicht in dieser Dichte und auch nicht in der Interdisziplinarität, die einer der bemerkenswerten Aspekte dieser Publikation darstellt, die auf insgesamt 515 Seiten eine anregende Zusammenstellung von zwanzig Aufsätzen zur Thematik liefert, die eben über die ‚reine‘ germanistische Forschung hinausweisen, und damit in sinnvoller Weise die Idee der Interdisziplinarität verfolgen, die in vorliegendem Fall erkennbar nicht allein dem ‚Modediktat‘ dieses Ansatzes folgt, der in anderen Zusammenhängen immer wieder auch als gewissermaßen ‚erzwungene‘ Anpassung an womöglich ‚forschungspolitisch‘ determinierte Vorgaben zeitigt, ohne dass unbedingt ein erkennbarer Nutzen fächerübergreifender Arbeit vorläge. Dass gerade jetzt (wobei dieses ‚Jetzt‘ nicht punktgenau auf das Jahr 2015 zu beziehen ist) ein solcher Doppelband erscheint, ist gewiss kein Zufall, sondern scheint mir Resultat auch einer zeitaktuell durch Begriffe wie Klimawandel, Nachhaltigkeit oder Bioethik allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion um die allgemeine Teilhabe des Natürlichen – und hierbei insbesondere der Tiere – an einem auf Gerechtigkeit ausgerichteten Weltverständnis zu sein.

Das die Bände herausgebende Kollegium Damaris Nübling ist überdies mit einem abschließenden Aufsatz zur Benennung von Versuchstieren vertreten liefert mit dem einleitenden Artikel ‚Tiernamen – Zoonyme: Forschungserträge und Forschungsperspektiven zu einer wissenschaftlich vernachlässigten Namenklasse‘ einen lesenswerten Einstieg eben in Erträge und Perspektiven zu diesem Themenfeld. Das Desiderat der Thematisierung der Zoonyme, das auch durch verstreute und vereinzelte Beiträge nicht gefüllt werden konnte, aber auch vielversprechende perspektivische Ansätze werden dargelegt und bieten Leserinnen und Lesern eine Basis, auf der sich die folgenden Texte mit Gewinn lesen lassen. Überdies wird hier bereits auf einzelne Aspekte – etwa ‚Tierbenennung im Kulturvergleich‘ oder ‚Tierbenennung früher und heute‘ – abgehoben, die zum Teil in den folgenden Aufsätzen intensiver diskutiert werden. Eingefügte Tabellen und Schemata erleichtern die Orientierung bzw. können auch zur Erstellung einer eigenen Kategorisierung herangezogen werden.

Katharina Leibring, die an der Universität von Uppsala arbeitet, trägt einen recht interessanten, englischsprachigen Artikel (,Zoonyms in the onomasticon – names of cattle, dogs and cats from a Scandinavian perspective‘) bei, der zwar aus einer ‚deutschen Sicht‘ heraus eher randständig ist, gleichwohl jedoch das Blickfeld erweitern hilft. Allerdings erscheint, ungeachtet der Qualität des vorliegenden Aufsatzes, angesichts der Aufteilung in zwei Themenbände – eben Haus-‚ bzw. ‚Nutztiere‘ – nicht unbedingt nachvollziehbar, warum hier beide Kategorien zusammen behandelt werden.

Ebenfalls in den skandinavischen Kontext verweisen die Untersuchungen Jan Anwards und Angelika Linkes (beide Linköping) zu ‚Familienmitglied Vofflan. Zur sprachlichen Konzeptualisierung von Haustieren als Familienmitglieder‘. Interessant, bemerkenswert – und nach meinem Eindruck in diesem Maße in der Bundesrepublik noch nicht zu beobachten – ist die durch die beiden Verfasser auch in verschiedenen Anzeigenkontexten belegte Einbindung der Tiere in einen familiären Kontext, der sicherlich zunächst gewöhnungsbedürftig erscheint, aber gut in den vom Rezensenten eingangs angesprochenen Zusammenhang der Nachhaltigkeit bzw. Bioethik passt.

Aus biographischen Gründen heraus (der Rezensent war und ist der Kaninchenwelt aufs Nachhaltigste verbunden), hat der Beitrag Melissa Holzschuhs ‚Lilly, Paul und Krümel. Benennungsmotivik und Struktur von Kaninchennamen‘ besonderes Interesse geweckt (auch wenn ich mit gewissem Stolz behaupten kann, dass die eigene Namengebung sich in vorliegenden Material nicht wiederfindet). Bemerkenswert ist die recht valide Datenbasis, auf der Melissa Holzschuh ihre Untersuchungen fundiert. Die Ergebnisse hingegen scheinen mir weniger überraschend; offenkundig folgen die Benennungen der domestizierten Hasenartigen stark den Mustern, wie sie für die Namengebung bei Menschen vorherrschend ist. Hier wird die enge Anbindung an die menschliche Welt deutlich, die wohl nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, dass diese Kleintiere meist in stärkerem Maße als andere Haustiere in das häusliche Lebensumfeld eingebunden sind.

