Titel
Jenseits der Planwirtschaft
Untertitel
Der Schwarzmarkt in Polen 1944 - 1989
Rezension

Man stelle sich vor: „Bürger‘ gleichermaßen wie „Vertreter der Macht“ sind gezwungen zu einem „‘Leben als ob‘“ (S. 439). Entsprechend fällt das abschließende Urteil des Autors aus sozialethischer Perspektive aus: „[…] der Schwarzmarkt (besiegelte) eine Kriminalisierung des Alltags, ein Sich-Gewöhnen an ein allgemein als legitim angesehenes Verstoßen gegen die Rechtsordnung“ (S. 443). Dennoch kann man aufgrund seiner Darstellungen den hier belegten fulminanten, kreativ sich entwickelnden Wirtschaftskompetenzen der ökonomischen Player Respekt schwerlich versagen. Denn durch Kooperation der oft diametral einander entgegengesetzten Interessen von staatlichen Wirtschaftslenkern und Gelenkten drehte sich die Lenkrichtung vielfach um. Der Ausgleich zwischen den Instanzen des Handels, offiziellen Geschäften, Zwischenbetriebs sowie des Schwarzhandels hatte in jedem Fall zur Deckung der Versorgung stattzufinden (vgl. S. 441); selbst „das Regime (fungierte) als Garant sowohl für Rationierungskarten, als auch für günstige Produkte aus staatlichen Geschäften“ (S. 444). Im „Schwarzmarkttheater (schlüpfte) [der Staat] nicht nur [in] die Rollen des Zensors und Regisseurs […], sondern je nach Situation auch in die eines Darstellers, Garderobenaufsehers oder Souffleurs“ (S. 439).

Der Autor bietet zunächst den Aufriss  einer „Universalität von Schwarzmarktphänomenen und -strategien unabhängig von Ort und Zeit“ (S. 54); für Polen lässt er die Chronologie vor dem Ersten Weltkrieg beginnen, wobei gerade der Zweite „ethische Grundsätze überdehnt und zur Verbreitung von pathologischen Verhaltensweisen bei(trägt)“ (S. 52). Bedingungen der Besatzungs- wie Nachkriegszeit mit ‚systemischer Mangelwirtschaft‘ routinierten eine ‚richtige Schwarzmarktgesellschaft‘(S.80); auf die „Impfstoffe“ der Regierung reagierten der Schwarzmarkt und seine Profiteure „behandlungsresistent“ (S. 79), auch wenn die „Repression gegen Spekulanten […] quasi stalinistische Züge (behielt)“ (S. 151). Fand die Hetze gegen Spekulanten bei den Betroffenen theoretisch Unterstützung, wurde sie in der Praxis unterlaufen, sodass selbst die ‚Parteilinie‘ gewunden zu verlaufen hatte. – Zum Schluss erlitt sie, so der Autor, eine „schmähliche Niederlage“ (S. 327) auf allen Linien.

Bevor jedoch Kochanowski besagte ‚Linien‘, es sind dies die eigentlichen, neuralgischen Güter (Fleisch, Alkohol, Benzin/Auto, Dollar/Geld) und ein symptomatischer Wirtschaftszweig (Außen-Handelstourismus), im Detail abhandelt, bietet er gesondert eine ‚(historische) Geografie des Schwarzmarktes‘; gemeint sind, noch aus der Teilungszeit herrührendeWirtschaftspezifika von Zentrum/Peripherie sowie Bergland/Küste.

Die Deckung des Fleischbedarfs entschied selbst über Gedeih und Verderb der Planer; Fleisch geriet zum Handelsgut ‚an sich‘, schuf eine regelrechte „Fleischpsychose“ (S. 260), ein „Minenfeld“ (S. 259) der Kontrahenten; das Regime hing an Fleischfasern: ‚matka polska‘ als ‚Fleischweib‘ (S. 247).

Alltagspraktisch kam es dennoch zur Realisierung ‚sozialistischer‘ Ziele; wenn das ‚Fleischweib‘, Bank- und Tankstellenangestellte (S. 330) eine bislang ungeahnte Statuserhöhung erfuhren; eine ‚Allianz zwischen Bauern und Arbeitern geschmiedet‘ (S. 319) wurde. Geradezu als ideal ‚sozialistisch‘ kann es anmuten, wenn der Autor resümiert: „es (kam) zu einer regen Privatisierung des staatlichen Gutes von unten, jedoch ohne Eigentumsübertragung“ (S. 440).

Symptomatisch ist die Reaktion polnischer Händler, die Bedarfsdeckung im sozialistischen wie westlichen Ausland vorzunehmen; aufgrund ihrer Tüchtigkeit galt Polen „als ‚China‘ des sozialistischen Lagers“ (S. 422). Derartig tüchtig, dass es gegen diesen ‚polnischen Bazillus‘ (S. 416) „Massenpropagandakampagnen“ (S. 434) in sozialistischen ‚Bruderländern‘ gab.

Kochanowski: „die Gesellschaft (löste) selbständig viele Probleme, die eigentlich im Kompetenzbereich des Staates lagen, von ihm jedoch unterstützt wurden“ (S. 439). Würde heißen, die Bürgerinnen und Bürger versorgten sich selbst sowie ein Regime, das sich ideologisch die ‚Befriedigung der eigenen Bürger‘ arrogiert hatte (vgl. S. 393).

Mehrheitlich interpretierten die Polen den Staat von 1944 bis 1989 so, als wäre er ihnen umgehängt worden. Der Band führt vor, wie sie diese ‚Umhängung‘, den ‚Eisernen Vorhang‘ umgingen, für sich nutzten, zum Schwinden brachten. Deren ‚Solidarność kann demnach auch vor dem Hintergrund ihrer sukzessiv entwickelten Wirtschaftskompetenz gesehen werden.

Zurück