Titel
Rudolf Fahrner. Gesammelte Werke in zwei Bänden
Untertitel
Band 1: Dichtung und Deutung. Band 2: Erinnerungen und Dokumente.
Rezension

Da die bereits im Jahre 2008 erschiene Ausgabe der „Gesammelten Werke“ des Germanisten und Schriftstellers Rudolf Fahrner offensichtlich bisher noch nicht die Beachtung gefunden hat, die sie verdient, soll an dieser Stelle – kurz nach Fahrners 110. Geburtstag – noch einmal auf sie hingewiesen werden.

Da Rudolf Fahrners literarische und wissenschaftliche Texte bisher fast unzugänglich waren, schafft die Werkausgabe nun erstmals, zumindest für den Teil seiner nicht-monographischen Schriften, willkommene Abhilfe. Sie erschließt eine Persönlichkeit, die wie wenige andere Wissenschaftler in eigenen Dichtungen wie in den Deutungen Meister Eckharts, Goethes, Hölderlins, Hofmannsthals oder Stefan Georges stets von der Sprache der Kunstwerke ausgehen. Zu den „Dichtungen und Deutungen“ des ersten Bandes treten biographische „Erinnerungen“ und „Dokumente“, etwa Briefe, Auszüge aus Hochschulreden und Vorlesungen im zweiten Band der Werkausgabe. Zwar findet Rudolf Fahrner in Manfred Riedels viel beachtetem Buch „Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg“ vom Jahre 2006 an einigen Stellen Erwähnung. Und auch in Herbert Ammons Besprechung, „Vom Geist Georges zur Tat Stauffenbergs – Manfred Riedels Rettung des Reiches“ (http://www.iablis.de/iablis_t/2007/ammonrez07.html) spielt Fahrner eine gewisse Rolle: „In der Art und Weise, wie er [Riedel] jegliche Kritik an George abweist, die edle Geisteswelt des »Meisters« vom »Proto-Nazismus« der Münchner »Kosmiker« um Alfred Schuler und Ludwig Klages – denen George und Karl Wolfskehl zugehört hatten – scheidet, macht es sich Riedel zu leicht. Die anfänglichen Sympathien des jungen Claus Stauffenberg – schon 1932 erklärte er sich im Offizierskreis für Hitler – für die »nationale Erhebung«, der Übergang einer bemerkenswerten Anzahl von Freunden zur siegreichen NS-Bewegung, darunter Ernst Bertram, Ludwig Thormaehlen, der Stauffenberg-Vetter Woldemar Graf von Üxküll-Gyllenband und Rudolf Fahrner, bedürften der Erklärung statt eines einfachen Scheidemessers. Der Freund Frank Mehnert (Viktor Frank) schuf außer einer Stauffenberg-Büste mit Zustimmung des Meisters Hitler-Büsten, die sich als durchaus lukrativ erwiesen. […] Der am 5. Februar 1933 in die SA (bei den »braunen Knechten«) eingetretene Fahrner bereute dies alsbald und trat bereits 1935 als Hitler-Gegner hervor. Für die Mehrzahl der vom »Neuen Reich« angezogenen George-Jünger kam der Bruch mit ihren Illusionen erst durch das November-Pogrom 1938.“ Die kurz nach Riedels Buch und Ammons Besprechung erschienenen „Gesammelten Werke“ Fahrners eröffnen nun eigentlich erst die Möglichkeit zu Mutmaßungen und Erklärungen, die „statt eines einfachen Scheidemessers“ herangezogen werden können. In der Germanistik scheint Rudolf Fahrner jedoch – trotz Karin Buselmeiers Eintrag im „Internationalen Germanistenlexikon“ – weiterhin weitgehend vergessen zu sein. Und dafür gibt es, zumindest auf den ersten Blick, durchaus auch Gründe.

Rudolf Fahrners Sympathien für den Nationalsozialismus ließen ihn 1933 – bereits seit fünf Jahren habilitiert, aber noch ohne Ruf auf eine Professur – in die SA eintreten. Auch soll er im November 1933 in Leipzig das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnet haben. Und obwohl er nach nur zwei Jahren aus der SA wieder austrat, scheint diese Mitgliedschaft die Rezeption seines Werkes bis heute entscheidend geprägt zu haben. Selbst seine Freundschaft mit den Brüdern Berthold und Claus von Stauffenberg und seine – damals unentdeckt gebliebene – Zugehörigkeit zum Kreis der Widerstandskämpfer um Claus Graf von Stauffenberg haben daran nichts ändern können.