Die beiden folgenden Artikel von Caroline Leppla (‚Aristo vom Sonnenhof und Birona von der Herzogsquelle. Zur Motivik, Struktur und Pragmatik von Hundezuchtnamen‘) sowie Christine Ganslmayer und Sebastian Kürschner (‚Lazarus und Lazi, Milo und Spatz, Stinker und Stinkili. Bildung und Gebrauch „Offizieller“ und „inoffizieller“ Katzennamen‘) thematisieren auf solider, ausgewiesener Datenbasis Bereiche, die tendenziell wohl eher im Bewusstsein sind.

Für die Frage der Motivation, Haustieren Namen zu geben, ist der Beitrag Angelika Bergiens (‚...und gibt ihr eine Art Persönlichkeit‘ Zur Motivation und Wahrnehmung von Haustiernamen‘) empfehlenswert, der sich jedoch lediglich auf die Benennungen von Katzen und Hunden konzentriert. In den Kontext der Benennungsmotivation fällt auch ‚Minka und Findus oder Helga und Brigitte. Individualbenennungen von Haustieren durch Kinder und Jugendliche‘ (Barbara Aehnlich und Elisabeth Witzenhausen), der sich in knapper Form einer nicht unwesentlichen Gruppe von Namenspatronen widmet. Eine ähnliche Richtung – wieder aus dem skandinavischen Bereich – nimmt Minna Saarelma-Paukkalas Beitrag ‚Miira and Sissi, Puppe and Rekku. Practises of naming cats and dogs in Finland. A case story based on name day calendars for cats and dogs‘. Für den Rezensenten neu war, dass es offenkundig einen offiziellen finnischen, von der Universität Helsinki herausgegebenen Namenstagskalender für Katzen und Hunde gibt. Ansonsten, und das verweist auf eine paneuropäische Phänomenik, sind die Namengebungsmuster nicht so sehr von denen in Zentraleuropa verschieden.

Womöglich am exotischsten ist der kurze Beitrag Jessica Nowaks (‚Abutio, Houdini und Chewie‘), der sich mit Hunderufnamen im Alten Ägypten befasst. Bei aller räumlichen wie zeitlichen Abweichung von den bis dahin im ersten Teilband vertretenen Aufsätzen macht Jessica Nowak auch deutlich, in welchem Maße sich offenbar Namenmuster und die darin widergespiegelte Verbindung zwischen Haustieren und Menschen an gegenwärtige Gepflogenheiten anlehnen – oder besser ausgedrückt diese bereits transportierten.

Der zweite Teilband, der die eher indirekten Beziehungen zwischen Menschen und ihren Nutztieren thematisiert, beginnt mit einer höchst lesenswerten Untersuchung von Rainer E. Wiedemann (‚Tiernamen und gesellschaftliche Differenzierung. Vergleichende Sondierungen im Anschluss an zwei Thesen von Claude Levi-Strauss‘). Dieser soziologisch fundierte und ausgerichtete Artikel weist über den engeren Bereich der Onomastik deutlich hinaus, was jedoch nicht als wirkliches Defizit gedeutet werden darf. Die in anderen Beiträgen erkennbaren Beziehungsstrukturen zwischen Menschen und ihren (Haus-)Tieren werden von Wiedemann in ein adäquates theoretisches Konzept eingepasst und anhand der bereits klassischen Thesen eines Levi-Strauss auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft.

Stefan Aerts diskutiert die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Tieren anhand unterschiedlicher Benennung bzw. Nichtbenennung (‚Named, numbered or anonymous: How the Human-Animal Relation affects the naming of individual animals‘).

Drei Beiträge des zweiten Bandes sind der Benennung von Rindern gewidmet. Adrian Koopman (‚Zulu Cattel Names‘) führt in die zunächst exotisch erscheinende Welt der südafrikanischen Zulu, erläutert deren wirtschaftlich-soziale Beziehung zu ihren Rindern, die in weit stärkerem Maße als im rezenten Europa auch durch Statuskomponenten geprägt ist, wobei Namengebungen als Signalmarker für nicht regelkonformes Verhalten der Besitzer sicherlich einen interessanten Aspekt aufwerfen. In gewisser Hinsicht archaisch erscheinen die von Johann Kirchinger (‚Der nicht kontrollierte Raum. Die Deutung der bäuerlichen Arbeitswelt in der Moderne – im Spiegel der Eigennamen der Nutztiere‘) anhand von Gehöften aus Oberbayern und der Oberpfalz kleinräumig untersuchten Verhältnisse einer (Wirtschafts-)Welt, die trotz der Rationalisierungseffekte der gegenwärtigen Viehwirtschaft auch zur eigenen Identitätsvergewisserung an Archaismen festhält. Allerdings wird zumindest indirekt deutlich, dass Kirchinger es doch eher für wahrscheinlich hält, dass im Zuge der weitergehenden Modernisierung der Tierhaltung die durch Individualnamen (mit)definierte Tieridentität verschwinden wird. In eine ähnliche Richtung prognostiziert auch Michael Reichmayr (‚Was sagen uns Kuhnamen‘), dessen diachronische Untersuchung in der ägyptischen Antike beginnt, das Ersetzen von Individualnamen durch andere Kennzeichnungsformen der Tiere etwa in Form von datenbankgestützten Registriernummern.

