Titel
Ingeborg Bachmann
Untertitel
Der dunkle Glanz der Freiheit. Biografie
Rezension

Ecco una artista! Tatsachen über Ingeborg Bachmann, anlässlich ihres 40. Todestages am 17. Oktober 2013

Ich führ dich hinweg zu den Stimmen (Paul Celan)

 

Über wenige Dichter/innen des 20. Jahrhunderts wurde so viel geschrieben, gemutmaßt und spekuliert wie über Ingeborg Bachmann. Manche Faktoren führten dazu – außer der Selbstinszenierung der Dichterin wohl ihr tragischer früher Tod – dass bald der ‚Mythos Bachmann’ die Tatsachen ihres Lebens und Schreibens zu überwuchern drohte. Immer wieder hat es Versuche der interpretierenden, ‚aufklärenden’ Biographik gegeben, so 1988 Peter Beicken, 1995 (zuerst 1984) die Edition text und kritik, 1999 Hans Höller. Auch Bachmanns Werk wurde eingehend untersucht – und dies nicht nur hinsichtlich der Motivgeschichte; sondern auch biographische Aspekte wurden zunehmend berücksichtigt, ohne einem billigen literaturgeschichtlichen Voyeurismus zu huldigen, auch wenn manches Briefmaterial noch der Aufarbeitung harrt.

Vierzig Jahre nach dem Tod der „Diva der Dichtkunst“ (Martin Walser) unternahm Andrea Stoll (die bereits 1992 über den Roman Malina eine Monographie publizierte und 2006 einen Vortrag über die Dichterin gehalten hatte) das Wagnis, in ihrer Biographie zu einer Art Resümee zu gelangen – und zugleich mehr als das zu versuchen: nämlich die Person hinter der strahlenden Ikone, der Inszenierung von Dichtertum zu zeigen. Ihr Erzählen ist vielstimmig, wie es dieser widersprüchlichen Person entspricht – Bachmanns erste tastenden Versuche, der Kampf mit der „hundertköpfigen Hydra“, der Armut (die die Dichterin auch noch bedrohte, als sie längst bekannt und angesehen war); die verheerenden Männerbeziehungen – ob nun zu Hans Werner Henze (der homosexuell war), Paul Celan oder Max Frisch, der zu ihrer bête noir wurde. Das Scheitern dieser Beziehung belastete Ingeborg Bachmann schwer und war wohl eine Ursache für ihre schwere Alkohol- und Tablettensucht, die zum frühen Tod im Alter von 47 Jahren führte.

„Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob oder Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“

Wirklich? Möglicherweise zerbrach der zu straff gespannte Bogen der Dichterin gerade daran – an der Suche nach Wahrheit ohne Netz und doppelten Boden, d.h. ohne wirkliche Unterstützung, Ermutigung. So eine „hat nichts zu lachen“, wie Eva Demski in ihrem Text „Meine erste Dichterin“ schreibt:

„[Gedichte machen] erlaubte keine Beiläufigkeit, keinen Schritt von sich weg, keinen Hedonismus, keine Lebensschlampigkeit. Zerstreutheit schon, die schon, die schien sogar unabdingbar. Viel später erst […] hatte ich gesehen, dass sie zu den Taschentuchfallenlasserinnen gehörte, eine Spezies, die ich beneidete. Man wagte nie, sich gegen so eine Attitüde zur Wehr zu setzen, denn es ging ums Leben und seine Essenz. Dem nicht Essentiellen muss der Dichter keine Aufmerksamkeit widmen, dafür sind andere da.“

Und Demski bekennt, dass sie „nicht mehr aufgehört“ hätte, „über das dünne Seil nachzudenken, das zwischen der erhabenen Gleichgültigkeit der Welt und der Behauptung der eigenen Einzigartigkeit gespannt ist. Ganz in jener Gewissheit von der Bedeutungslosigkeit angesiedelt, kann man vielleicht Philosoph oder Immobilienmakler werden, ganz auf der anderen Seite, in der Selbstgewissheit zuhause ein Star oder eine glückliche vierfache Mutter. Auf dem verdammten dünnen Seilchen drängen sich wahrscheinlich nur die Dichter.“

 Und sie fragt sich: „Ist eine Dichterin dauerhaft vom Alltag dispensiert? Darf sie länger als höchstens ein Sonett lang glücklich sein?“ Bachmann hätte möglicherweise eine ‚schiefe’ Antwort darauf gegeben. Die Dichterin hatte sich mehrfach in die Gefahrenzone des Wahns begeben, indem sie ihn für sich, für ihre Arbeit, ihre Existenz in Anspruch nahm. „Also ich bleibe unbelehrbar“, schreibt sie am 26. Juli 1965 an Hans Werner Henze, „und ich glaube, dass wir diesen Ideen, auch wenn niemand es verlangte, treu bleiben müssen, weil man nicht leben kann, ohne den Absolutheitswahn.“Diesen Wahn hat sie für sich in Anspruch genommen, „um ihn auch da, wo er sich gegen den Menschen richtet, benennen zu können“, schreibt Ruth Schweikert in ihrer Klagenfurter Rede (zit. in volltext, Nr. 3/2003).

