Titel
Das alte Breslau
Untertitel
Kulturgeschichte einer geistigen Metropole
Rezension

Eine spezifische Motivation sowie Kennerschaft geben anlässlich der Begutachtung von Schlesiens und Breslaus Prädisposition zur „Brückenlandschaft“ (S. 256) die Auswahl eines Autors vor, der deren ‚statische‘ Verhältnisse gleichermaßen überprüft wie bekräftigend erneuert.

Die bei einer Kulturgeschichte sich keineswegs von selbst verstehende Beschränkung auf die Gattung Literatur erklärt sich unter anderem mit seiner Intention der Zeitüberwindung, denn nur „[d]er Schrift und ihr allein ist es vorbehalten [...], Vergangenes in Gegenwart zu verwandeln“ (S. 447). Dabei gibt es thematisch eine „Konzentration auf die Frühe Neuzeit“, mit einem Schwerpunkt auf dem 17. und dem 18. „großen Gründungsjahrhundert“ (S. 376), unter Verzicht auf den „faszinierenden“ Teil des „Übergang[s]“ (S. 339). Überhaupt gestattet laut Autor „ein Schuss des Arbiträren“ „Chancen des freien Umgangs“ (S. 377). Letzterer allerdings erteilt in bestimmter Weise jeglicher ‚Reisebegleitung‘ eine Absage, „strebt fort von [der] Schauseite Breslaus, um in [seine] verborgenen Zonen vorzudringen“ (S. 68). Das Hauptaugenmerk liegt demzufolge auf dem in lesbarer Fassung vorliegenden Gedachten der Stadt.

Ein breiter Scheinwerfer richtet sich dabei auf die städtische „gelehrte Infrastruktur“ (S. 263) der Späthumanisten. Diese konnten sich bloß unter Konditionen einer „Selbstbehauptung des Geistes im Zeitalter des Konfessionalismus“ (S. 241) entfalten, welche „[g]leichwohl eine vielfach kaschierte Resistenz in der Stadt“ (S. 282) blieb. Pressionen landesherrlicher (Re)katholisierung formten demnach eine auch zur Zurückhaltung genötigte Gegenöffentlichkeit von Denkern sowie deren Kohäsion, ein Umstand, mit dem Garber „das schwer greifbare, aber eben doch vorhandene Fluidum für die literarischen Experimente in der deutschen Sprache“ (S. 282) erklärt. Daraus leitet der Autor die Alleinstellung Breslaus ab, nämlich die „im weiten alten deutschen Sprachraum“ mit nichts „vergleichbare Konstellation“ (S. 281).

Akribisch widmet sich der Verfasser einer Reihe maßgeblicher, kreativer Erträge der von ihm als solcher vorgeführten verhaltenen Subversion, die ebenso einem „nationalliterarische[n] Projekt“ dienten (S. 282).

Mit jedem Beispiel aus dem „dichte[n] intellektuellen Geflecht, das einer geistigen Metropole wie Breslau ihre Physiognomie verlieh“ (S. 444), verlegt Garber Tangenten, ‚markiert‘ er „Fluchtlinien“ (S. 579), die wahr- und aufgenommen werden wollen. Bei seinen thematischen Gruppierungen in chronologischer Abfolge ist sein Appell unverkennbar, es ist ihm gleich zu tun, ebenso ein- und auszugehen in seiner Domäne, den Zentren „des verschriftlichten Wortes“, den Bibliotheken und Archiven (S. 178). Und – nur – dergestalt, im fortgesetzten Durchspielen der hier präsentierten geistigen Gehalte gelingt doch, hierin möchte man dem Verfasser widersprechen, „die Konsequenzen einer verspielten Geschichte zu revidieren.“ (S. 446 f.) Auf letztere kommt er, nach einem voluminösen Anmerkungsteil, in einem Epilog und Nachwort zu sprechen; zuvor verleiht Garber seiner Abbitte Ausdruck, dass gerechterweise Bestände aus Schlesien „der Nationalbibliothek in Warschau wieder einen gediegenen Fundus an Altdrucken [...]verschaff[t]“ (S. 378) haben.

Garbers „‚panegyrische[r]‘ Vorwurf“ (S. 7) gilt nicht nur Breslau, sondern dem, „wie viel historische Substanz der Anschauung und somit der Erinnerung zurückgewonnen werden konnte“ (S. 445), den Maßnahmen zu einer „Rettung“, „d[ie] allen Verantwortlichen auf immer zu Ehren gereichen wird“ (S. 446). Eine polnische Restaurierungsleistung wird hier gelobt, die nach der fundamentalen Zerstörung Breslaus in den letzten Kriegstagen von 1945 notwendig war, heißt es doch zu Beginn vorliegenden Buches: „Ein nicht allenthalben erschreckt innehaltender Gang ist auch in Breslau nicht mehr möglich.“ (S. 40) Die so angesprochene Gemeinsamkeit von Polen und Deutschen in der Konfrontation mit Kriegsschäden führt zur Entgrenzung des Raums, so wie es auch jenen, die analog dem Autor verfahren, vergönnt ist, die Zeit imaginär aufzuheben: „Und schaut der Bibliotheksreisende dann von der alten Kaiserbrücke auf die Silhouette der Stadt selbst [...], so mochte es für einen Moment scheinen, als sei sie der Zerstörung entgangen“ (S. 445).

Bis zum oftmaligen Gebrauch eines archaisierenden und gehobenen Stils hinein möchte Garber, dass auch „fürderhin“ (S. 59) der in Breslau heimische „intensive Austausch statt [hat]“ (S. 66).

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