Titel
Aktuelle Tendenzen der Artusforschung
Rezension

Was die breitere Rezeption des Mittelalters angeht, gehört der Motivkreis um den britannischen König Artus zu den wohl am besten bekannten Überlieferungen aus dieser Epoche. Dem wissenschaftlicheren Interesse an dieser literarisch-mythologischen Gestalt war die Gründung einer internationalen Artusgesellschaft geschuldet, die nach eher angloamerikanisch geprägten Anfängen durch die Gründung einer deutschsprachigen Sektion erweitert wurde. Die vorliegende Publikation „Aktuelle Tendenzen der Artusforschung“ stellt Beiträge deutscher, österreichischer sowie niederländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, die auf dem 23. Internationalen Artuskongress in Bristol im Juli 2011 gehalten worden waren.

Der Kreis der Beitragenden bezieht sowohl etablierte Forscherinnen und Forschern als auch die nachwachsende Generation mit ein, womit das Bemühen um ein breiteres Spektrum als bei vergleichbaren Publikationen erkennbar ist. Allerdings sind damit auch Brüche durchaus qualitativer Art verbunden, die nicht immer überbrückt werden können. Bereits die Unterteilung in sechs Themenblöcke erscheint mir, auch wenn damit vermutlich die Präsentation im Rahmen des Kongresses widergespiegelt wird, allein auf Grund unterschiedlicher Umfänge nicht ganz einsichtig. Diese Oberthemen sind: „Erzähltechnik“, „Zeichen“, „Atmosphäre“, „Spiritualität“, „Sozioethik“` sowie „Gender“. Die Unterteilung in die beiden letzten Punkte ist nicht recht nachvollziehbar, zumal von den Beiträgen her der eine oder andere durchaus auch in die jeweils andere Kategorie passen könnte, womit ein Hauptkapitel ausreichend wäre. Ähnliches gilt für die Aufspaltung in die zwei separaten Blöcke „Atmosphäre“ und „Spiritualität“; hier ist eine wirkliche Unterscheidung kaum mehr gegeben. Was die Rezipierbarkeit angeht, kann dieser Textsammlung Eingängigkeit konstatiert werden, die Texte lesen sich tendenziell unkompliziert, womit die in der Einleitung eingeforderte „Frische“ der Publikation durchaus gegeben scheint.

Die insgesamt sechsundzwanzig Beiträge, von denen die Mehrheit, nämlich fünfzehn, von Autorinnen stammt, zeichnen sich, nicht zuletzt wegen der sechs - thematisch wie oben erwähnt meines Erachtens doch eher vier - Großkomplexe, durch eine große thematische Breite aus. Es gibt allerdings in Aufbau wie Inhalt qualitative Unterschiede zu beobachten, was bisweilen irritierend wirkt. Die insgesamt positive Tendenz soll allerdings nicht in Abrede gestellt werden, und so ist es angesichts dieser Umstände sowie der angesprochenen Breite des Beitragsspektrums schwer, eine jedem Artikel adäquate Wertung zu treffen. Aus diesem Grunde - und natürlich auch aus persönlichen Interessen des Rezensenten heraus - sollen daher lediglich einige Beiträge quasi exemplarisch herausgehoben sein, womit jedoch keine explizite Abwertung der nicht erwähnten Artikel verbunden sein soll!

Lesenswert erscheint, um mit der „Erzähltechnik“ zu beginnen, der Beitrag „Die Kunst der Intrige“, den Claudia Lauer als Basis für die Vorstellung von Kernthesen eines größeren Projekts ansieht bzw. als solche deklariert. Hier wird auf geschickte Weise das „Innen“ und das „Außen“ des Spiels der Intrige anhand je drei exemplarischer männlicher wie weiblicher Perspektiven diskutiert bzw. in einen sowohl literarisch-produktiven sowie einen rezeptionsorientiert-passiven Kontext gestellt. Geschickt und einleuchtend argumentiert die Autorin hinsichtlich der unterschiedlichen Stränge und der Anwendungsorientiertheit von Intrigen, die dann in den „Das mære von König Artus“ überschriebenen „poetologischen Perspektiven“ sowohl den bzw. die Verfasser der mittelalterlichen Romane als auch das seinerzeit intendierte, in vorliegendem Beitrag jedoch in einen unendlichen Rezeptionskontext erweiterten Publikumskreis.

