Titel
Habsburgs schmutziger Krieg
Untertitel
Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914 - 1918
Rezension

Der Titel des Gemeinschaftswerks signalisiert, dass die – ethische – Legitimität zur Regierungsausübung der Herrschaftsdynastie der Habsburger diskutiert wird. Und es entspricht ganz dem argumentativen Verfahren, der ‚Handschrift‘ der Werkstatt des üblichen Duos Leidinger-Moritz (den weitaus größten Teil bestreitet Hannes Leidinger), dies nicht nur ‚entlang‘ der Quellenbelege, vielmehr ‚mit‘ ihnen zu präsentieren. Angegangen wird dabei der gar bis heute währende Ruf, das „‚kaiserliche Österreich‘“ sei „Ausdruck des ‚Anstands‘ und der ‚Ehrenhaftigkeit‘“ (S. 232) gewesen. Demgemäß gab es zwar den Anspruch, im Gegensatz zu den Serben (so der Text des k.u.k. 5. Armeekommandos) nicht einen „‚schmutzigen Krieg‘“ führen, somit „die Zugehörigkeit zur Europäischen Kultur“ (S. 73) wahren zu wollen; ein Vorsatz allerdings, der gründlich verfehlt wurde. Es ist dabei der jeweilige Reflex, die „‚dem Staate und der Armee drohenden grossen Gefahr mit drastischen Mitteln zu begegnen‘“ (S. 86), welche permanent als Legitimation für die moralischen Defekte fungierte. Die Armeeführung sah sich dabei mit einer, laut der instruktiven Darstellung des Autorenteams, sowohl multiplen wie ubiquitären ‚Gefahr‘ konfrontiert, wohlgemerkt eine, die sie schließlich auch selbst provozierte, ja produzierte.

Faktengestützt dicht wird hier belegt, wie einerseits die Ungewissheit, ja Rätselhaftigkeit der Effektivität der anzuwendenden Mittel wie auch der Mangel vorhandener Möglichkeiten diesen ‚Gefahren‘ zu begegnen, zur ‚Eskalation der Gewalt‘ führten. So sah sich das Kommando mit der Unverlässlichkeit des Vorwurfs „‚der politischen Unverlässlichkeit‘“ (bei Polen und Ruthenen; S. 89), Verwicklungen mit „innerserbischen Auseinandersetzungen“, „Rivalitäten zunehmend bürgerkriegsähnliche[r] Konfrontationen“ (S. 165) ausgesetzt; noch dazu „‚der Landessprache ganz und gar nicht mächtig‘“ (S.104). Entfaltet wird hier der bei der Führung verbreitete völlige Verlust der Übersicht, eine Desorientierung durch bzw. mit der „vielfache[n] Gleichsetzung von Häftlingen und Internierten, Kriegsgefangenen und zivilen Feindstaatenausländern, Zwangsevakuierten, Deportierten, Vertriebenen und ‚Entwurzelten‘“ (S. 114). Im Resultat „(war) das Vertrauen in die Behörden irreparabel zerstört“ (S. 124), die eigentlich Anvertrauten sahen sich „‚von Hinterlandshelden verdächtigt, schikaniert und bespöttelt‘“ (S. 140). Zu viele wurden „‚mit allen ihren Sympathien auf der Seite des Feindes‘“ (S. 91) gesehen, was bei den Befehlshabern zu „vereinfachenden Freund-Feind-Schemata“ (S. 166) sowie „einem Klima weitverbreiteter Paranoia“ (S. 157) führte. – Separiert in Misstrauende und Misstraute, entledigte sich die Staatsführung sukzessive ihrer eigenen (loyalen) Bürgerschaft: gleich einem multiplen Staatsorganversagen.

Bei der Auflistung derartiger Kompetenzmängel ist man doch versucht, diese in jenem Fall ihr Gutes haben zu lassen, wo sie die „‚Umsetzung einer geordneten, gewissermaßen nachhaltigen Ausbeutung des Landes‘“ (Zentralpolen; S. 173), gar eine „koloniale oder imperiale Politik“ (S. 187) kraft schierer Unmöglichkeit verhindert haben (W. Dornik).

Wie nicht zuletzt die Behandlung der in Gewahrsam der k. (u.) k. Truppen befindlichen Feindsoldaten mit entsprechend letalem Ausgang zeigt (V. Moritz), kann in diesem Fall die Führung unter anderem als geistig ihrer militärischen Norm entsprechende Rechtsbrecherin, sowohl zivilen wie (internationalen) militärischen Rechts, charakterisiert werden. – So besehen, bot der ‚Große Krieg‘, zumal jener der k.(u.)k. Armee, einen großangelegten Exerzierplatz für einen nächsten.

Die Führungskräfte Österreich-Ungarns hatten sich mithilfe einer Politik der Kalmierung von Konflikten, mit Ausnahme des Balkans, auf den Friedensstand verlegt; ausgelegt auf Krieg, war die Doppelmonarchie in ihr krasses und grassierendes kakophonisches Stadium getreten.

Die Skizze Karin Mosers über das bisherige österreichische ‚Film- und Fernsehschaffen‘ zum Ersten Weltkrieg, seinem bevorzugt verklärenden ‚Visuellen Erinnern‘, kann mit vorliegender Klärung eine wesentliche Entscheidungshilfe zur Beantwortung folgender Frage abgeben: Hat eine so mit Übermacht ausgestattete Dynastie wie die der Habsburger ihre ‚Völker‘ dermaßen überfordern, und dabei selbst derart überfordert sein dürfen? Es entspricht der Qualität dieser Teamarbeit, dass sie die Antwort darauf der Leserschaft anheim stellt.

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