Titel
Post-Panslavismus
Untertitel
Slavizität, slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert
Rezension

Ein gemischtnationales interdisziplinäres Projektteam (Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas der Universität Leipzig) hat seine Ergebnisse vorgelegt. Das Kollektiv sieht es als begründet an, Belange der Slavophonen ‚an sich‘ zu behandeln, und diese nicht  in ihrer Vereinzelung zu belassen (so sind 14 % der EU-Bürgerschaft slavophon; mit elf Staaten bilden sie in Europa eine relative Majorität; S. 19).

Der titelgebende ‚Post-Panslavismus‘ meint die Abgrenzung zur Form einer Slavizität des 19. Jahrhunderts;eine nun vorgängige und ausbaufähige diskursive Kooperation auf Basis von Gemeinsamkeiten des Slaventums; ‚Materialismus‘, ‚Heroismus‘ zu überwinden, nachwirkende Erfahrungen (Faschismus, Kommunismus) in geteilter Weise zu verwinden (vgl. S. 11).

Das Kapitel ‚Ideologien‘ erweist auch gleich äußere Kriegsbedrohungen (Jugoslawien, Sowjetunion) als Motiv für Einigungsbewegungen des ‚Slavischen‘, deren Konjunkturen mit Friedensordnungen abflauen; gleichermaßen verebbt der Austausch aufgrund von Ängsten, vom jeweils anderen dominiert zu werden. – Das auf den pionierartigen gemeinslavischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts in Böhmen aufbauende Projekt in der Zwischenkriegszeit in der ČSR, nämlich erhebliche Ähnlichkeiten des Tschechischen wie Slowakischen zu einer Gemeinsprache zu erheben, scheitert. Generell fördert die Rivalität um das ‚eigene‘, wahre‘ Slaventum Spaltungstendenzen (etwa Polen und die Sowjetunion als ‚slavischer Staat‘, S. 95).

Das Kapitel über ‚Identitätskonzepte‘ sieht die Verwendung des Begriffs vom ‚Slavischen‘ sowie des ‚Ostens‘ innerhalb der deutschen Berichterstattung als „inhaltlich leer“ (S. 177). Abhilfe bei derartig blinden Flecken bietet der Problemaufriss von Susanne Spahn: ‚Warum die ostslavische Gemeinschaft der Russen, Belarussen und Ukrainer gescheitert ist‘. Auch die anderen Beiträge bewegen sich am Pulsschlag aktueller Ereignisse.Diese erscheinen weniger als Folge der Wiederkehr alter Problemlagen, sondern zeigen, wie viel an Interessen der benachbarten slavischen Staaten noch aufeinander abgestimmt, ausverhandelt werden müssten.

Wie das Kapitel ‚Mythologeme‘ zeigt, sind auch die Mythen dabei, modulartig umcodiert zu werden (Serbien, Makedonien). Rüdiger Ritter beschreibt, was das Team insgesamt sich als Muster wünscht: Er kann mit einem gelungenen Beispiel einer alle Teile inkludierenden ‚Konstruktion nationaler Musikkulturen Polens, Litauens und Weißrusslands‘ aufwarten; allerdings begünstigt durch die in diesem Fall seit dem Mittelalter bestehende „Grenz- und Mischbevölkerung“ (S. 345) der ‚Republik Polen-Litauen‘. Die gemeinsame Musikkultur ergibt wohlweislich „ein Mosaik und nicht […] ein Amalgam“ (S. 359); soll offenbar heißen: aus identifizierbaren, ‚distinkten‘ kulturellen Elementen.

Das Kapitel ‚Perzeptionen‘ behandelt Freund- und Feindbilder. Erstere bevölkern in einer, trotz zeitweiliger Interessensgegensätze, offenbar ausgemachten Weise Griechen und Serben. Der in seiner Existenz vorzugsweise imaginierte und bekämpfte ‚Panslavismus als Sammelbewegung erzeugte manifest eine Sammelbewegung gegen ihn, insbesondere bei Ungarn, Italienern, Griechen, Deutschen: eine „transnationale Integrationsressource bei Nicht-Slaven“ (S. 425). Animosität der slavischen ‚Gegenseite‘ beinhaltete auch der Topos vom ‚Drang nach Osten‘; wie umgekehrt in den USA die Osteuropahistorie von Politikern und Diplomaten auch als „‘way to know the enemy‘“ (S. 24) angesehen wurde. – Es sind schon überraschende, neue Einsichten die hier geboten werden, wie jene: „[…] der slavische Vektor (spielt nunmehr) im russischen Selbstbild eine genauso geringe Rolle wie der westliche. Das liegt vor allem an der Politik der slavischen Staaten selbst, die sich für eine euroatlantische Orientierung entschieden haben.“ (S. 135)

Vorliegender Band füllt Lücken in Kenntnissen um ‚verflochtene Erinnerungen‘(Stefan Troebst), sich aktuell verflechtende Wahrnehmungen und Beziehungen, und arbeitet so Ungenauigkeiten, Verflachungen in den Einschätzungen von sich derzeit relativ rapide transformierenden Problemlagen der Slavophonen entgegen. Er bietet Gelegenheit, sich genau bekannt zu machen mit Gemeinschaften, die außerhalb ihrer in den letzten Jahrzehnten vornehmlich über Schlagzeilen allzu abruptsich bekannt gemacht haben.

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