Titel
Das Dollfuss/Schuschnigg-Regime 1933 - 1938
Untertitel
Vermessung eines Forschungsfeldes
Rezension

In vermessen(d)er Weise für Österreichs autoritative wie diktatorische Phase den deutschen Nationalsozialismus, womöglich gar als Import, für einzig relevant zu halten, wäre einfach und bequem. Denn was die offiziell als ‚Ständestaat‘, inoffiziell ‚Systemzeit‘, von der Geschichtsschreibung oft als ‚Austrofaschismus‘ titulierte Ära charakterisiert, ist durchaus vornehmlich hauseigen.

Der vorliegende, nach Themenfeldern gegliederte, bibliographisch komplettierte Forschungsbericht zeigt die bereits erreichte Plateauhöhe der Erkenntnisse über den Austrofaschismus an, meint aber „unbefangener als noch vor zwanzig Jahren“ (S. 7) neue Gipfel erklimmen zu können. ‚Befangenheiten‘ bei Erstbesteigungen könnte der Umstand sein, dass die aktuelle ‚Österreichische Volkspartei‘ (ÖVP) sich traditionell ostentativ nicht als Nachfolgeorganisation der für den Ständestaat nicht gerade wenig verantwortlichen ‚Christlichsozialen Partei‘ versteht; signifikant „fehlen größtenteils Forschungen zur Umsetzung der ständestaatlichen Verfassung auf [‚christlich-sozial‘ dominierter] Landesebene“ (S. 425). Mangelnder politischer Förderungswille wäre auch bei der „im Zusammenhang mit dem Faschismus der Zwischenkriegszeit peinliche[n] Rolle der neoliberalen Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ (S. 251) zu verorten, in deren Fußstapfen die ständestaatliche Wirtschaftspolitik riskanter Weise mit sozial äußerst schwierig zu verkraftender Härte regierte.

Mit Absicht bieten einzelnen Beiträge zugleich auch eine Mängelliste, thematisch besonders begründete Forschungstangenten, die zur Weiterführung anspornen: Dies sind die noch zu ergänzende ‚Parteigeschichte‘; die wichtige ‚Wirtschafts- und Interessenpolitik‘, der ‚Androzentrismus in der Geschichtsschreibung‘, der bislang die eminente Rolle von Frauen bei der „Stärkung des Nationalsozialismus“ und „Unterminierung des Ständestaates“ (S. 369) übersah; die erodierende und stabilisierende Kräfte in der ‚Rechts- und Verwaltungsgeschichte‘ harren ebenfalls weiterer Erhellung; die Relevanz der nun auch alltagsgeschichtlich orientierten ‚Militärgeschichte‘ ist angesichts der Verästelungen der militarisierten Gesellschaft(en) in Österreichs Erster Republik besonders gegeben; die unmittelbar mit der Eigenverantwortlichkeit verquickte Frage nach der Dimension der Außensteuerung des Kleinstaates Österreich enthält der Abschnitt ‚Außenpolitik‘.

Eine Sonderrolle kommt der katholischen Kirche zu. Das Kapitel ‚Das katholische Milieu‘ empfiehlt, den Komplex zu entwirren, indem zuallererst zwischen ‚katholischer Kirche‘, ‚Katholizismus‘, ‚politischem‘ sowie ‚parteipolitischem‘ Katholizismus‘ und ‚Christlichsozialer Partei‘ differenziert wird (S. 159 f.). Es ist die Gefolgschaft nicht weniger Gläubiger in den Verlautbarungen der obersten Kirchenleitung (Papst, Episkopat), mit ihren Proklamationen der „Unvereinbarkeit des katholischen Glaubens mit jeglicher Variante des Sozialismus“ (S. 173), die die gesellschaftliche Polarisierung unterstützte, ja vorantrieb.

Bestehende Unbestimmtheiten bisheriger Untersuchungen liegen zum guten Teil im Gegenstand selbst begründet: So hätten die ‚rechten Wehrformationen‘ „nur vage Zukunftsvisionen“ (S.5 03) gehabt, „[i]deologisch […] vage und zerrissen“ (S. 504), und über die für Sicherheit zuständigen Institutionen heißt es: „Die Mehrheit der Offiziere sowohl der Polizei wie der Armee verstanden sich in der k.u.k. Tradition als elitäre, über Zweifel erhabene Kaste von Dienern einer Nation, die ihrerseits letztlich vage blieb.“ (S. 533 f.)

In banger Ahnung wird hier auch der „chronische Ressourcenmangel“ (S. 441) beklagt sowie „dass die derzeitige Forschungspolitik nur unzureichend gerüstet sei, diese Forschungsziele, mit denen ein Team von HistorikerInnen für Jahrzehnte ausgelastet wäre, erfüllen zu können“ (S. 425).

Gesetzt, Forschungslücken werden geschlossen, könnten bisher nicht ins Blickfeld geratene Kontinuitäten entdeckt werden, die mehr mit einem Österreich, weniger aber mit einem ‚Ostmark‘-Österreich zu tun haben, das als dessen Teil im Dritten Reich oft zu sehr verschwindet. – Gut denkbar, dass dies so manchen neu, womöglich auch nicht so recht wäre. Vorliegender Band bietet hierfür eine verlockende Fundierung.

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