Titel
Hatschepsut
Rezension

Der Historiker Peter Nadig zeichnet im ersten Band der Reihe „Gestalten der Antike“, die der Verlag Philipp von Zabern heraugibt, das Leben der bekannten ägyptischen Herrscherin in einer historisch fundierten Biographie nach.

Zugleich überraschend und stilistisch gelungen ist die vorangestellte Einleitung in den „Mythos von der göttlichen Geburt“, die an „einen historischen Liebesroman“ (S. 16) denken lässt. Schnell verlässt Nadig diesen spannenden Erzählstil, der die mythische Legitimation für Hatschepsuts Herrschaft im Gottkönigtum auf Erden darstellt. Er schildert daraufhin gut verständlich und umfassend einen Teil des Bilderzyklus des Tempels von Deir el-Bahari, welcher das männliche Amt des Pharaos auf die weibliche Herrscherin projiziert.

Die nachfolgende Einführung stellt eine historische Auseinandersetzung mit dem ägyptischen Königtum und dessen Konstitution dar, sowie eine Schilderung der Vorgänger von Hatschepsut. Der Autor spricht hier zwar die unübersichtlichen Verhältnisse am Hofe zur Zeit der Tutmosiden an, dennoch lässt er sich nicht auf Spekulationen um die damaligen Beziehungsgeflechte ein. Stattdessen arbeitet er fehlerhafte Überlieferungen ab und begründet damit das Thema, welches „eines der medienwirksamsten der ägyptischen Geschichte“ (S. 47) ist.

Ebenfalls in den groß gefassten „Stationen in Hatschepsuts Leben“ verliert Nadig sich nicht in überflüssigen Gedankenspielen. Geschildert wird in diesem Kapitel die Entwicklung von Hatschepsuts Jugend, über die Krönung bis zum Ende ihrer Herrschaft. Das Kapitel kann grob in fünf Abschnitte aufgeteilt werden, welche die geschichtliche Aufarbeitung und politische Mythisierung und Legitimation abwechselnd darstellen. Der erste (S. 67-81) beinhaltet eine der Quellenlage geschuldete kurze Darstellung ihrer Zeit vor Regierungsantritt, dessen Historizität deshalb für den Leser teilweise fraglich bleiben muss. Zum zweiten (S. 82-91) die Fortführung des Eingangs dargestellten Mythos, der an dieser Stelle die mythische Perspektive ihrer Jugend bis zur Übergabe der Königswürde durch ihren Vater Thutmosis I. enthält. In einem dritten Teil (S. 91-110) geht der Autor auf 13 Einzelporträts ihrer Zeitgenossen ein. Nach einem historischen Blick auf Hatschepsuts Regierungszeit, ihr Handeln als Pharao, und die „Expedition nach Punt“, wird in diesem vierten Abschnitt (S. 110-141) das politische Programm geschildert. Der fünfte Bereich (S. 142-158) geht schließlich noch kurz auf die Rolle ihrer Tochter Neferure ein, auf Hatschepsuts Grabbauten, auf das Sed-Fest und auf ihr politisches Fortwirken nach Beendigung ihrer letzten Jahre. Ebenfalls hier verortet ist das etwas längere Kapitel zur Errichtung von Hatschepsuts Obelisken anlässlich ihrer Jubiläumsfeier.

Letztlich ist überdies ein Kapitel zu ihren Bauten im ganzen Land angehängt. Dieses Stück wirkt wie eine Zusammenfassung des zuvor Geschilderten aus Perspektive der Architektur. Es kann hier noch einmal deutlich werden, wo das monumentale Quellenmaterial lokal aufzufinden ist, welches Nadig zuvor immer wieder anführt. In der Zusammenfassung spekuliert er dann doch einmal: Hatschepsuts Ziel sei es gewesen, die Dynastie zu sichern und den jungen Thutmosis III. sicher und gut ausgebildet Ägypten zu überlassen. Dies ist sicher ein wahrscheinliches denn simples Erklärungsmodell. Außerdem finden sich hinten ein Anmerkungsapparat und ein hilfreiches Register zu Göttern, Personen, Orten, sowie Begriffen und Sachen.