„Zufälle sind unberechenbar.“ „Deutsche Zufälle“, 1965 unter den Titel „Ein Ort für Zufälle“ veröffentlicht, hat Bachmann ihre Büchnerpreisrede genannt. In der Einleitung schreibt sie, seien Dinge, die sich „einer Optik und einem Gehör mitteilen, das sich diesem Zufall aussetzt, dem Nachtmahr und seiner Konsequenz.“

Die Frage bleibt, wie wir Zufälle lesen können und müssen, wenn wir nicht an Gott oder die Vorsehung glauben und einen Begriff wie Schicksal vermeiden möchten. Etwas fällt aus der Unendlichkeit der Zeit jäh auf uns herab und mutet sich uns zu.

Zufälle sind Zumutungen. In Bachmanns Texten existiert ein Bruch im Kontinuum der Zeit. Geschichten und die Empfindungen, die sie auslösen, Blicke, Geschehnisse und Gedanken werden so lange auf- und ineinander geschichtet, bis sie gleichsam auseinanderbrechen und sich, einander rettungslos fremd, neu ineinander verzahnen. „Dieses Jahr hat ihm die Knochen zerbrochen“, heißt es in Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, und der zufällige Unfall, der dem Protagonisten tatsächlich die Knochen gebrochen hat, muss wohl verstanden werden „als körperliche Manifestation eines geistig-psychischen Vorgangs. Diese Art von Zufall glauben wir zu kennen und zu verstehen“ (Schweikert). Etwas Verborgenes wird plötzlich und schmerzhaft sichtbar. „Ich ohne Schmerz. Wäre ich ohne mich“, sagt Jennifer in Bachmanns Hörspiel Der gute Gott von Manhattan. Sie wusste es und beschreibt es in ihrem Werk: Der Schmerz ist unser erster Maßstab.

 

„Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen“ (Ingeborg Bachmann)

Bachmann hat – in Anlehnung an Simone Weil – die männliche Machtposition „das große Tier“ genannt: alles, „was Macht ausübt und Macht ausgeübt hat“. Im Roman Malina wird die Spur eines männlichen Alter ego (die männliche Position bedeutet zugleich das harte Gesetz der Kunst), dem Bachmann sich als Autorin unterworfen hat, in einer einzigartigen kriminalistischen Recherche auf dem innerpsychischen Schauplatz ihres Ich verfolgen. Nach der Publikation des Romans erklärt die Autorin in einem Interview, dass sie „immer gewusst“ habe: „ich muss dieses Buch schreiben – schon sehr früh.“ In ihm stoßen wir auf das disparate Verhältnis von weiblichem Ich und männlich gedachter Autorschaft. Im Roman wird das weibliche Ich von Malina den Blick in die Vergangenheit wenden, wenn es überlegt,

„dass seine Ruhe davon herrührt, weil ich ein zu unwichtiges und bekanntes Ich für ihn bin, als hätte er mich ausgeschieden, einen Abfall, eine überflüssige Menschwerdung, als wäre ich nur aus seiner Rippe gemacht und ihm daher seit jeher entbehrlich, aber auch eine unvermeidliche dunkle Geschichte, die seine Geschichte begleitet, ergänzen will, die er aber von seiner klaren Geschichte aussondert und abgrenzt. Deswegen habe auch nur ich etwas zu klären mit ihm, und mich selber vor allem muss und kann ich nur vor ihm klären.“

Die Welt der Literatur, die Ingeborg Bachmann nun betritt, ist jenes „generationenbreite Gelände“ – so Christa Wolf im Zusammenhang ihrer Bachmann-Interpretation in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen –, in welchem „jede Frau, die sich in diesem Jahrhundert und in unserem Kulturkreis in die von männlichem Selbstverständnis geprägten Institutionen gewagt hat – ‚die Literatur’, ‚die Ästhetik’ sind solche Institutionen – den Selbstvernichtungswunsch kennenlernen musste.“

Der „Selbstvernichtungswunsch“ – Folge der Zurücksetzung der weiblichen Kulturleistung in der Menschheitsgeschichte. Der Zusammenhang war Bachmann klar:

„Die meisten Frauen brauchen eine Hoffnung, etwas, was man ihnen noch nie gesagt hat. Ich brauche es nicht, ich weiß es schon lange, nämlich, dass sie fähig sind, genau so zu denken, genau so scharf zu denken, wie die Männer. Dass sie genau so fähig sind, dass sie sogar weniger eitel sind, dass sie zu größeren Leistungen imstande sind als Männer. Dass sie kein Mitleid brauchen und zu jedem Opfer fähig sind, um etwas zu tun. Das war die Lehre, die mir Polen gegeben hat.“

Die Reise nach Polen im Mai 1973 hatte Bachmann ein lang vermisstes Identitätsgefühl wiedergegeben; sie nahm das Land intensiv, wie unter einem Brennglas wahr. Ihre Lesungen in zahlreichen polnischen Städten, vor allem aber ihre Besuche der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hinterließen einen prägenden Eindruck. Zu dieser Zeit wollte sich die Dichterin mehr denn je der Wirklichkeit stellen; sie suchte nach einer Verortung, nicht nur im geographischen, sondern auch im lebensgeschichtlichen Sinne, „denn ich bin ja eine Slawin, und Slawen sind anders“.