Um den „Zeichen“ Raum zu geben, sei auf den recht unterhaltsamen Beitrag Nina Hables „Die Tjost. Zeichen der Gewalt - Macht der Zeichen“ verwiesen. Die Verfasserin untersucht auf dem „Wigalois“ basierend die ritterliche Kampfausstattung auch im Kontext anderer Artus-Romane und erweitert das Spektrum dankenswerterweise auch in außerliterarische Kontexte, in denen eben diese „Zeichen“ ihren „Sitz im Leben“ hatten, womit vermutlich auch das eher historisch ausgerichtete Interesse eines breiteren Publikums Berücksichtigung zu finden vermag.

Unter dem Schwerpunkt „Atmosphäre“ firmiert der knappe Beitrag Friedrich Wolfzettels, der das Phänomen Tag und Nacht oder der Entdeckung einer neuen „atmosphärischen Sensibilität“ thematisiert (vermutlich in erster Linie aufgrund der frankophonen Quellentextbasis in Französisch abgefasst - ein guter Grund, sich wieder einmal der französischen (Wissenschafts-)Sprache anzunähern).

Lesenswert erscheint mir auch der Beitrag Michael Gersteneckers, „Namengewalt“, der sich in gelungener Weise mit der literarisch-soziologischen Bedeutung von Eigennamen in den Artusromanen bzw. der Macht, die die Kenntnis dieser Namen verleiht, befasst. Zu Recht verweist Gerstenecker in diesem Zusammenhang auf den zwar im Artusroman nicht immer stringent belegten, aber implizit vorhandenen Aspekt des Mythischen, der die Metaebene der „Namengewalt“ darstellt.

Als abschließendes Beispiel sei auf Andrea Grafetstätters „Weiblich besetzte Bildprogramme im Wigalois“ verwiesen, die anhand von Beispielen illustrierter Handschriften bzw. Drucke in einleuchtender Weise die reine Textinformation der Dichtung mit Illustrationselementen zusammenbringen und dabei in anregender Weise Mehrfachperspektivität in der mittelalterlichen Artusüberlieferung aufzeigen.

Die „Aktuellen Tendenzen der Artusforschung“ bieten also einen weitreichenden Überblick zur - literaturwissenschaftlichen - Artusforschung, der definitiv seinen Reiz hat, auch wenn - wie bereits oben angedeutet - einige defizitäre Aspekte nicht übergangen werden können. Nicht nur für „Gelegenheitsarturianer“ und „Gelegenheitsarturianerinnen“ wäre es meiner Ansicht nach sinnvoll gewesen, würde - auch wenn damit die primäre Funktion eines Tagungsbandes gesprengt worden wäre - zumindest paraphrasisch der voraktuelle Forschungsstand zu Artus dargelegt werden, von dem sich dann die aktuellen Tendenzen abheben. Für nicht permanent im Thema Stehende, und das gilt sowohl für ein breiteres Publikum, als auch für Vertreterinnen und Vertreter der Literaturwissenschaft, aber sicherlich auch für den engeren Kreis der auf Artus Spezialisierten würde sich der Gebrauchswert der vorliegenden Publikation deutlich erhöhen.

Insgesamt betrachtet bietet dieser Band bei positiver Grundstimmung letztlich einen „durchmischten“ Eindruck. Und damit sei ein weiteres Manko nicht verschwiegen: Angesichts des üppigen Preises wird der Tagungsband vermutlich kaum zum Bücher-Kernbestand von Studierenden gehören können, zumindest dann nicht, wenn ihre Interesse an der Artus-Überlieferung eher allgemeiner Natur ist; sie werden daher vermutlich eher zum ebenfalls bei de Gruyter erschienenen Band „Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters“ von Wolfgang Achnitz greifen.

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