Titel
Praktizierte Germanistik
Untertitel
Die Berichte des Seminars für deutsche Philologie der Universität Graz 1873–1918
Rezension

Während wir über die großen Linien der Entwicklung des Universitätsfaches Germanistik seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts heute gut unterrichtet sind, wissen wir über den Alltag der germanistischen Seminare im „langen 19. Jahrhundert“ noch immer recht wenig. „Was wurde in germanistischen Seminaren zwischen 1870 und 1918 unterrichtet? Wie waren die Seminare, im Unterschied zu den Vorlesungen, konzipiert, wie wurde in ihnen gearbeitet, welche Themen wurden für Hausarbeiten vergeben, wie wurden diese Arbeiten beurteilt?“ (S. 7). Diese Fragen können nun am Beispiel der „Berichte des Seminars für deutsche Philologie der Universität Graz“ genauer in den Blick genommen werden. Mit diesen Berichten haben die Direktoren des Grazer Seminars zwischen 1873 und 1918 Semester für Semester dem österreichischen Ministerium für Cultus und Unterricht Auskunft über ihre Tätigkeit gegeben. Bis auf drei Semesterberichte sind sie vollständig erhalten geblieben. Die Seminarberichte enthalten Hinweise zu den abgehaltenen Lehrveranstaltungen, zur Teilnehmerzahl und eine Einschätzung der Professoren zum Lehrerfolg, etwa für das Sommersemester 1909 in einer Veranstaltung zu „Anzensgruber‘s Erzählungen“ vom Seminarvorstand Prof. Bernhard Seuffert: „Trotz grossen Eifers konnten die Studierenden [!] eine gewisse Schwerfälligkeit beim Nachspüren nach dem Gedankengang und den wechselnden Absichten des schaffenden Dichters nicht ganz überwinden“ (S. 142). Im Bericht zum Wintersemester 1901/02 heißt es: „Während des Wintersemesters wurde in der älteren Abteilung [bei Hofrat Prof. Anton Schönbach] der Parzival Wolfram’s von Eschenbach interpretiert, und zwar Stellen aus dem 3, 6, 9, 10 Buch. Die Theilnahme war recht eifrig, zum ersten Mal interpretierte eine Dame, und zwar mit sehr gutem Erfolge“ (S. 143). Dann werden die angefertigten schriftlichen Arbeiten kommentiert, mal mehr, mal weniger wohlwollend, etwa (Sommersemester 1902): „1.) P. Engelbert Olbert, Dietrich und Hildebrand in der Heldendichtung. Die Arbeit steckt voll guter und feiner Beobachtungen, sie ist nur mangelhaft disponiert und nicht gerade gut geschrieben“ oder „3.) Michael Laurin, Der Reiher (Koloczaer Codex S. 129-141). Die Arbeit ist ganz unbrauchbar“; in der neueren Abteilung zum Beispiel: „2.) Otto Rommel, Charakteri­stik des Wiener Musenalmanchs 1777-1779. Der weitläufige Stoff ist in gut gewählten Gruppen dem Inhalt nach gegliedert, wenn auch Einzelnes noch verschoben werden kann. Es ist mit Erfolg versucht, die älteren und neueren Richtungen abzuscheiden, an die zeitgenös­sischen Stilarten sie anzuknüpfen. Die Arbeit ist sehr fleissig und recht geschickt. (S. 147)“ Der feuilletonistische Stil endet – leider – 1911 mit dem Tod Schönbachs. Gern würde man die Arbeit Johann Lipnickis lesen, die Hinweise auf interessante Sprachkontaktphänomene verspricht: „Johann Lipnicki vergleicht beide Fassungen von Schillers Fiesko mit sehr viel Fleiss, doch unmethodisch, Polonismen entstellen die Sprache“ (S. 181). Die Fortschritte auch der schwächeren Studenten werden mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen beobachtet: „Michael Laurin: Charakteristik Rennewarts in Wolframs Willehalm. Die Arbeit ist mit Fleiß und gutem Wissen, aber einer gewissen Unbehilflichkeit durchgeführt. Im deutschen Aus­druck hat der Verfasser Fortschritte gemacht, doch erübrigen noch Verstöße“ (S. 149, zum Wintersemester 1903/04). Und schließlich: „stud. Michael Laurin behandelt die Frage nach dem Entstehen des Ezzoleiches. Der Verfasser hat sich mit vieler Mühe eine Übersicht der weitläufigen Litteratur verschafft, berichtet ganz korrekt über sie, ordnet seine Darstellung sachgemäß und urteilt ziemlich nüchtern und verständig; nur sein deutscher Ausdruck leidet noch an bedenklichen Schwächen“ (S. 154, zum Wintersemester 1904/05). Sehr gut ge­lungene Arbeiten wie die Otto Rommels wurden prämiert und in diesem Fall mit 50 Kronen vergolten. Die prämierten Arbeiten haben sich ebenfalls erhalten. Die Grazer Seminarberichte – und die gesammelten Hausarbeiten – ermöglichen einzigartige Einblicke in das Innenleben eines germanistischen Seminars im akademischen Alltag.

Die Edition der Seminarberichte, die dankenswerterweise buchstabengetreu erfolgt, bildet den Hauptteil des Bandes. Vorangestellt wird eine knappe Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Einrichtung „Seminar“ und eine kurze Skizze der Grazer Seminar- und Lehrstuhlge­schichte, vor deren Hintergrund die Seminarberichte verfasst wurden. Ein „Verzeichnis der in den Semesterberichten erwähnten Studierenden“ schließt den Band ab. Unter den Genannten findet sich etwa auch der spätere Literaturhistoriker Adolf Hauffen aus Laibach/Ljubljana, der 1886 in Graz bei Schönbach promoviert wurde und 1919 Ordinarius an der Deutschen Uni­versität in Prag wurde. Eine Seminararbeit schrieb er im Wintersemester 1884/85 über „Bürger’s Nachtfeier der Venus“, dazu Seuffert: „Eine fleißige und ergebnißreiche arbeit über das von Bürger oft umgearbeitete gedicht, worin die stilistischen eigentümlichkeiten seiner verschiedenden entwicklungsperioden untersucht werden und eine eingehende vergleichung des gedichtes mit der lateinischen und französischen vorlage angestellt wird. einzelne mängel im ausdruck und darstellung abgerechnet, ist die arbeit als eine recht gute zu bezeichnen“ (S. 94). Das galt als Lob und die Arbeit sollte prämiert werden, aber: „stud. A. Hauffen [sein Vater war Großhändler] bedarf in seinen vermögensverhältnissen keiner geldunterstützung und so bitten die gehorsamst unterzeichneten, den restbetrag von 30fl. wolle der bibliothek des seminars zugewendet werden, welche, wie verschiedene eingaben zeigen, notleidend ist und in diesem jahr eine buchhändlerschuld in höhe einer halben jahressubvention mit herüber­gebracht hat“ (S. 95).

Die Edition ist ohne Zweifel wissenschafts- und sozialgeschichtlich aufschlussreich und verdienstvoll, Seufferts und Schönbachs Texte zudem über weite Strecken durchaus vergnüg­lich zu lesen.

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