Titel
Eine Automobil-Reise durch Bosnien die Hercegovina und Dalmatien von Filius
Rezension

Jeweils zwei beinahe gleiche Hälften nehmen hier der aktuelle Nachdruck der ursprünglich 1908 veröffentlichten Reiseschilderung von Adolf Schmal (d.i. Filius) in das im selben Jahr endgültig als Kronland Österreich-Ungarns annektierte Bosnien, mit Dalmatien als Rückroute, sowie der Kommentar des Herausgebers ein. Letzterer ist durchaus notwendig, denn, wie schon Filius auch als Reisemotiv angab, das Reiseziel ist (übrigens auch heute) eines der „von der Touristik so vernachlässigten Ländern“ (104). Die Einführung fällt umfänglich aus, ist doch hier von der Dortmunder Herkunft des 1872 geborenen Schmals die Rede, der mit seiner Familie 1880 nach Wien kommend auf dem Rad einer der ersten Olympiasieger der Monarchie war. Ebenso für den jungen Motorsport begeistert, schrieb Schmal Ratgeber für Auto und Motorrad, war „sowohl automobilistischer Theoretiker wie begeisterter Tourenfahrer“ (55). Ein Stück Automobilgeschichte wird hier abgehandelt: Fahrlizenz seit 1907; eine in den Kronländern eigene, den Reichshälften Österreichs wie Ungarns quer liegende Regelung der Links- bzw. Rechtsfahrordnung; der Unfallhäufigkeit. Ein A oder ein H als nationales Kennzeichen zu führen, konnte man in Bosnien wählen.

Filius, der im September 1907 diese Reise mit bewusst miteinander verwandten Teilnehmern antrat, lobt den niedrigen Preiswert des Landes, die außerordentliche „Liebenswürdigkeit“ und „Zuvorkommenheit“ (104) seiner Bevölkerung, die geringen Verständnisnöte, da diese entweder auch Deutsch verstünden, die Teilnehmer selbst auch „böhmisch“ (119) beisteuern könnten. Er erklärt die eigene Gruppe zu „Automobilnomaden“, die „niemals Zimmer im voraus bestellt“ (129) hätten. Unbekümmert, unkonventionell wirkt diese Beschreibung jener Neugierigen, die immer wieder das Fahrzeug begutachten, bis zu den 13 Mänteln, welche bei Fahrtwind und Witterung auch zum Einsatz kamen. Bei der Heimreise wirken die Teilnehmer nicht unbedingt glücklich, wenn Filius schreibt: „Daß wir uns im Fluge der Heimat näherten, das bewiesen uns die Kutscher, die wieder grob, und die Pferde, die wieder scheu wurden. Ein Zusammenhang zwischen dem Charakter der Menschen und der Pferde besteht zweifellos.“ (163 f.) Hierin, im nachlesbaren Wohlwollen den besuchten Menschen gegenüber, verbirgt sich auch eine Kritik an den Verhältnissen der eigenen Herkunftsregion im gemeinsamen Staat; es mag ein Mangel der Ausführungen des Herausgebers sein, dass sie wenig problemorientiert sind. Weniger jedenfalls, wie sie andeutungsweise bei Filius vorkommen, wenn er zum Reiseende als Überbleibsel am Fahrzeug notiert: „Wer wollte, konnte noch hier auf der Rückwand unseres Wagens die in den Staub gezeichneten türkischen Schriftzüge sehen, die uns in der Hercegowina auf den Weg gegeben worden waren. Hoffentlich waren es Koransprüche und keine Flüche.“ (166) Filius reflektiert die Kluft zwischen erheblicher Armut und eigenem Wohlstand sehr wohl mit.

Die Orginalausgabe von 1908 enthielt die nun ebenfalls gedruckten 63 Abbildungen, welche durch viele andere im Kommentarteil noch anschaulich ergänzt werden. Der Wiederabdruck liest sich insgesamt kurzweiliger als die Fahrt dauerte, auch da er ebenfalls die originale ‚kilometrierte Route‘ wie auch einen zeitgenössischen ‚Anzeigenteil‘ beinhaltet.

Bosnien und Hercegowina, heute ein Staat, was seine Zukunft betrifft, in der Schwebe. – Vielleicht fahren Sie die Route nach, und sei es um zu vergleichen! -  Samsingers Band liefert Ihnen dafür gewissermaßen das geschichtlich volkskundliche ‚Hirn‘, von dem Filius schreibt, „dass der wichtigste Teil des Automobils immer das Hirn dessen ist, der hinter der Lenkung sitzt“ (51).

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