Titel
So nah, so fern. Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945-1989.
Rezension

Die Beiträge eines Autorenkollektivs suchen „zwei Wege in die Moderne anhand ausgewählter Ortschaften und Bezirke mit ähnlicher Größe und sozioökonomischen Strukturen auf beiden Seiten der österreichisch-tschechischen Grenze nachzuzeichnen“ (15). Bewerkstelligt wird dies mit Befragungen von „gewöhnlichen‘ Menschen“ (31), wie sich diesen „nun“ die Ereignisse im Beobachtungszeitraum darstellen, „eine kollektiv geteilte und kommunizierte Vergangenheit“ (32) also; die Aussagen werden analytisch gedeutet und in einen geschichtlichen Kontext gestellt.

Die bei den Interviewten gesetzten Schwerpunkte machen im Falle der ČSSR sofort jene mit „traumatisierende[m] Potential“ (49) deutlich, besonders ist es die „Kollektivierung der Landwirtschaft“ (43) sowie der „beschränkte Zugang zur Bildung“ (46). Selbst bei einem Stolz auf die  Ergebnisse der unbezahlten Arbeit, waren diese doch „Zwangsaktionen“ (27). – Sehr spezifisch, ja eigenartig nimmt sich das Verständnis zum Aufmarsch am 1. Mai aus: In der Interpretation wurde er als „Ritual“, „als Selbstverständlichkeit“ akzeptiert (53), nicht unbedingt  „als politisches Ereignis“ (114); in den Befragungen erscheint er gar als „eher spaßig“ (325), oder es kommt zu umschweifig, verharmlosenden Formulierungen wie: „Das war wohl bis zu einem gewissen Grad sicher Zwang“ (54). Die Beiträge gehen solchen Haltungen jedoch auf den Grund, etwa bei Perzi: „‘Dissidententum‘ war ihre Sache nicht, galt es doch, Familie und berufliche Laufbahn nicht durch offene Widerständigkeit zu gefährden, gleichzeitig aber die für sich selbst gezogenen Grenzen des Mittuns nicht zu überschreiten“ (243), und weiter: „Das Volk spielte Begeisterung, die Funktionäre spielten vor, an diese Begeisterung zu glauben.“ (236).

Der Band bietet Möglichkeiten zur eigenen Bewertung: Auf der einen Seite der völlige „Zerfall der sozialen und ökonomischen Zusammensetzung der Bewohner“ wie in Temerschlag [Mosty] (156), „die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Grenzsoldaten“ in Neubistritz [Nová Bystřice] (309) (zwischen 1945 und 1960 kam es zur Schleifung von 130 Dörfern und 3000 Weilern; 1950 wurde ein Grenzstreifen der Breite 2 bis 6 km errichtet; 41) auf der anderen. – Anders als man meinen könnte, blieb die ursprüngliche Bevölkerung nach Entfernung der deutschen nicht unter sich. In der Region Kaplitz [Kaplice] wurden Slowaken aus dem siebenbürgischen Rumänien angesiedelt, machten oft 80 Prozent der Neusiedler aus, die sich obendrein mehr mit den verbliebenen Deutschen familiär verbanden (464). 1970 hatte dieses Gebiet noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung von 1930 erreicht (469).

Bei der Wahl der Orte im österreichischen Waldviertel macht jenes Oedt an der Wild den Unterschied zur ČSSR besonders frappant. Mit Wohlwollen zeichnet Hanns Haas unter dem signifikanten Titel: ‚Die Kraft der Beharrung‘ die Geschichte des Gemeinwesens Oedt nach, deren Bewohner Mitte des 19. Jahrhunderts „keine andere [ortsfremde Grund-]Herrschaft“(120) hatten, und bis heute einen „vergleichsweise engen Dorfzusammenhang sich bewahren konnten“ (153). Das Konzept als Rezept hiefür „ist die Bereitschaft zu intensiven Außenbeziehungen und die Lernbereitschaft bei starker innerer Kohäsion“. Es „verbündelte sich hier in Oedt ein alteuropäisches kommunales Prinzip der ‚gemain‘, teils in genossenschaftlicher Umwandlung, mit dem Modernisierungselan marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen“ (153).

Dieses Fallbeispiel sticht gegenüber den Verhältnissen jenseits der tschechoslowakischen Grenzen besonders ab, wo der Spielraum der Wirtschaft stets reduziert blieb gegenüber dem Primat der Wahrung als nationale, politische Grenze (478). Im Gegensatz zu den Möglichkeiten der Einbindung von Intellektuellen in die Gemeindepolitik, die ab 1980 im österreichischen Kautzen ein abweichendes „gallisches Dorf“ (177) bildeten, wurden in Südböhmen die „intellektuellen Stadtflüchtlinge meist nicht integriert“ (22). Aufgrund des Mehrparteiensystems in Österreich, war im stark industrialisierten Groß-Sieghardts der Aufbau von sozialen Parallelwelten möglich (247).

Man mag hüben und drüben der Grenze „Gemeinsamkeiten“ wegen der gleichermaßen „paternalistischen Bemühungen“ (208) seitens der Politik und Parteien orten, sollte aber dabei nicht übersehen, dass die Parteidoktrin nicht ‚väterlich‘, sondern absolut aufgrund des letztlich ultimativen Betreibens der Sowjetunion war. Erst als diese äußere Klammer sich lockerte, wurde Ende der 80-iger Jahre der weitere Nutzen durch eine wachsende Zahl von Menschen als sinnwidrig angesehen. – Der Sammelband erhellt, dass das was in Österreich den Menschen vergönnt war, in der ČSSR ihnen – manchen! - vorenthalten wurde; so sehr, dass der gewählte Titel des Bandes auch alternativ lauten könnte: ‚So fern, und regional doch so nah‘.

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