Titel
‚Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh‘.
Untertitel
Eine Überlebensgeschichte
Rezension

Wieder einmal hat der Autor auf seine Bestimmung reagiert und in einem zweiwöchigen Interview Antwort gegeben auf Erlebnisse in Österreich und Konzentrationslagern, so wie er auf seine damalige Bestimmung reagiert hatte, nur mehr eine „erniedrigende Haft und nicht lange überleben“ (123) zu sollen. Das erzählte Ergebnis macht die exorbitante Stärke von Schwächen, vor allem jene nicht nein sagen zu können (etwa Verlockungen von Frauen und Moden, gleichfalls bei Hilfeersuchen anderer; Feingold wurde der Vorsitzende der Isrealitischen Kultusgemeinschaft Salzburgs) offenkundig, gegenüber einer Herrschaft die ja zu sagen verstand nur in vernichtender Verneinung: Auf Feingold wirkte die permanente Existenzbedrohung als Elixier zu überleben.

Leider nicht fiktiv ist das, was Feingold der literarischen Figur des Picaro, Schelmen gleich an List, Schlichen und Trug anzuwenden sich genötigt sieht, was er u.a. im „Praktikum“ (62) der ‚Halbwelt‘ des Wiener Praters gelernt hat. Überhaupt bewegt er sich als junger Handlungsreisender in einem Radius, als ob es das Altösterreich noch gäbe, bis zur Verhaftung im Mai 1939 in Prag.

In seinen Feststellungen enthält er sich auch dem, was landläufig als ‚politisch korrekt‘ gilt, schließlich wollte man ihm ja die Tatsache seiner Existenz vorenthalten: „ich mied jüdische Gesellschaft“ (80), schreibt er; und: „Mussolini beeindruckte mich schon“ (92); selbst von Hitler „wäre ich vielleicht fasziniert gewesen, [w]enn ich nicht Jude gewesen“ (99); „Seit den Verbrechen, die Polen an Juden begangen haben, kann ich sie nicht ausstehen“ (153). – Überhaupt „glaubte [er] auch nicht ans Überleben, das war eine zu große Illusion“ (156).

Erhellend sind insbesondere seine Schilderungen der Nachkriegssituation in Salzburg, wo er sein Organisationstalent für die jüdischen Mit-Opfer unter schwelendem Antisemitismus besonders geltend machte, nicht geschätzt auch als Geschäftsmann („Sechseckige Eier hätte ich verkaufen können, aber sonst nichts.“, 267). Ein Makler auch hier, unter „lauter ‚Beinah-Verhaftete[n]‘“ (263), indem er sich zurückhält, „denn sonst wäre ich mit ganz Salzburg im Krieg gestanden“ (265). Angebote in die USA einzuwandern schlug er aus, in „Salzburg war es gemütlicher“ und „die Menschen muss ich nicht sehen“ (288), beschwichtigt er sich: „Ich hatte damals natürlich eine Wut auf die Leute, aber ich konnte doch nicht jedem eine in die Gosch’n [Gesicht] hauen, auch wenn sie es verdient hätten!“ (231 f.)

Trotz solcher Mäßigung stellt, neben anderen Maßnahmen, gerade vorliegende ‚Geschichte‘ eine Art von ethischem Inkasso dar: Denn eine Ohrfeige kann es (für die Betreffenden, Betroffenen) schon sein, sich konfrontiert zu sehen mit einer derart leicht, ja unbekümmert vorgetragenen Schilderung von rettender Lebensenergie, während andere jene Zeitumstände als zu schwierig erlebten, um gegen die Vernichtungsenergie sich wirksam behaupten zu können. Letzteren gegenüber liegt Feingold gänzlich quer.

Eine Querlage, die sich auch in den an den Autor gerichteten ‚Droh- und Schmähbriefen‘ (305-307) dokumentiert, denen Feingold seinen (Wiener) ‚Schmäh‘ entgegenhält.

Was ein solcher ‚Schmäh‘ eigentlich ist, steht zwar nicht im Glossar des Anhangs. Ein Manko! -  Aber in den spezifischen ‚Antworten‘ Feingolds auf die Gesellschaften des Dritten Reiches, des Vor- und Nachkriegsösterreichs, kann man sich davon ein gutes Bild machen.

Jedenfalls zeigen seine Erinnerungen den Werdegang eines Menschen, ‚wie‘ dieser sich seine Bürgerschaft als Österreicher erst verdienen musste, im Gegensatz zu jenen, die sie wie selbstverständlich für sich beanspruchten.

Zurück