Titel
Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit
Rezension

Der Dichter als Revolutionär – Revolte und Genie

Neue Publikationen anlässlich des 200. Geburtstags von Georg Büchner im Oktober 2013

Einen „Dichter zwischen den Generationen“ nannte ihn 1958 Ernst Johann in seiner Rowohlt-Monografie. „Er ist nicht zu früh geboren, er ist zu früh gestorben.“ Und zu vieles von ihm ist verschollen, unwiederbringlich zerstört. Die auf der historisch-kritischen Ausgabe beruhende Edition „Werke und Briefe Büchners“ (1988) enthält 69 persönliche Schriftstücke – doch seine Tagebuchblätter gingen verloren, ebenso ein Porträt mit einer Haarlocke, ganz zu schweigen vom Besitz der Familie, die 1944 bei einem Bombenangriff auf Darmstadt verbrannte; nur was in die Archive der Behörden gelangt war, blieb erhalten. Büchners Nachlass passt in zwei Kästen, Goethes hingegen in 480. Diese Tatsachen zeigen uns, vor welchen Herausforderungen Büchner-Herausgeber stehen, aber auch die Biografen, die auf authentische Dokumente angewiesen sind. Inkompetenz, Unglück und Unachtsamkeit hätten Spuren des Schriftstellers beinahe ausgelöscht (so hat etwa seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé vor ihrem Tod alle ihr zur Verfügung stehenden Manuskripte und Papiere vernichtet: Werkabschnitte, Notizen, Entwürfe; möglicherweise auch die Handschrift des Dramas „Pietro Aretino“, von dem Büchners Bruder Ludwig berichtete), doch was uns blieb, ist beeindruckend, „gut genug, um mehr als hundertfünfzig Jahre nach seinem Tod für ihn zu zeugen“, wie Albert Drach 1988 anlässlich der Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises erklärte: die Flugschrift „Der hessische Landbote“, das duftige Verwechslungsstück „Leonce und Lena“, das epische Bruchstück „Lenz“ sowie das Schauspiel „Dantons Tod“. Der beinahe vollständige Text „Woyzeck“ sollte zwar gleich nach dem Tod des Autors herauskommen; die Originalhandschrift jedoch behielt die Familie in ihrem Besitz, bis der Ostjude Karl Emil Franzos die fast völlig verblasste Tinte durch ein Naturverfahren lebendig machte und 1897 die erste Gesamtausgabe „in eigenwilliger Anordnung und Lesart“ (Drach) herausbrachte. In der populären Insel-Ausgabe von Fritz Bergemann umfassen Büchners Werke nicht einmal siebenhundert Seiten, die Anmerkungen mitgerechnet – ein Œuvre, schmal wie ein Ruderblatt, aber von gewaltiger Wirkung auf die Nachgeborenen.

Der 150. Todestag Büchners am 19. Februar 1987 gab Anlass, die vor allem in den vorangegangenen Dezennien vermehrten Erträge der biografischen, textlichen und zeitgeschichtlichen Büchnerforschung in mehreren Publikationen vorzustellen. So gibt es neben einer (mittlerweile vergriffenen) bebilderten Biografie „Leben und Werk in Bild und Text“ von Thomas Michael Mayer z.B. auch einen Insel-Almanach des Jahres, der sich mit dem Dichter befasst.

„Alles, was Georg Büchner unternahm, tat er aus Leidenschaft“, heißt es in dem engagierten Nachwort Friedrich Dürrenmatts zur Werkausgabe des Diogenes Verlags (1988). Vielleicht ist es diese Leidenschaft, die Unbeugsamkeit des Charakters, die heute mehr denn fasziniert. Büchner ist als Dichter – aber auch in seiner politischen Haltung, d.h. als Sozialrevolutionär und Naturforscher – gleich in dreifacher Hinsicht eine paradigmatische Existenz, ein Mensch, der alles auf eine Karte setzte. Und was begeistert mehr und macht zugleich mehr Angst als Kompromisslosigkeit in einer Welt der Lauheit und Kleinheit? Ist es diese Ambivalenz, die Büchner zu unserem Zeitgenossen macht? Wie sonst ließe sich beispielsweise erklären, dass ein Forscher wie Jan-Christoph Hauschild mindestens fünf Bücher über ihn schrieb? Gemeint ist die Büchner-Biografie „Studien und neue Quellen zu Leben, Werk und Wirkung“ (1985), eine Rowohlt-Monografie (1992, 2004, 2011), das Buch „Wir alle sind Schurken und Engel“ (2012) und zwei aktuelle Publikationen zum 200. Geburtstag. Die eine ist bei dtv unter dem etwas reißerischen Titel „Georg Büchners Frauen“ erschienen, die andere bei Hofmann und Campe – und zwar als „Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit“.