Insgesamt bietet diese Biographie eine übersichtliche und gut recherchierte Darstellung zur historischen Gestalt der Hatschepsut. Die Herrscherin ist im Rahmen ihres historisch greifbaren Daseins, persönlich sowie politisch, soweit möglich erfasst.

Der Autor Peter Nadig ist Historiker im Bereich „Historische Geographie des antiken Mittelmeerraumes“ an der Freien Universität Berlin – einen seiner Forschungsschwerpunkte bildet das pharaonische Ägypten.

So verwundert es nicht, dass die Quellenlage sehr gut recherchiert und verständlich aufgearbeitet. Dass die verwendete Sekundärliteratur die wichtigsten Werke zur neuägyptischen Herrscherin umfasst, ist dabei selbstverständlich. Dennoch werden komplizierte Fachbegriffen nicht über die Maßen verwendet, obwohl hier und da eine Fußnote mit ausführlicher Erklärung für den interessierten Leser angebracht wäre (z. B. zum Begriff Ba auf S. 25) (gibt der Verfasser doch sehr wohl beispielsweise zur Wortherkunft und Bedeutung des Pharao (S. 45f.) eine Erläuterung ab).

Ohnehin schreibt Nadig in einem angenehm einfachen, aber doch präganten Stil, welcher den Lesefluss nicht unnötig erschwert. Deshalb ist auch die Nachvollziehbarkeit bildlicher Beschreibungen und Zusammenfassung schriftlicher Quellen geglückt. Allerdings ist es schade, dass die Bildmaterialien in schwarz-weiß gehalten sind. Das darauf Abgebildete isat in der Folge teilweise schlecht erkennbar (z. B. auf S. 157), was aufgrund der sparsamen Verwendung und detailreicher Beschreibungen wichtiger Einzelelemente aber zu verkraften ist. Geschickt bindet der Autor immer wieder Fragestellungen ein (z. B. auf S. 79 „Was war nun genau passiert?“), die durch das historische Material führen. Den Beamten „Senenmut“ betrachtet der Historiker sachlich, werden ihm und Hatschepsut doch ein Liebesverhältnis nachgesagt. Zudem gesteht er ein, dass nicht überall Licht ins Dunkel der Geschichte gebracht werden kann. Überdies macht er den fiktiven Charakter der politischen Darstellungen klar, welcher nicht immer nur Tatsachenbericht war (S. 155 und 173). Allerdings nimmt die mythische Darstellung von Hatschepsuts Handeln in der Politik Ägyptens, so auch die Expedition nach Punt, viel Platz ein. Die Wiedergabe wirkt aufgrund ihrer Art als Beschreibung teilweise langatmig. Wünschenswert bleibt, dass Nadig sich stärker mit der Koregentschaft auseinander gesetzt hätte: Einmal hinsichtlich der Politik Ägyptens und zweitens mit Blick auf die Rolle der Hatschepsut als weibliche Herrscherin.

Alles in allem bietet das Buch eine umfassende biographische Darstellung der neuägyptischen Machthaberin, welche der Quellenlage angemessen ist. Aufgrund der Aufarbeitung und Schilderung eignet es sich für einen fachfremden Leser mit leichten Vorkenntnissen zum alten Ägypten. Ebenso aber auch als Überblickswerk für Ägyptologen, die sich erstmals in die Thematik einarbeiten möchten. Das Buch ist zusammenfassend als populärwissenschaftliches Werk auf erhöhtem Niveau zu betrachten, ohne den Inhalt und historischen Sachverhalte sprachlich zu verkomplizieren. Nicht zuletzt spiegelt sich in der Behandlung der antiken Gestalt Hatschepsut, eines weiblichen Pharaos, ein öffentliches Interesse zur politischen Rolle der Frau in der Gegenwart wider. Denn auch moderne Frauen müssen ihr Handeln in männlich geprägten Bereichen manchmal noch immer legitimieren.

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