Im Sommer telefonierte Bachmann mit der Freundin Hilde Spiel und erzählte ihr, dass sie das verhasste Rom nunmehr verlassen wolle. Als sie im Juli mit Hans Werner Henze ihre nahe beieinanderliegenden Geburtstage feierte, merkte dieser entsetzt, dass es Bachmann „schwer fiel, einen Satz zu Ende zu sprechen oder jemandem zuzuhören“. Das Ausmaß ihrer Tablettensucht war nicht mehr zu verbergen. Sie war so schwer, dass die Dichterin keine Schmerzen mehr spürte, wenn heiße Zigarettenasche auf ihre Arme fiel. Wie schon oft vorher wurde ein Kuraufenthalt erwogen, um Bachmann von ihrer Sucht zu heilen. Geplant war eine Kur in Bad Gastein, und zwar am 27. September. Doch Bachmann bekam eine Magen-Darm-Infektion, und die Kur wurde verschoben.

In der Nacht vom 25. auf den 26. September verletzte sich Bachmann bei einem Brandunfall in ihrer römischen Wohnung schwer. Der behandelnde Arzt diagnostizierte Verbrennungen zweiten und dritten Grades. 36 Prozent der Hautoberfläche waren schwer geschädigt. Anfangs schien die Wundbehandlung Erfolge zu zeigen. In den ersten Tagen gewann Bachmann sogar für Momente das Bewusstsein wieder und konnte sprechen. Aber die behandelnden Ärzte bekamen nur ungenügende Hinweise über das Ausmaß von Bachmanns Medikamentensucht. Bachmann fiel ins Koma und erlitt Krämpfe, für die es keine Erklärung gab. Am 17. Oktober starb Bachmann an den Folgen ihrer Brandverletzung – und nicht allein an dieser.

„Dichtern wird man in der Stille gerecht, denn wenn die Deutungen veraltet und alle Erklärungen verbraucht sind, erklärt sich ihr Werk aus der unverbrauchbaren Wahrheit, der es sich verdankt“, schrieb Bachmann. Der Urgrund dieser Wahrheit ist die Schlacke des Persönlichen, des individuell geführten Lebens. Stoll ist dieser Wahrheitssuche über große Strecken hin gerecht geworden. Diese Biographie über eine der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts ist ein großer Wurf: psychologisch tiefschürfend, aber nicht psychologisierend. Einfühlsam und zugleich kritisch, ernsthaft und mit Sinn für Komik nähert sich die Autorin ihrem Thema. Sie bringt uns eine Schriftstellerin näher, die durch Kriegs- und Nachkriegsjahre geprägt war, aber auch den Glamour genoss und sich als Frau mit Erschöpfungszuständen inszenierte. Stoll gelingt es, Bachmanns Spagat zwischen Anerkennung einerseits und dem Mangel an weiblichen Vorbildern und paradigmatischen Künstlerinnenexistenzen andererseits überzeugend darzustellen. Bachmanns Überlastung, das traumatische Max-Frisch-Erlebnis, ihre seelische Zerrissenheit zwischen zwei einander ausschließenden gesellschaftlichen Rollen mündeten in Tabletten- und Alkoholsucht und in einen viel zu frühen Tod. Dafür hat die Biographin im Archiv Korrespondenzen und Arbeitsmaterial gesichtet und zudem mit Geschwistern, Freunden, Weggefährten gesprochen.

Doch es soll auch kritisiert werden: Andrea Stoll, ausgewiesene Bachmann-Kennerin, hat es nicht nötig, sich der Modewörter zu bedienen (‚cool’ u. a.), um ihr Wissen ‚rüberzubringen’. Der Titel Der dunkle Glanz der Freiheit ist raunend-verquast; wohl ein Zugeständnis an den Massengeschmack, der wohl – immer noch – eher den ‚Mythos Bachmann’ goutiert als reelle Information. Störend außerdem: besonders die zu Beginn des Textes mäandernde Art der Annäherung ans Thema. Zu viel auf einmal wollte die Autorin sagen. Diese Unart schwächt sich ab, von Kapitel zu Kapitel, so dass ihr Schreiben immer überzeugender wird und der Leser zunehmend in den Sog einer paradigmatischen weiblichen Biographie des 20. Jahrhunderts gerät.

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