Unter der zusammenfassenden Überschrift ‚Benennung von Tieren in Kunst und Kultur‘ finden sich zwei thematisch allerdings recht divergierende Beiträge. Da ist zum ersten ‚Manege frei für Katja, Ramses und Pünktchen: Zur Benennung von Zirkustieren‘ (Fabian Fahlbusch und Miriam Schmidt-Jüngst), in der neben der oft bereits auf den ersten Blick erkennbaren Motivation zur Vergabe von werbewirksamen Namen für Zirkustiere weitere Aspekte der Benennung dieser ‚tierischen Stars der Manege‘ thematisiert wird. Stellvertretend für die mediävistische Perspektive auf Zoonyme untersucht Sabine Obermaier die ‚Poetik der Tiereigennamen in der deutschen Literatur des Mittelalters‘. Hier werden Eigennamen von Tieren in den mittelalterlichen Dichtungen zum Thema gemacht, wobei neben der Art der Benennung auch Motivation und Funktion dieser Zoonyme untersucht sind. Die wichtigsten Tiere der heldisch-ritterlichen Gesellschaft resp. ihrer Romane sind Pferde und in etwas schwächerem Maße auch Hunde, so dass ebenso konsequent wie lesenswert ein unter Mitarbeit von Vera Krzepek entstandenes ‚Kleines Lexikon der Tiereigennamen in der deutschen Literatur des Mittelalters angefügt ist, das neben den beiden Hauptgattungen auch noch Fabeltiere aufführt.

Dem Abschnitt ‚Benennung von Tieren in der Forschung‘ sind drei Aufsätze zugeordnet. Benjamin Joneleit (‚Zur zoonomastischen Einordnung von Namen für Forschungstiere‘) operiert mit der Idee einer eigenständigen Subklasse im Feld der Zoonyme, die er von Nutz- und Arbeitstieren als Referenzgrößen bis hin zu im Labor lebenden Versuchs-, aber auch ‚Beobachtungstieren‘ in zoologischen Einrichtungen, aber auch der freien Wildbahn definiert. "'Wenn Bert und Busstop balzen...“ Tiernamen in verhaltensbiologischer Forschung‘ (Tanja Ackermann, Silke Kipper, Horst J. Simon) befasst sich mit den Benennungen von Tieren, die im Kontext der Verhaltensforschung einer dieser speziellen Kategorien zuzuordnen sind. Die Verfasserinnen und der Verfasser spannen von einer fragebogenbasierten Überblicksdarstellung über eher individuell motiviertes Benennen bis zum Spezifikum der Benennung von Nachtigallen in der Feldbeobachtung einen interessanten Bogen, der wesentliche Aspekte dieses Feldes darstellt. Damaris Nübling, zum Herausgeberkollegium gehörend, schließt mit einer Beobachtung zur Benennung von Labortieren (‚Zwischen Nummer und Name: Zur Benennung von Versuchstieren‘) – basierend auf im Paul Ehrlich-Institut in Langen gehaltenen Ratten und Affen – mit einer eher negativen Bewertung dieses spezifischen Tier-Mensch-Verhältnisses die Untersuchung ab.

Der vorliegende Doppelband ist nicht nur aufgrund des bereits eingangs erwähnten grundsätzlichen Novitätencharakters empfehlenswert, sondern auch weil – eben nicht zuletzt über die Interdisziplinarität der Beiträge – Aspekte der Zoonymie in den Fokus gestellt werden, die ansonsten nur über eine aufwendigere Recherche zugänglich wären. Hier bieten sich fundierte Zugangsmöglichkeiten in das Feld der Zoonymie, die auch einen Quereinstieg bzw. ein peripheres Streifen des Komplexes ermöglichen. Insbesondere für die potentielle Zielgruppe der Studierenden jedoch wird die Nutzung der beiden Bände wohl vornehmlich im Bibliotheksrahmen erfolgen. Hierfür sei damit eine dringende Anschaffungsempfehlung ausgesprochen.

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