Im letztgenannten Werk geht es vor allem um das soziale Bewusstsein Büchners, seinen Werdegang, die Gefahren, denen er, seine Mitkämpfer und Freunde im Deutschland des Jahres 1830 ausgesetzt waren.

Nun also der politische Aspekt: Der Buchtitel ist Programm. Der Aufbau des Textes ist eigenwillig, aber stimmig – setzt jedoch bereits eine gute Kenntnis von Büchners Leben und Werk voraus, um die Darstellungsweise Hauschilds angemessen würdigen zu können, denn der Autor erzählt nicht plan „von der Wiege bis zur Bahre“ nach, sondern setzt Akzente und beginnt mit dem Ende. Er berichtet, wie Büchner erkrankt; sein Tod ist abzusehen. „Ende Oktober ist in Zürich der erste Schnee gefallen. Straßen und Gassen sind weiß, aus den Kamin steigt Rauch in Wirbeln und Säulen, senkrecht stehen sie über den Dächern, die schwarzen Silhouetten der entlaubten Bäume tragen weiße Polster.“ Dieser Anfang von Hauschilds Büchner-Biografie liest sich wie die Beschreibung eines Breughel-Gemäldes; scheinbar hat sie mit dem Dichter nichts zu tun. Doch es ist, als ob ein Dramaturg ein Bühnenbild entwirft, auf dem der Akteur auftreten wird. Unser Protagonist jedoch – stirbt.

Erst wird eine ganze Seite lang ein Wetterbericht gegeben; eben weil wir so wenig über Büchner wissen und vieles immer noch im Dunkeln liegt, klammert man sich an Details. Es folgt eine Beschreibung des Wetters vom November, vom Dezember, dann vom Januar: Büchner ist krank, muss seine Vorlesung „Zootomische Demonstrationen“, die er dreimal wöchentlich auf seinem Zimmer in der Steingasse hält, ausfallen lassen. Er habe sich „verkältet“, heißt es. Am 24. Januar erschüttert ein leichtes Erdbeben den Kanton; Büchner hat Typhus. Als Ursache für die Erkrankung muss noch die alte Miasmen-Theorie herhalten; andere machen das wechselhafte Wetter verantwortlich. „Dass die Krankheit durch ein Bakterium hervorgerufen wird, ist eine Entdeckung späterer Jahrzehnte.“ Die Krankheit zieht sich Wochen hin, beginnend mit Schwäche, Fiebrigkeit, Kopfschmerzen. Es werden die Eltern in Darmstadt informiert. Schließlich treten Wahnvorstellungen beim Kranken auf; Büchner hat Angst, den deutschen Behörden ausgeliefert zu werden.  Der Faden dieses Teils der Lebensgeschichte, auf Seite 19 fallengelassen, wird erst wieder auf Seite 301 aufgenommen. Dazwischen aber geschieht viel; wie in einem Zeitraffer werden uns die Geschehnisse übermittelt: als ließe sich ein intensives, kurzes Leben so erzählen – in einer Art stilistischer Atemlosigkeit.

Das zweite Kapitel setzt etwas unvermittelt im „Sommer 1834“ ein. In Oberhessen hat die Entwicklung des Arbeitsmarkts mit der Bevölkerungszunahme nicht Schritt halten können. Vor allem auf dem Land fristen Kleinbauern und Tagelöhner („insgesamt sechzig Prozent der Gesamtbevölkerung“) ein erbärmliches Dasein am Existenzminimum. Nur der Einführung der Kartoffel Mitte des 18. Jahrhunderts war es zu verdanken, dass Hungersnöte nicht zur Dauererscheinung wurden. Vier Jahre zuvor hatten die Geschundenen revoltiert: Sie wehrten sich gegen die doppelte Belastung durch feudale Dienste und Abgaben landesherrlicher Steuern.

In Gießen sind viele Studenten heimlich in der verbotenen Burschenschaft organisiert; einige sind 1833 Mitwisser und sogar Beteiligte des Frankfurter Wachensturms gewesen, „eines republikanischen Aufstandsversuches, der das Signal für eine bewaffnete Erhebung in Südwestdeutschland sein sollte“.

Büchner, zu dieser Zeit Student der Medizin und Naturwissenschaften in Straßburg, hatte das Unternehmen von Anfang an mit kritischen Augen gesehen. Der Massenstreik der Seidenweber 1831 in Lyon und die Pariser Erhebung im Jahr darauf hatten ihm gezeigt, dass eine durchgreifende gesellschaftliche Veränderung nur möglich ist, wenn sie sich auf die große Masse des Volks stützt, die durch Flugschriftenpropaganda gewonnen werden müsste. Alles „Bewegen und Schreien des Einzelnen“, so Büchner in einem Brief an die Eltern, stellt „vergebliches Torenwerk“ dar. Büchners Hoffnungen gründen auf der Masse der Handwerker und Bauern.