Allein schon die Tatsache, dass Rudolf Fahrner als Nachfolger des aus dem Amt gejagten Literaturwissenschaftlers Richard Alewyn 1934 nach Heidelberg auf den ehemaligen Lehrstuhl Friedrich Gundolfs berufen wurde, hätte ihm einen Platz in der Fachgeschichte sichern müssen. Aber schon kurze Zeit später erweist sich die Berufung für beide Seiten, für die Universität wie für Fahrner, als ein Missverständnis. In seiner Personalakte der Universität Heidelberg – aus der hier und im Folgenden in Ergänzung zur Werkausgabe zitiert wird – findet sich, datiert auf den 20. September 1935, ein beeindruckendes Schreiben an den Rektor der Universität Heidelberg: „Auf Nachfrage vom 16. Sept. 35 erkläre ich, dass ich nicht Mitglied der NSFAP bin. Fahrner“. Kurz darauf beantragt er seine Beurlaubung aus gesundheitlichen Gründen und wird vom Ministerium am 22.11. 35 als „durch Krankheit dienstbehindert“ eingestuft. Der Dekan der Fakultät erläutert – ebenfalls Personalakte Fahrner – die Sachlage am 14.2.36 dem Rektor der Universität: „[…] Endlich entzog sich Herr Fahrner von Anfang an, jedem Versuch, ihn zu einer Gemeinschaft heranzuziehen. Er hält sich bewußt abseits und ist aus seiner ablehnenden Haltung nicht herauszubringen. […] Bei dieser Sachlage halte ich es für meine Pflicht, Ew. Magnifizenz, um die Erwägung zu bitten, ob es nicht tunlich sei, Herrn Prof. Fahrner irgendwie anderweitig zu verwenden; ein Vertreter eines so wichtigen Faches, der gegenüber der Aufbauarbeit der nationalsozialistischen Fakultät so vollkommen versagt, kann hier kaum eine bleibende Stätte haben.“ Man einigte sich schließlich darauf, Fahrner als „beurlaubten Dozenten im Lehrkörper“ zu belassen und gewährte als „Unterstützungsgehalt für zwei Jahre monatl. 220 RM“. Mit Unterstützung des Ministeriums wurde er schließlich 1941 zum Leiter des „Deutschen Wissenschaftlichen Instituts“ in Athen ernannt. Auf fast 50 Seiten geben die „Erinnerungen“ einen bewegenden Einblick in diese Lebensphase (vgl. dazu auch Chryssoula Kambas – Marilisa Mitsou [Hg.], Hellas verstehen. Deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert, Köln – Weimar – Wien 2010). Anders als bei vielen Fachkollegen kam Fahrners Laufbahn nach 1945 nur sehr mühsam wieder in Gang. Nachdem er 1950 eine Professur in Ankara erhalten hatte, wurde er schließlich 1958 als Professor für Literaturwissenschaft an die Technische Hochschule Karlsruhe berufen, wo er nur unterbrochen durch eine Gastprofessur in Kairo 1965/66 bis zu seiner Emeritierung 1972 lehrte.

Die in den „Gesammelten Schriften“ versammelten literarischen und wissenschaftlichen Texte sollen hier nicht einzeln beurteilt werden, faszinierend ist die Werkausgabe als Ganzes. Der Lebensweg des Waldlerbuben aus dem Böhmerwald, der zum Studium zu Fuß von Linz nach Heidelberg wandert und dort, weil das Semester noch nicht begonnen hat, gleich durch den Odenwald und Spessart in die Rhön und bis Fulda weiterläuft, ist – nach Berührungen mit Gundolf und dem George-Kreis, dem Nationalsozialismus und dem Stauffenberg-Kreis zugleich eine Geschichte der Anfechtungen und Herausforderungen, die an ein Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestellt werden konnten. 

ISBN 978-3-412-20110-4, 352 Seiten und ISBN 978-3-412-20111-1, 434 Seiten, 78,80 Euro. 

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