Nach seiner Rückkehr aus Straßburg entscheidet sich Georg Büchner bereits in seinen ersten Semestern an der Landesuniversität Gießen für die politische Einmischung. Damit riskiert er nicht allein seine berufliche Karriere, er riskiert sogar seine körperliche Unversehrtheit, sein Leben, wie das Beispiel des engen Freundes Friedrich Ludwig Weidig zeigt, der in der Darmstädter Untersuchungshaft starb. Als einer der rund zwanzig politischen Gefangenen ist er dort fast zwei Jahre hindurch zermürbenden Verhören und Schikanen durch einen gnadenlosen Untersuchungsrichter ausgesetzt gewesen – „meist in Dämmerung und Dunkelheit, ohne Tisch, Stuhl oder Pritsche“. Andere Gefangene geraten durch die Isolierung und die demütigende Behandlung an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs. Weidig, der als mutmaßlicher Kopf der Verschwörung von allen Inhaftierten die schlimmste Behandlung erfährt, widersteht bis zuletzt allen Bemühungen, Geständnisse von ihm zu erzwingen. Er begeht Selbstmord.

Büchners Engagement erfüllt den Strafbestand des Hochverrats, der mit langjährigen Haftstrafen geahndet wird. 

// Ein Blick nach Frankreich zeigt uns, was Freiheit bedeuten kann: In den drei „glorreichen“ Julitagen des Jahres 1830 gab das Volk von Paris ganz Europa ein  revolutionäres Signal: Der Widerstand einer breiten Koalition aus Bürgertum, Arbeiterschaft und Studenten ließ den Versuch Karls X., verfassungsmäßig garantierte Rechte einzuschränken oder ganz abzuschaffen, scheitern. Anstelle des verjagten Bourbonen, der sich „von Gottes Gnaden König von Frankreich“ hatte titulieren lassen, bestieg Louis Philippe, Herzog von Orléans, den Thron. Am 9. August leistete er seinen Eid auf die französische Verfassung als „König der Franzosen“. Zwar erhielt die liberale Opposition auch in Deutschland starke Impulse – am 7. September wurde der Herzog von Braunschweig von aufgebrachten Bürgern vertrieben am 7. September –, doch versickerte diese Kraft bald. Selbst 1848 hielt der Widerstand nicht lange an. //

Büchner teilt nicht die Meinung der Mehrheit, die sich mit der Misere abfindet, darüber hinwegsieht oder in ihrer Wahrnehmung die Realität durch eine Illusion ersetzt. Er entwirft Pläne, die aufs Gemeinwohl zielen. Trotzdem bleibt er vernünftig und umsichtig. Was er sagen muss, teilt er in seinen Werken mit, auch wenn er damit viel aufs Spiel setzt: 1834 wird der „Hessische Landbote“ veröffentlicht, eine Polemik gegen die „Gießener Winkelpolitik“ (freilich nicht der Gießener allein). Die Jahre zwischen 1815 und 1830 waren für ganz Deutschland Notjahre: Nachkriegsjahre, Krisenjahre, für die Bauern gekennzeichnet durch das ständige Sinken des Getreidepreises, also ihres Bar-Einkommens. Unter dem Druck der Not wandern viele aus – illegal, denn selbst das Auswandern ist von der Erlaubnis des Landesherrn abhängig.

Hauschild beschäftigt sich mit Leben, Werk und Selbstbild Büchners, stellt eingehend die Zeitverhältnisse dar, an denen er sich rieb; der Autor hinterfragt die Büchner-Mythen und zeigt von Kapitel zu Kapitel die Vielschichtigkeit dieses Dichters: Nüchternheit und Pathos; seine Resignation 1834; die bittere Einsicht, dass „zweckmäßiges, übereinstimmendes Handeln“ zu keinem Ergebnis führt; sein Bemühen, sich als Wissenschaftler Reputation zu verschaffen: auch, um den Vater zufriedenzustellen. Hauschild zeigt intensiv den gesellschaftlichen Hintergrund, eine Epoche finsterer Reaktion, holt Freunde und Kampfgenossen ins Bild, erklärt Büchners Schriften und welche Kräfte einwirkten auf sein dichterisches Tun – störend und fordernd zugleich; zuletzt – auf sechs quälenden Seiten – dann die Tage und Umstände des Typhus-Tods.

Georg Büchner – eine dichterische und naturwissenschaftliche Begabung, die wie ein erratischer Block quer zum Zeitgeist stand; und ein Lebenslauf, der immer wieder zur Auseinandersetzung herausforderte – ob nun Ernst Johann, Kasimir Edschmid (1970) oder Jan-Christoph Hauschild.

Letzterer ging im Laufe der Jahre einen guten Weg: von einer streng germanistischen Sprache (1985) bis zu einem lockeren, mitreißenden Erzählstil; seine neueste Arbeit ermangelt indes der Übersichtlichkeit; wer genügend Vorwissen besitzt, kann sie jedoch mit Gewinn lesen.

 

 

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